«Sie begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tod»

Krise - welche Krise? Laut Roger Schawinski kann sich das Medium Radio auch im Internetzeitalter bestens halten. Für andere Medien komme es dagegen knüppeldick.

«Das Radio profitiert von der Krise»: Medienunternehmer Roger Schawinski.

«Das Radio profitiert von der Krise»: Medienunternehmer Roger Schawinski.

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Radio 1 bald auch im Glarnerland

Roger Schawinski ist zuversichtlich, schon in der zweiten Hälfte 2009 mit Radio 1 auch ausserhalb des Zürcher Stadtgebiets auf Sendung zu gehen. «Es geht überraschend zügig voran», erklärt der Medienprofi gegenüber Newsnetz/Tagesanzeiger.ch. Schawinski erhielt vor wenigen Monaten die Konzession für das Sendegebiet Zürich-Glarus. Es ist fünf Mal grösser als das heutige.

Schawinski hat noch nicht die Hoffnung aufgegeben, auch im Aargau und in Graubünden mit seiner Radiostation auf Sendung zu gehen. Dies obwohl die Sender der regionalen Medienhäuser AZ Medien und Südostschweiz Medien dort den Zuschlag vom UVEK erhalten haben. Seine zwei Beschwerden gegen den Entscheid sind noch hängig. Schawinksi rechnet damit, dass das Bundesverwaltungsgericht den Entscheid des Bakom korrigiert: «Wir können sehr gute Argumente vorlegen.»

Ein massiver Ausbau der Redaktion von Radio 1 ist aufgrund der starken Ausdehnung des Sendegebiets ist nicht geplant: «Wir haben von Anfang an grosse Vorleistungen erbracht und besitzen bereits jetzt ein hochklassiges Radioprogramm», so Schawinski. Geplant ist aber eine Stärkung der regionalen Berichterstattung.



Herr Schawinski, die Medienbranche befindet sich in der Krise - Wie stark leidet auch Radio 1 unter schwindenden Werbeeinnahmen?
Gar nicht. Wir haben das Werbebudget übertroffen, das ich vor dem Sendestart im März erstellt und im Bakom eingereicht habe. Im Dezember hatten wir unseren besten Monat überhaupt, und wir liegen auch im Januar über Budget.

Wie erklären Sie sich das?
Zum einen honoriert man unser Programm. Zum anderen profitiert das Medium Radio insgesamt von der Krise. Für die überteuerten Zeitungen und Zeitschriften kommt es hingegen knüppeldick: Die Werbeauftraggeber verfügen dort weder über harte Mediendaten noch über günstige Anzeigenpreise. Sie investieren deshalb in diesen Zeiten, wo gespart werden muss, in attraktivere, günstigere Medien. Dazu gehört das Radio. Nun begehen die in Panik geratenen Zeitungen mit ihrer aggressiven Internetstrategie Selbstmord aus Angst vor dem Tod: Ich lese etwa am Abend auf Newsnetz jeweils jene Artikel gratis, für die ich zwölf Stunden später bezahlen soll. Das kann nicht lange gut gehen.

Was haben denn die Verlage für eine andere Alternative, als aufs Internet zu setzen? Das Newsgeschäft wandert ohnehin ins Online-Medium ab.
Die Medienhäuser sollten viel mehr auf die alten Stärken des Prints setzten und nicht die Klickzahlen im Internet als Grundlage nehmen für die Gewichtung der Artikel in der Zeitung. Wer das tut, degradiert das Printprodukt zur Zweitauswertung des Internets. Ich möchte allerdings auch nicht in der Haut der Verleger stecken: Die Milliardenverluste des Medienimperiums von Rupert Murdoch und die fatale Lage der «New York Times» zeigen eindrücklich, dass es für den Print wirklich Matthäus am letzten ist.

Ist der Krebsgang der Zeitungen selbstverschuldet?
Ich stelle nur fest, dass die Zeitungen sich in einer dramatischen Situation befinden: Solange ihre Renditen gut waren, haben sie nicht auf die rückläufigen Leserzahlen reagiert. Das war grob fahrlässig. Und nun, wo auch die Inserate schockartig eingebrochen sind, ist es sehr spät, um das Ruder noch herumzureissen. Alle Aktivitäten der jüngsten Zeit wirken extrem hilflos.

Als Newsmedium verliert aber auch das Radio gegenüber dem Internet an Bedeutung.
Das glaube ich nicht. Beide Medien sind gleich schnell. Im Unterschied zum Internet ist das Radio aber auch emotional und überall verfügbar, auch im Auto. Das Internet ist dagegen ein eher kaltes Medium, das in wirtschaftlicher Hinsicht zurzeit stark überbewertet wird. Die Euphorie wird schon bald abkühlen. Verleger Herbert Burda sagte letzte Woche am WEF ernüchtert, mit dem Internet verdiene man nur Pennys. Das trifft den Nagel auf den Kopf.

Die Privatradios befinden sich in einer ungemütlichen Lage: Nach einer Hochphase verlieren sie stetig Hörer an die SRG-Sender. Woran liegt das?
Erstens: Wenn ich in Zürich herumfahre und im Autoradio herumzappe, kann ich auf gefühlten zehn Kanälen DRS 1 hören. Die SRG hat einfach die überwiegende Mehrzahl an Sendeplätzen sowie auch die besten Sender in der ganzen Schweiz. Die Privaten waren aber auch nicht innovativ. Man hat an der Qualität und an den Mitarbeitern gespart. Das war auch der Grund, weshalb ich wieder eingestiegen bin. Ich war und bin überzeugt, dass sich dieser rückläufige Trend nur mit Qualität umkehren lässt. Die Hörerzahlen von Radio 1 bestätigen dies.

Bei der Information werden Sie es doch nie aufnehmen können mit den SRG-Sendern. Privatradios können sich ein derart dichtes Korrespondentennetz nie leisten.
Falsch. Radio 1 hat Korrespondenten auf der ganzen Welt. Nur strahlen wir unsere Beiträge nicht wie DRS mit dem «Echo der Zeit» erst abends als Halbkonserve aus. Stattdessen bringen wir laufend und aktuell Beiträge von Korrespondenten von Bangkok über Washington bis hin nach Moskau. Darauf haben wir von Anfang an Wert gelegt. Das «Echo der Zeit» ist meiner Meinung nach etwas überbewertet. Oft hat es denn Anschein, als werden die Sendungen bloss abgefüllt. Die Qualität einzelner Sendungen ist deshalb stark schwankend.

Wenn die Sendung so langweilig und schlecht ist: Weshalb wird sie dann täglich von einem Millionenpublikum gehört?
Die haben 40 Jahre Vorsprung und strahlen ihre Sendung über hunderte Sender in der ganzen Schweiz aus. Wir haben bisher einen einzigen kleinen Sender auf dem Zürichberg. Zum Glück werden wir bald einen Sender auf der Felsenegg in Betrieb nehmen können, um unser kleines Sendegebiet endlich richtig versorgen zu können.

Radio 1 verfügt doch im Vergleich zu Radio DRS nur über einen Bruchteil der personellen Kapazitäten in der Redaktion. Das merkt auch der Hörer.
Bei Radio DRS arbeiten 250 Redaktoren, wir haben 12. Wir haben also eine anspruchsvolle Aufgabe, denen Paroli zu bieten. DRS-Chefredaktor Rudolf Matter erklärte in einem Interview, dass die Koordination der eigenen Arbeitskräfte für ihn so viel Zeit in Anspruch nehme, dass er kaum dazu komme, seine Sendungen zu hören. Das zeigt doch, wie unbeweglich die SRG-Sender sind. Im Gegensatz dazu sind wir viel schneller und beweglicher.

Radio 1 hat nach einem starken Start über ein Drittel seiner Hörer verloren. Der Verdacht: Viele Hörer sind nach anfänglicher Neugier wieder zu ihren früheren Stammsendern zurückgekehrt.
Wir profitierten am Anfang stark von der von uns geschürten Neugier und einer grossen Werbekampagne, so dass fast alle in Zürich unseren Sender einschalteten, um einmal reinzuhören. Das führte in den ersten Wochen zu sensationell hohen Hörerzahlen. Zwei Drittel dieser Hörer sind geblieben. Für uns ist das ein sehr gutes Resultat, besser als erwartet. Wir erreichen in einem Drittel des Sendegebietes etwa einen Drittel der Hörer der anderen Zürcher Sender. Damit ist unser Start gelungen.

Ist es Ihr erklärtes Ziel, die Nummer 1 im Zürcher Radiomarkt zu werden?
Unser Ziel wird es sein, nach der Umsetzung der grossen Konzession in der Spitzengruppe mitzuspielen. Wir sind uns bewusst, dass die Macht der Gewohnheit gross ist. Radio 24 hatte von Anfang an eine sehr grosse Ausstrahlung, es prägte ganze Generationen. Wie Sie wissen, war ich daran nicht ganz unbeteiligt. Es dauert nun etwas, bis wir allen Leuten erklärt und bewiesen haben, dass Radio 1 die Inhalte und das Feuer liefert, die Radio 24 früher auszeichneten. Radio 1 bietet nun die langen Wortsendungen an, wir haben die besten Redaktoren und Moderatoren. Ich bin sicher, dass sich Qualität wieder durchsetzen wird, und dass wir so auch diesmal die Nummer 1 werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 09.02.2009, 10:47 Uhr

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19 KOMMENTARE

Pierre Rappazzo

11.02.2009, 18:40 Uhr

"Ich lese etwa am Abend auf Newsnetz jeweils jene Artikel gratis, für die ich zwölf Stunden später bezahlen soll." Das ist tatsächlich schlecht und verdeutlicht die fehlende Internet Komptenz.Ich hatte gehofft, dass nach Meili, professioneller gearbeitet würde. Es wäre so einfach, gutes Geld zu verdienen. Pierre Rappazzo, Internet Pionier


Frank mackay

10.02.2009, 09:44 Uhr

Komisch, die Radio 1 Idee vom Berlin-Brandenburger Rundfunk übernehmen und den gleichen Slogan "Radio nur Erwachsene" ins Ausland (warum muss man hier ein Häckchen bei "Ausland" setzen?) benutzen und dann über die Zeitungen und ihre "alten Stärken" besinnen. Aber wenn es "funktioniert", na dann!


Hans-Ulrich Müller

10.02.2009, 03:31 Uhr

Hallo Roger, komm bitte wieder in die Wirklichkeit zurück . . . . . Ich bin froh, hast du die schlechtesten Moderatoren von Radio 24 abgeworben . . . . Aber eben, Einbildung ist auch eine Bildung . . . .


Peter Thommen

09.02.2009, 20:54 Uhr

Was immer unterschlagen wird: Werbung behindert die journalistische Unabhängigkeit. Qualität kommt vor Schlaumeiern wie Schawinski. Ich trage auch jeden Morgen tonnenweise Beilagen in die Briefkästen. Aber die Anzahl der verteilten Exemplare sagt noch nichts über die Werbewirksamkeit dieser Investitionen aus! Soviele Stopp-Werbung-Kleber gab es noch nie...


Lutz Brönimann

09.02.2009, 17:22 Uhr

Radio 1 ist auch nichts für wirklich Erwachsene, es krankt an der gleichen Seuche wie alle CH-Radios (mit Ausnahme von DRS 2): abgrudntief kindisches Getue und Sauglattismus von piepsig-singend, selbstverliebten Nervensägen am Mikrofon. Herrgott, fahrt doch mal durch Deutschland, dort kann man im Autoradio von einem tollen Sender zum nächsten zappen. Hierzulande lassen sie jeden Trottel ran!


Franz Heer

09.02.2009, 17:15 Uhr

Entscheidender wird, mit welchem Modell Radio 1 das Problem längerfristig lösen will. Laut ersten Informationen müssen sich die Radiohörer darauf gefasst machen, dass ihre Gebühren drei Jahre wieder zurückgefordert werden können – nämlich wenn das Radio nach der Auszahlung wieder in eine Krise gerät.


Andreas Wymann

09.02.2009, 15:53 Uhr

Das "Echo der Zeit" auf DRS 1 ist sehr wahrscheinlich eines der besten Newssendungen im deutschsprachigen Radio, vergleichbar mit "All things considered" auf NPR (National Public Radio - USA). Die Beiträge sind sehr gut recherchiert und von qualitativ hochstehenden Auslandredaktoren (Rolf Pellegrini etc.) mit Scharfsinn vorgetragen.


John Hugentobler

09.02.2009, 14:38 Uhr

in bezug auf berichterstattung mag schawinski ja eventuell recht haben. was aber die musikauswahl seines senders betrifft, stellt er sich selbst ins abseits. das ist nicht musik für 'erwachsene'; mit diesem sound wird vielleicht noch im altersheim abgefeiert; bei radio1 fehlen fast alle aktuellen, guten bands, welche heute interessante musik spielen; dafür aufgewärmtes altes zuhauf. langweilig!


Leo Stern

09.02.2009, 14:37 Uhr

Wenn ich in "Radio Brot uu Chääs" höre, dann ist es das Echo der Zeit. Wer den Unterschied zwischen einer journalistisch gut gemachten Sendung und dem Ablesen von Agenturmeldungen nicht kennt soll doch weiterhin dem Geist von Pizzo Groppera nachhängen. Schawinski ist immer noch nicht weiter. Zu der damaligen Zeit ein besseres Radio zu machen als der Bauernsender war nun wirklich keine Leistung.


Sarah Kuhn

09.02.2009, 14:23 Uhr

Ich finde Radio1 sehr gut. Mich stört jedoch der ewig bevormundende Satz : nur für Erwachsene.


Erwin Sigrist

09.02.2009, 13:04 Uhr

Nun, sooo toll ist Radio 1 auch nicht wie es Roger Schawinski darstellt aber sicher eine gute Alternative zu Radio 24. Wenn Radio 1 jedoch endlich wirklich für Erwachsene gemacht würde - dies gilt besonders in Bezug auf die Musik (mehr Musik aus den 60'ern) dann würde Radio 1 sicher auch die Nummer 1. Ich hoffe weiter...


Kathi Straumann

09.02.2009, 12:59 Uhr

Ich beobachte die Medien sehr genau. Und wie Herr Schawinski richtig sagt, die Kleinen sind viel agiler und bieten den Lese/Hörerservice. Ich bin kürzlich auf ein interessantes Wirtschaftsmagazin gestossen (Punkt - www.punktmagazin.com). Das Schweizer Magazin kommt nur jeden 2ten Monat, aber bietet mir Lesespass. Und dies fehlt in den meisten Zeitungen/Magazinen. Ich unterstütze alles Andere.


Arthur Stöckli

09.02.2009, 12:58 Uhr

Schawinski einer der hellsten Geschäftsleute und hat meine volle Hochachtung. Der Mann kann Situation analysierend voraussehen. Bravo.


Roland Güller

09.02.2009, 12:32 Uhr

Also Facts ist, Radio 1 ist sehr gut in den News! Bravo! Nur habe ich mühe mit der Musik, die hoffe ich, nur noch besser werden kann. DRS 1 ist aber in den letzten Jahren auch besser gworden und die Musik ist ausgewogener. Bin im AD tätig und den ganzen Tag im Grossraum Zürich mit dem Auto unterwegs, und höre nur Radio.


Martin Minder

09.02.2009, 11:42 Uhr

wo genau liegt der unterschied zwischen radio 1 und dem ganzen rest? ich sehe keinen. für mich klingt alles nach einheitsbrei, und wünsche mir doch etwas mehr innovation. früher machte das radio hören noch spass, jetzt ist nichts mehr spontan, sondern alles bis ins kleinste detail durchgeplant. und das der schawinski nochmals grosse töne spuckt, das war ja zu erwarten.


Heinz Moll

09.02.2009, 11:41 Uhr

Herrn Schawinskis klugen Einschätzungen ist zuzustimmen.


Rainer Raschle

09.02.2009, 11:12 Uhr

Radio Eins hebt sich for allem ab durch ein Musikprogramm, das schlimmer ist als jede minderwertige Fahrstuhlmusik. Völlig konzeptlos werden einfach lieblos alte Songs gespielt - Hauptsache alt, sonst nichts. Der Hörer wird veräppelt, wie bei einem CD-Sampler mit einem Hit und 39 Titel billigstem Füllmaterial.


Hugo Müller

09.02.2009, 11:06 Uhr

Schade nur, dass die Qualität der Informationen bei Radio 1 immer noch sehr mies ist. Die Nachrichten zur vollen Stunde bestehen durchschnittlich aus drei kurzen Meldungen (höchstens 3 Sätze) und das sind oft die gleichen Sätze wie in der Vorschau, 5 Minuten vor den News.


Theodor Ernst

09.02.2009, 10:54 Uhr

Dr. Schwawinksi ist schon ok. Aber was fehlt ist mehr Pfeffer in seinem Radio. Mehr eigene Aktualität. Wir, die etwas alternde Radio24 - Kundschaft, ist etwas News-Geil. Da genügt nicht das Uebliche um Radio 1 einzustellen.



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