Düstere Aussichten für die Schweizer Zuckerfirmen

Die EU liberalisiert den Zuckermarkt. Für die Schweizer Branche dürfte das unangenehme Folgen haben.

Die Liberalisierung in der EU erzeugt Druck auf die Schweiz: Zuckerrüben werden zum Abtransport vorbereitet. (Archivbild Herbst 2013)

Die Liberalisierung in der EU erzeugt Druck auf die Schweiz: Zuckerrüben werden zum Abtransport vorbereitet. (Archivbild Herbst 2013) Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Zucker ist ein begehrtes Gut. Seit Jahrhunderten floriert der internationale Handel mit dem Rohstoff. Doch seit einigen Jahren sinkt der Weltmarktpreis. Zuletzt sorgte der tropische Wirbelsturm Debbie zumindest für etwas Erholung: Die resultierenden Ernteausfälle in Australien haben den Zuckerpreis wieder ansteigen lassen.

Doch dürfte das wohl nur ein zwischenzeitliches Hoch sein. Die Ernten in wichtigen Exportstaaten wie Brasilien, Thailand oder Indien dürften in diesem Jahr gut ausfallen. Zudem wird in der EU im Oktober der Zuckermarkt weiter liberalisiert. Es ist davon auszugehen, dass die Länder mit einer bedeutenden Produktion an Zuckerrüben diese künftig weiter steigern werden. Zu den grossen Herstellern des süssen Rohstoffs gehören etwa Deutschland und Frankreich. Es wird erwartet, dass sie künftig bis zu 20 Prozent mehr Zucker produzieren. Damit würden die Länder von Zuckerimporteuren zu -exporteuren – die auch den Schweizer Markt beliefern.

Günstiger Zucker aus Europa

Die Schweizer Zuckerindustrie muss sich also auf tiefere Preise vorbereiten. Ob der Effekt schon dieses Jahr eintritt, hänge stark von der Erntemenge und damit auch vom Wetter ab, sagt Josef Meyer, Präsident des Verbandes Schweizerischer Zuckerrübenpflanzer. Die jährliche Erntemenge schwanke um rund 30 Prozent. Bei einer sehr grossen Ernte könnten die europäischen Hersteller ihre Produktion im nächsten Jahr günstig auf den Markt bringen.

Die Rüben für dieses Jahr sind bereits ausgesät. Spielt das Wetter mit, könnte es ein gutes Jahr werden. 2017 dürfte die Ernte kostendeckend ausfallen, sagt Meyer. Doch 2018 könnte sich der negative Einfluss des europäischen Marktes zeigen. «Die Aussaat für das nächste Jahr macht uns Sorgen», so Meyer. Die Liberalisierung des europäischen Marktes könnte dann schon auf die Preise drücken. Analysten der US-Bank Goldman Sachs schätzen, dass der Weltmarktpreis bis 2019 auf 400 Euro pro Tonne sinken könnte.

In der Schweiz kostet eine Tonne des Rohstoffs durchschnittlich etwa 550 Franken. Die internationalen Grosshandelspreise dürften sich in den kommenden Monaten weiter angleichen. In Europa kostet eine Tonne Zucker rund 500 Euro, was in etwa dem Weltmarktpreis entspricht. Vor einigen Jahren lag der Zuckerpreis in Europa noch bei rund 700 Euro.

Rüben aus Deutschland und Österreich

Ein weiteres Absinken wäre für die Schweizer Industrie schmerzhaft. Dabei wäre die Ausgangslage für sie gar nicht so schlecht. Denn es gelingt ihr nicht, die hiesige Nachfrage nach Zucker zu decken. Im letzten Jahr wurden 200’000 Tonnen Zucker hergestellt. Wegen des schlechten Wetters, deutlich weniger als 2015. Der hiesige Markt würde aber mehr abnehmen. Um die Zuckerlücke zu füllen, importierten die Schweizer Verarbeiter letztes Jahr Rüben aus Österreich und Deutschland.

Die Branche hofft nun auf mehr Unterstützung durch den Bund. Ein politischer Vorstoss wird derzeit im Parlament behandelt. Die Wirtschaftskommission des Nationalrats hat sich im vergangenen Jahr für einen stärkeren Grenzschutz für die Branche ausgesprochen. Die Wirtschaftskommission des Ständerats hat aber vor kurzem ihren Entscheid zu diesem Vorstoss aufgeschoben. Sie ist sich nicht sicher, ob ein Schutz der Zuckerindustrie auch den Abnehmern des Zuckers nützt. Denn diese sind primär an tieferen Preisen interessiert.

Ein schneller Entscheid ist nicht in Sicht. Die Ständeratskommission will zuerst einen Bericht des Bundesrats abwarten, der sich mit der Deindustrialisierung der Lebensmittelbranche auseinandersetzt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2017, 19:34 Uhr

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