Wirtschaft

Auf den Devisenmärkten herrscht prekäre Ruhe

Minimale Zinsen, ein beängstigendes Defizit im Staatshaushalt der USA und eine enorm aufgeblähte Geldmenge – die US-Währung verliert zusehends an Attraktivität.

Bild: TA-Grafik str / Quelle: Datastream

Zwischen August 2007 - als die Finanzkrise ausbrach - und dem Frühling 2009 kletterte der Dollar-Kurs auf einer handelsgewichteten Basis um beinahe 13 Prozent. Seither hat die US-Währung um gut 13 Prozent an Wert verloren. Mit anderen Worten: Der Aussenwert des Dollar ist ungefähr wieder da angelangt, wo er vor der Krise schon mal war.

Insofern spricht einiges für die These von Harvard-Professor Kenneth Rogoff, wonach die gegenwärtige Abwertungsphase des Dollar vor allem die Rückkehr zur Normalität auf den Finanzmärkten widerspiegle. Waren die verunsicherten Investoren während der heftigsten Turbulenzen weltweit in amerikanische Staatsanleihen - die sichersten und liquidesten Wertpapiere überhaupt - geflüchtet, so verschieben sie ihre Gelder mit zunehmender Rückkehr des Anlegervertrauens vermehrt in risikoreichere und renditeträchtigere Investments. Und Dollar-Anlagen sind in dieser Situation alles andere als attraktiv.

Im Gegenteil: Professionelle Investoren nehmen mehr und mehr Dollar-Kredite zu Tiefstzinsen auf, nur um diese Mittel in hochverzinslichen Währungsräumen anzulegen. Auch diese «Carry Trades» belasten den Dollar-Kurs, weil sie die globale Nachfrage nach Dollar mindern. Und daran wird sich so rasch nichts ändern. Da die US-Notenbank nach eigenem Bekunden ihre extrem lockere Geldpolitik auf absehbare Zeit fortsetzen will, bleiben die günstigen Rahmenbedingungen für die ebenso lukrativen wie risikoarmen Dollar-«Carry Trades» bestehen.

Riesiges Überangebot an Dollar

Die US-Valuta hat sogar den Schweizerfranken und den japanischen Yen als beliebteste «Carry Trades»-Währungen abgelöst, weil man sich heute auf den Geldmärkten noch billiger in Dollar als in Franken und Yen verschulden kann. Der Dollar hat im zurückliegenden Halbjahr denn auch um über 10 Prozent gegenüber den beiden besagten Währungen abgewertet.

Mag die wachsende Risikofreude der Anleger in einem freundlicheren Marktumfeld für die Dollar-Baisse mitverantwortlich sein - eine umfassende Erklärung liefert sie nicht. Das Problem ist viel grundsätzlicher und simpler: Das Angebot an Dollar übertrifft die Nachfrage bei weitem. Das massive Ungleichgewicht geht auf die Geldpolitik der US-Notenbank zurück, welche die Märkte in nie da gewesenem Masse mit Dollar überschwemmt, um die amerikanische Wirtschaft vor dem Abrutschen in eine deflationäre Spirale zu bewahren.

Nicht nur haben die Währungshüter in Washington die herkömmliche Geldpolitik bis zum Letzten, sprich: bis zu einem Leitzins von null Prozent, ausgereizt. Darüber hinaus haben sie mit dem Kauf von US-Staatsanleihen am Markt im Volumen von Hunderten Milliarden Dollar einen zusätzlichen Liquiditätsschub ausgelöst. Man spricht hierbei von einer Politik der quantitativen Lockerung («Quantitative Easing»).

Investoren halten weiterhin still

Ähnlich aggressiv wie die US-Notenbank hat nur noch die Bank of England die Märkte mit Liquidität geflutet. Nicht zufällig blickt neben dem US-Dollar auch das britische Pfund auf einen anhaltenden Abwärtstrend zurück. Dieser wird nach Meinung von Marktbeobachtern so lange fortbestehen, wie die zwei Notenbanken an ihrer Politik der quantitativen Lockerung festhalten.

Doch wie lange geht das im Fall des Dollar noch gut? Wird dessen scheinbar unaufhaltsamer Niedergang nicht eines Tages in einen schweren Vertrauensverlust und eine Flucht der Investoren aus der US-Währung münden.

Die derzeitige Ruhe auf dem Devisenmarkt erscheint jedenfalls prekär: Obwohl die USA gegenüber dem Ausland bereits hoch verschuldet sind, obwohl die US-Regierung im laufenden Fiskaljahr 2010 auf ein horrendes Staatsdefizit von bis zu 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts zusteuert (nach knapp 10 Prozent im Vorjahr) und die US-Notenbank eine gewaltige Dollar-Flut erzeugt - die Investoren halten weiterhin still und verlangen keine Risikoprämie in Form einer höheren Verzinsung für amerikanische Staatsanleihen. Eine derartige «Balance» dürfte in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel sein.

Schwächerer Dollar als Chance für alle

Dabei sind sich die meisten Ökonomen einig: Eine weitere kontrollierte Abwertung der US-Währung wäre letztlich zum Nutzen der Weltwirtschaft. Der schwächere Dollar bildet eine Voraussetzung dafür, dass künftiges Wirtschaftswachstum gleichmässiger auf die Weltregionen verteilt würde.

Den USA böte sich dadurch die Chance zu einer dringend benötigten Belebung des Exportsektors - zumal der private Konsum als Zugpferd der Wirtschaft wegfällt, weil die überschuldeten Haushalte jetzt erst mal ihre Finanzen ins Lot bringen müssen. Zugleich wäre ein tieferer Aussenwert des Dollar eine klare Ansage an die asiatischen Exportländer: Sie können ihre Wachstumshoffnungen nicht mehr einseitig auf die USA projizieren und müssen stattdessen - endlich - ihren Binnenkonsum ankurbeln. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2009, 08:36 Uhr

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