Wirtschaft
Beratung funktioniert auch ohne Kickbacks
Von Alexander Saheb. Aktualisiert am 02.08.2009 1 Kommentar
Noble Adresse: Die Quirin Bank am Berliner Kudamm.
Retrozessionen und Kickbacks, verdeckte Prämienflüsse aus dem Verkauf von Finanzprodukten, sind ein Ärgernis für Schweizer Bankkunden. Denn sie können Bankberater animieren, nicht das beste Produkt für den Kundenwunsch, sondern das für sie selbst lukrativste Produkt anzubieten. Trotz einem Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 2006, dass diese Retrozessionen dem Kunden zustehen, gibt es noch keine verbindliche Regelung für die Schweizer Finanzwelt.
In Deutschland, wo die Banken ebenfalls mit Retrozessionszahlungen eine nur optisch kostenlose Kundenberatung finanzieren, versucht indessen eine kleine Bank, die Regeln der Vermögensverwaltung und Finanzberatung neu zu definieren. Die Berliner Quirin Bank berechnet ihren Vermögensverwaltungskunden feste Honorare und zahlt ihnen alle ihr zufliessenden Retrozessionen zurück. Über diesen Prozess wacht eigens eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Auf seinen Depotauszügen sieht der Kunde jedes Quartal, für welches Finanzprodukt ihm Kickbacks zurückerstattet werden.
Modell findet Anklang
Ab einem Depotvolumen von 50'000 Euro kann man Kunde von Quirin werden. Die Bank verzeichnet seit Lancierung des Angebots Ende 2006 regen Zulauf. Mittlerweile zählt Quirin 4400 Kunden und verwaltet ein Depotvermögen von 1,3 Milliarden Euro. Das durchschnittliche Depotvolumen beträgt 250'000 Euro. Weil das laufende Jahr nochmals einen besonderen Schub an Interessenten brachte, ist die Bank optimistisch, bis Dezember gar 5500 Kunden zählen zu können. Gründer der Bank ist Karl Matthäus Schmidt, der schon mit der Gründung des Onlinebrokers Consors die deutsche Finanzwelt aufmischte. Nach dem Platzen der Dotcomblase musste er diesen zwar verkaufen, doch das Geschäftsmodell wird mittlerweile überall kopiert.
Schmidt hofft, dass sein neues Modell genauso erfolgreich wird. «Unsere Honorarberatung kommt sehr gut an, wenn das Modell einmal verstanden worden ist», sagt er. Insbesondere wenn Kunden realisierten, dass die anderswo übliche Beratung keineswegs kostenlos sei, sondern sich auf Umwegen und indirekt über versteckte Produktgebühren finanziere, erklärt Schmidt.
70 Prozent der Kunden der Quirin Bank wählen von den zwei möglichen Verwaltungsmodellen das aktivere, die «Depotberatung». Dabei fällen die Kunden selbst und nicht der Berater die Anlageentscheide. Beim vergleichsweise konventionell klingenden Angebot der «Vermögensverwaltung» übernimmt die Bank die Anlageentscheide und streut das Vermögen gemäss Multi-Asset-Ansatz breit über verschiedene Anlageklassen.
Kickbacks werden zurückgegeben
Wie auch immer man sich entscheidet, die Kosten bestehen aus einer fixen und einer variablen Komponente. Es wird immer eine monatliche Grundgebühr von 75 Euro fällig. Diese beinhaltet Finanzanalysen und Beratung sowie die Depot- und Kontoführung. Explizit eingeschlossen ist auch die Rückvergütung aller Kickbacks und versteckten Provisionen. Wählt man das Modell «Vermögensverwaltung», sind auch alle Transaktionsgebühren für die von der Bank veranlassten Anlageentscheide inbegriffen.
Die variablen Kosten beider Modelle sind unterschiedlich gestaltet. Bei der «Vermögensverwaltung» erhält die Bank eine Erfolgsbeteiligung von 20 Prozent auf dem erzielten Anlageerfolg. Für die «Depotberatung» werden neben der Grundgebühr jährlich noch 1,2 Prozent des Depotvolumens an Aktien, Fonds und Zertifikaten und 0,6 Prozent des Bestands an Anleihen fällig. Ab der 75. Transaktion werden hier ausserdem 25 Euro pro Trade berechnet.
Amtlich bestätigte Transparenz
Laut einer Studie des deutschen Verbraucherschutzministeriums ist der Quirin-Ansatz besonders transparent und die Leistungen in diesem Kundensegment überdurchschnittlich. Allerdings bringt das Angebot wegen der Grundgebühr für kleinere Vermögen vergleichsweise höhere Kosten mit sich, auch wenn gemäss Bankangaben bei 3 Prozent jährlichen Verwaltungsgebühren gedeckelt wird. Erst ab einer Anlagesumme von 200'000 Euro sinken die effektiven jährlichen Verwaltungsgebühren unter 2 Prozent.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.08.2009, 20:23 Uhr




urs schwarz
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