Wirtschaft

Die Empörung wirkt: Die UBS zieht Le Corbusier aus dem Verkehr

Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 28.09.2010 28 Kommentare

Der Vorwurf antisemitischen Gedankenguts lässt die UBS handeln. Die Bank kippt den berühmten Schweizer Architekten Le Corbusier aus ihrer neuen Werbekampagne.

Umstritten: Der berühmte Architekt Le Corbusier.

Umstritten: Der berühmte Architekt Le Corbusier.
Bild: AFP

Le Corbusier: Seit 13 Jahren ziert er die Zehnernote.

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Man sei zum Schluss gekommen, dass sich Le Corbusier beim Versuch, seine städtebaulichen Vorstellungen und Visionen zu verwirklichen, auch mit Vertretern totalitärer Regimes eingelassen habe. Das liess die UBS (UBSN 11.15 -0.89%) gegenüber der «SonntagsZeitung» verlauten, um beizufügen: «Wir sehen dennoch keine ausreichenden Gründe, in unserer laufenden Kampagne auf ihn zu verzichten.»

Die Notbremse gezogen

Als das Sonntagsblatt gestern Montag ins Altpapier wanderte, verschwand Le Corbusier von der Internetsite der Bank. Kommunikationschef Michael Willi hatte die Notbremse gezogen. Und eine Sprecherin bestätigte: «Wir wollen mit unserer Werbung eine Botschaft an unsere Kunden senden und wir möchten nicht, dass diese in einer Kontroverse um Le Corbusier untergeht. Deshalb werden wir Le Corbusier nicht mehr in unserer Kampagne verwenden.» Die öffentliche Empörung vor allem jüdischer Kreise zeitigte Wirkung.

Le Corbusier wurde 1887 als Charles-Edouard Jeanneret in La Chaux-de-Fonds geboren. Als Architekt, Städteplaner, Möbeldesigner und Maler wurde er weltberühmt. Wenig bekannt ist einer breiteren Öffentlichkeit seine Nähe zum Antisemitismus. Nach der Eroberung Frankreichs durch Nazi-Deutschland bewegte sich Le Corbusier im nächsten Umfeld des Vichy-Regimes, das mit Hitler kooperierte. Gestützt auf eine 2002 veröffentlichte Briefauswahl und die 2008 in den USA erschienene Biografie von Nicholas Fox Weber schrieb die «Weltwoche» vor einem Jahr, Le Corbusier habe Hitlers Krieg «ohne moralische Bedenken und frei von jeder menschlichen Regung» begrüsst.

Keine Scheu vor Diktatoren

Unter Experten wird die Rolle Le Corbusiers als Theoretiker einer räumlichen Eugenik schon seit längerem diskutiert. Er war ein Verfechter städtebaulicher Grossprojekte. Schon in den Zwanzigerjahren verfolgte er etwa die Idee, Teile der historisch gewachsenen Pariser Innenstadt niederzuwalzen, um Platz für eine City von Wolkenkratzern zu schaffen. Le Corbusier liess sich von Visionen treiben, die sich in diktatorischem Umfeld besser umsetzen liessen als unter demokratischen Verhältnissen. Dazu passt, dass er auch bei Mussolini anklopfte und Pläne für Stalin entwarf.

Im Gegensatz zur UBS kann die Nationalbank Le Corbusier nicht von heute auf morgen aus dem Verkehr ziehen. Dieser ziert nämlich seit 1997 die Zehnernote, die frühestens in drei Jahren ersetzt werden soll. 2012, wenn die neue Notenserie in Umlauf kommt, wird nämlich zuerst die Fünfzigernote ans Publikum abgegeben.

Auch andere Köpfe kritisiert

Prägende Persönlichkeiten hätten immer Ecken und Kanten, sagt Nationalbank-Sprecher Werner Abegg zur Kritik an Le Corbusier. Es sei nicht Sinn und Zweck von Banknoten, solche Köpfe aus heutiger Sicht zu beurteilen. Auch beim Kulturhistoriker Jacob Burckhardt – auf der aktuellen Tausendernote porträtiert – beispielsweise seien in Briefwechseln «gewisse antisemitische Elemente» festgestellt worden. Und es habe auch Kritik an der Psychiatrie von Auguste Forel – auf der früheren Tausendernote abgebildet – gegeben. «Eine Note ist kein Gütesiegel für den Porträtierten», sagt Abegg, «sie würdigt sein Werk.»

Im Wissen darum, dass Le Corbusier mit Hitlers Nazi-Regime sympathisiert hat, ist ein Satz im Kurzbeschrieb der 10-Franken-Note auf der Internetsite der Nationalbank doch irritierend: «Im Mittelpunkt seines Schaffens steht immer der Mensch.» Le Corbusier sei immer von der Frage ausgegangen, was der Mensch brauche, meint Abegg. Dabei habe er Ideen entwickelt, die man heute zum Teil nicht mehr teile. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2010, 07:58 Uhr

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28 Kommentare

Charles Aufranc

28.09.2010, 08:15 Uhr
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Wenn alle so behandelt würden, wäre kein Blair, Bush oder Nethanyanu mehr in den Zeitungen zu finden. Antworten


Philipp Imhof

28.09.2010, 08:25 Uhr
Melden

Was soll dieser ganze Rummel? Der Corbusier ist offenbar gut genug, um auf der Zehnernote abgebildet zu sein. Und dann soll es plötzlich ein Problem sein, wenn er auf einem Plakat auftaucht? Wann tauschen wir die antisemitische Zehnernote aus? Neben der UBS hat ja auch die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Fehler gemacht. Sind die guten Dinge, die der Corbusier geleistet hat, jetzt nichts mehr wert? Antworten



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