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Das System Freundschaft
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Im Korruptionsfall um die Pensionskasse des Kantons Zürich (BVK) sind dies die Fakten: Der BVK-Anlagechef D. G. ist von der Staatsanwaltschaft verhaftet und vom Kanton Zürich fristlos entlassen worden, weil er sich jahrelang bestechen liess; laut Regierungsrätin Ursula Gut (FDP) ist der Mann geständig. Ebenfalls in Untersuchungshaft sitzt ein langjähriger Geschäftspartner der BVK, der Finanzunternehmer Walter Meier – wegen Verdachts auf aktive Bestechung. Bei der St. Galler Firma Complementa schliesslich, welche bei der BVK seit den 90er-Jahren das Investment-Controlling und die Wertschriftenbuchhaltung besorgt, hat die Zürcher Staatsanwaltschaft Dokumente sichergestellt.
Man fragt sich, wie diese drei Puzzleteile zusammenpassen. Die Zürcher Staatsanwaltschaft untersucht und gibt vorderhand keine Auskunft. Recherchen fördern derweil ein Beziehungsgeflecht zu Tage, das vor langer Zeit in der Ostschweiz entstanden ist.
Meier erkennt das Potenzial
Walter Meier und der heutige Verwaltungsratspräsident der Complementa, Benjamin Brandenberger, sind Absolventen der St. Galler HSG. 1984 gründet Brandenberger die Complementa Investment Controlling AG. Derweil hebt Meier die Bodensee Beteiligungen AG aus der Taufe. Er sammelt bei Anlegern Dutzende Millionen Franken ein und investiert das Geld in nicht kotierte, sanierungsbedürftige Schweizer Firmen. Viele dieser Patienten enden letztlich im Konkurs, während Meiers Management-Gesellschaft für ihre Dienstleistungen Rechnungen stellt und floriert. Meier erkennt das Potenzial dieses Geschäftsmodells und will es grösser aufziehen.
1994 beklagen die Schweizer Pensionskassen herbe Anlageverluste. Sie suchen nach gewinnträchtigen Alternativen. Meier gründet die Beteiligungsgesellschaft BT & T und bringt sie an die Börse. Es geht um globale Investments im Bereich Telecom, Information, Media und Entertainment (TIME). Das Controlling und die Wertschriftenbuchhaltung übernimmt Brandenbergers Complementa. Zusammen gelingt es ihnen, eine ganze Reihe von Pensionskassen für das neue Vehikel zu begeistern.
Männerfreundschaft bis zum Crash
Verwaltungsratspräsident der BT & T wird Robert Straub, bis dahin Vorsteher der Finanzverwaltung des Kantons Zürich. Straub sagt, er habe sich nicht als Türöffner bei der BVK betätigt: «Es war Meier, der in Zürich seine Aufwartungen machte; erzählt hat er nicht viel darüber.» Tatsache ist, dass Straubs Nachfolger D. G. fortan riesige Summen in die BT & T investiert, wovon auch die Complementa mit Dienstleistungshonoraren profitiert. Als Meier 1997 eine bekannte Zürcher Unternehmensberaterin heiratet, sind auch Brandenberger und D. G. zur Hochzeitsfeier eingeladen. Beobachter sprechen von einer Männerfreundschaft, die angehalten habe bis zum Crash der New Economy im Jahr 2000.
Experten attestieren der Complementa grosse Innovationskraft. Früher war es so, dass eine Pensionskasse ihr Anlagevermögen von beispielsweise 800 Millionen Franken zu gleichen Teilen vier Banken zur Vermögensverwaltung anvertraute. Complementa lässt den Markt auf andere Weise spielen. Sie empfiehlt den Pensionskassen, Mandate an spezialisierte Assetmanager auszulagern. Brandenbergers Firma arbeitet für beide Seiten – für die Pensionskassen, die ihre Millionen anlegen wollen, wie auch für die Vermögensverwalter, die nach Geldern suchen. Zuweilen geschäftet die Complementa gleichzeitig mit beiden.
Milliardengeschäft ist undurchsichtig
Ein Beispiel dafür ist das Investment der BVK in Meiers BT & T. Am Schluss verliert die Pensionskasse 247 Millionen Franken. Für die Complementa hat der Absturz keine Folgen; sie kann ihr Mandat bei der BVK behalten. Ein zweites Beispiel ist die Zürcher Investmentgesellschaft Jefferies, welche ebenfalls mit Complementa zusammenarbeitet. Jefferies managt für die BVK seit 1997 globale Wandelanleihen. Die Frage, ob Jefferies das Mandat der BVK nach einer Ausschreibung erhalten habe, beantwortet Geschäftsleiter Pier-Luigi Quattropani so: «Wir erhielten das Mandat nach einem formellen Prozess, der vom BVK-Stiftungsrat durchgeführt worden war.»
Das Milliardengeschäft mit den Pensionskassengeldern ist undurchsichtig. Entsprechend mangelt es auch dem Geschäftsbericht der BVK an Transparenz. Dass die Zürcher Firma Lehmann Partners für die BVK Devisengeschäfte in Millionenhöhe abwickelt, geht beispielsweise aus den Unterlagen nicht hervor: Der Name der Firma findet sich nicht auf der Liste der externen Mandatsträger. Man fragt sich, nach welchen Kriterien die Pensionskasse ihre Mandatsvergaben offenlegt. Laut Roger Keller, Kommunikationschef der Finanzdirektion, wird Lehmann «nur von Fall zu Fall mit Devisengeschäften beauftragt, aber nicht per Dauermandat». Keller räumt ein, dass ein gewisser Nachholbedarf besteht: «Die Transparenz ist ein Thema.»
Lediglich Möglichkeiten aufgezeigt
Transparenz ist auch ein Thema für die Zuger Firma DL Investment Partners. Sie wickelt für die BVK Devisen- und Hedgefonds-Geschäfte ab. Auf ihrer Website war bis vor kurzem zu lesen, dass die Firmengründer vorher «bei Complementa, einem führenden Schweizer Pensionskassenberater», tätig gewesen seien. Dieser Eintrag ist seit kurzem gelöscht. Die Frage, wie DL zu ihrem Mandat gekommen ist, bleibt unbeantwortet. Der Kanton hat die Mandatsträger angewiesen, sich nicht über die Geschäftsbeziehung zur BVK zu äussern.
Die Geschäftsleitung der Complementa sagt, sie unterstütze die Pensionskassen lediglich bei der Auswahl von Vermögensverwaltern und gebe nie Einzelempfehlungen ab. Man zeige den Kunden lediglich verschiedene Möglichkeiten mit allen Vor- und Nachteilen auf. Wenn die Complementa selber Mandatsbeziehungen zu Vermögensverwaltern unterhalte, so lege sie das offen. Die Staatsanwaltschaft habe der Complementa schriftlich bestätigt, dass sie nicht unter Korruptionsverdacht stehe.
Das Pensionskassengeschäft ist anfällig für Missbräuche. Martin Janssen, Professor für Finanzmarktökonomie und selber im PK-Beratungsbusiness tätig, hat im TA vom letzten Mittwoch die wichtigsten Schwachstellen benannt:
- Es ist viel Geld im Spiel, wobei die Distanz sehr gross ist zwischen jenen, denen das Geld gehört, und jenen, die damit arbeiten.
- Oft werden Vermögensverwaltungsmandate unter der Hand vergeben. Zuweilen mithilfe von Beratungsfirmen, die mit den ausgewählten Partnern geschäftlich liiert sind.
- Berater werden zu wenig streng überwacht angesichts der Tatsache, dass sie am besten wissen, wie man Unregelmässigkeiten vertuscht.
Die Zürcher Staatsanwaltschaft will die Öffentlichkeit nächste Woche über weitere Untersuchungsergebnisse in der Affäre BVK informieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.06.2010, 06:57 Uhr
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