Das Social Web killt den Kundenberater

Folgen, verdienen, teilen: Das Internet stellt die gängigen Formen der Geldanlage auf den Kopf. Die Entwicklung stellt die Finanzbranche vor eine grosse Herausforderung.

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Früher traf sich der Investorenclub Zigarren rauchend im Salon. Heute versammeln sich Anleger im Internet, um in Aktien, Märkte und Währungen zu investieren. Rund um die Uhr findet der Handel auf Seiten wie eToro statt, der mit drei Millionen Usern global grössten Social-Trading-Community.

Dort können Anleger ihre Handelsgeschäfte einerseits diskutieren. Andererseits – und hier kommt das Netzwerkelement ins Spiel – können sie die Geschäfte ihrer Freunde vom System automatisch replizieren lassen. Das macht Sinn, wenn ein User glaubt, dass sein Geld durch das Können einer bestimmten Bekanntschaft besonders gut verwaltet wird. Der User kann also selber kaufen und verkaufen oder das Trading an einen anderen User delegieren. Dieser verdient damit zusätzliches Geld.

Die Cocktail-Anlageparty

Das Phänomen muss der Finanzbranche zu denken geben. «Wikifolio ist ein Beispiel dafür, wie das Internet zu radikalen Veränderungen in der Finanzwelt führt», sagt Andreas Kern, Chef der gleichnamigen Handelsplattform. Innerhalb eines Jahres hat das in Deutschland registrierte und von der dortigen Bankenaufsicht überwachte Wikifolio 70 Millionen Euro an Geldern angezogen. Je mehr Händler mitmachen, desto stärker kommt das wichtigste Prinzip des Social Web zum Tragen: Die Weisheit der Masse bringt oft bessere Resultate hervor als die Fähigkeiten isolierter Profis.

Zu den handfesten Vorteilen gehört auch die Transparenz. Soziales Trading heisst, dass der User jederzeit den Wert des Depots einsehen und dessen Zusammensetzung nach Belieben verändern kann. Wie ein bunter Cocktail lässt sich das Depot mixen: ein Drittel kurzfristiges Momentum Trading, zwei Fünftel vom User Umbrella handverlesene Technologieaktien, der Rest mit der aktiven TraderLady. Liefert ein Händler nicht die erwartete Leistung, so probieren es die Follower eben mit einer anderen Strategie.

Trader im öffentlichen Dienst

TraderLady hat jüngst ein gutes Händchen gehabt. Ihr Wikifolio namens «relative Stärke» stieg im letzten Monat um 7,3 Prozent. Kapital im Wert von 424'000 Euro folgt ihr inzwischen: Das freut die Frau, die im richtigen Leben Doris Beer heisst und seit anderthalb Jahren aktiv ist. Social Trading sei für sie etwas zwischen Hobby und Beruf, sagt Beer – in einem Chat, den der TA mit ihr über Facebook geführt hat.

Bei Ralf Werner entwickelt sich die Sache zu einem Haupterwerb. Seinen Job im öffentlichen Dienst habe er praktisch gekündigt, erzählt der zweifache Vater per Telefon. Werner steht täglich um 5.30 Uhr auf. Als Erstes klappert er die Märkte nach Neuigkeiten ab, den Tag über wird gehandelt. Spätabends sammelt Werner nochmals Ideen.

Bei Wikifolio verdient er proportional zum Geld, das er anzieht, und zu den Höchstständen, die sein Portfolio erreicht. Diesen Monat hat er ein Plus von 6,5 Prozent erwirtschaftet. Verluste wie mit der griechischen Alpha Bank gibt es zwischendurch auch: Das kann wohl passieren, wenn die Strategie «antizyklische Chancen» heisst. Aktuell folgen ihr 6,7 Millionen Euro.

Glück versus Können

Der Ruf des Social Trading ist nicht der beste. Ein Besuch bei eToro, die in Zypern registriert ist, zeigt, woran dies liegen könnte. Meistgefolgter Händler aus der Schweiz ist dort ein gewisser Piepser23, der im vergangenen Monat ein Minus von 44,8 Prozent erwirtschaftete. Ein anderer, offenbar erfolgreicherer Trader ist Viktor Dellos: 31'532 User lesen regelmässig seine Nachrichten, 7429 Kopierer replizieren seine Geschäfte. Neben Ratschlägen zum Neuseeland-Dollar postet Dellos auch gerne einmal Bibelzitate auf seine Pinwand. Ob dies sein Erfolgsgeheimnis ist?

Experten weisen auf das Gesetz der grossen Zahl hin. Dieses besagt, dass unter einer Vielzahl von Anlegern immer einer gut abschneidet – etwa so, wie ein Münzwurfwettbewerb mit einer Million Teilnehmer immer eine Handvoll von «Gurus» hervorbringt, die zwanzigmal in Serie die richtige Ansage machen. «Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die vergangene Performance von Anlagefonds nur beschränkt Schlüsse für die Zukunft zulässt», sagt Martin Spillmann, der an der Hochschule Luzern zu Finanzthemen lehrt.

Zahlen von Wikifolio weisen die Crowd dennoch als überdurchschnittlichen Investor aus. So machte, wer in den vergangenen vier Quartalen jeweils 1000 Euro anlegte, auf dem Sparbuch weniger als 50 Euro gut. Mit globalen Aktienindizes liessen sich im selben Zeitraum zwischen 430 und 475 Euro verdienen, abzüglich allfälliger Kosten. Ein gewichtetes Investment in den fünfzig grössten Wikifolios lieferte 705 Euro, ein solches in den grössten zehn Wikifolios sogar 841 Euro – nach Abzug der Zertifikatsgebühren.

Von Level zu Level

«Street Alpha» nennt Thomas Winkler die Fähigkeiten, die hinter solchen Resultaten stehen. Der griechische Buchstabe steht für das Renditeplus gegenüber dem Markt. Der Gründer der Beteiligungsgesellschaft Next Generation Invest war 45 Jahre alt, als er den Bettel bei der Bank ABN Amro hinschmiss und sich nach Neuem umsah. 2009 gründete Winkler die Ayondo mit: Seither half er als Geld- und Ideengeber, die Plattform zur grössten Plattform in Deutschland zu machen. «Die Wildwest-Zeiten im Social Trading sind vorbei», sagt Winkler, dessen Portal dieses Jahr eine bedeutsame Neuerung erfuhr.

Neu müssen Benutzer bei Ayondo ein kompliziertes Karrieresystem durchlaufen, um wirklich Geld mit ihren Followern zu machen. Dabei dürfen sie nicht zu viele Risiken nehmen: Nur wer Schwankungen unterhalb von 10 Prozent aufweist und jährlich trotzdem 8 Prozent Rendite erwirtschaftet, erhält den lukrativen Status «Institutional». Bisher erreicht haben dies nur zwei von rund 1500 regelmässig und mit echtem Geld aktiven Nutzern. Laut Thomas Winkler ist dies ein «echter Leistungsausweis». Nächstmöglicher Schritt ist die Einführung eines Bezahlsystems nach Leistung. Bislang verdienen die Ayondo-Händler ihr Geld mit dem Handelsumsatz, den ihre Follower erzeugen – eine nicht unproblematische Anreizstruktur.

Die Lektion der Buggles

Winklers Traum ist, mit Ayondo irgendwann zur Konkurrenz für die klassischen Anbieter zu werden. «Wenn institutionelle Gelder zu Plattformen wie Ayondo kommen, dann geraten die Margen der Banken massiv unter Druck», prophezeit er. Ähnlich äussert sich Andreas Kern von Wikifolio. Die sozialen Tradingplattformen sind trotz ihres rasanten Wachstums noch Nischenplayer, ihr globaler Marktanteil liegt bei einem halben Prozent.

Auch der Verbandschef der Schweizer Vermögensverwalter, Patrick Dorner, hat bislang keine Notiz von Social Trading genommen. Die Sites seien nie zur Sprache gekommen, sagt er und verweist auf die Vorteile des herkömmlichen Systems. «Nur die persönliche Beratung kann einen umfassenden, massgeschneiderten Service erbringen.» Experten aus dem akademischen Umfeld, die Erfahrung mit Social Trading oder dem längerfristig orientierten Social Investing haben, sind hierzulande rar.

«Video Killed the Radio Star» sang die Popgruppe The Buggles im Jahr 1979. Um 0.01 Uhr des ersten Januar 1981 machte MTV den Videoclip zum ersten, je auf dem Musiksender ausgestrahlten Song. Heute ist die Technik mit Youtube und iTunes schon zwei Generationen weiter – und das Radio ist nicht mehr Leit-, sondern bloss noch Nischenmedium. Die Stunde null des webbasierten Investierens hat gerade erst geschlagen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.10.2013, 13:23 Uhr)

Porträt eines Social Traders

«Ich hätte nie gedacht, dass so schnell so viel Geld hereinkommt», sagt Markus Strauch. Der Deutsche ist professioneller Eigenhändler: Er setzt sein persönliches Vermögen aufs Spiel, um an der Börse seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vor vier Jahren machte sich Strauch selbstständig, neuerdings handelt er auch über Wikifolio.

Indem er dort seine täglichen Geschäfte mit der Community teilt, kann Strauch seinen Verdienst ungefähr verdoppeln. Die Webarbeit beurteilt er ambivaltent. «Hier gibt es keine bürokratischen Entscheidungswege», erzählt Strauch, «dafür mehr Erfolgsdruck.» Um seine schnellen Deals im Fahrwasser der grossen Hedgefonds zu platzieren, harrt Strauch täglich bis zu 16 Stunden vor dem Computer aus.

Mit seiner Strategie namens «Momentum Trading» gehen aktuell 5,4 Millionen Euro fremde Gelder mit. Oft lagern diese in bar auf dem Depot. Nur wenn sowohl fundamentale Faktoren als auch kurzfristige Trends für einen Trade sprechen, wird dieser ausgelöst.

Seinen grössten Erfolg landete Strauch diesen Frühling mit der Facebook-Aktie. Damals gewann er an einem einzigen Tag 17 Prozent, berichtet der Händler. Doch es gab auch schon Durststrecken. «Als Social Trader kann man Verluste vor niemandem verstecken.»

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