Die Finanzwölfe Europas

Ein Netzwerk von Schwindlern zockte von Genf aus Unternehmen um Millionen ab. Die Bande agierte mit gefälschten Quittungen über nicht existierende Finanztransaktionen – und riss ganze Firmen in den Abgrund.

Finanz-, Kultur- und Modemetropole: In Mailand unterhielt Finanzbroker Marco Russo ein Büro.  Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

Finanz-, Kultur- und Modemetropole: In Mailand unterhielt Finanzbroker Marco Russo ein Büro. Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

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Marco Russo ist ein Mann des Glanzes. Glänzend ist die Kühlerfigur seines Bent­ley und die schwere Uhr an seinem Handgelenk. Und wenn sich Russo in einem seiner extravaganten Anzüge ablichten lässt, schimmern der blaue Stoff und sein zurückgegeltes Haar. Das öffentlich einsehbare Facebook-Profil des 44-jährigen Italieners zeigt das Leben eines erfolgreichen Finanzbrokers: als Besucher bei der Zentralbank von Südsudan oder an der Börse von Luxemburg, als Gewinner eines Golfturniers, mit feinem Mantel und Pelzmütze vor Palästen in Moskau.

Russo wirkt wie eine italienische Version von Jordan Belfort, der Hauptfigur im Hollywood-Blockbuster «The Wolf of Wall Street», gespielt von Leonardo DiCaprio. Und wie der Banker im Film hat auch Russo ein Geheimnis. Ordnerweise Dokumente und Gerichtsakten lassen nun einen Blick hinter seine Fassade und die seines Netzwerkes werfen.

Seine 20-jährige Karriere als Finanzbroker ist gespickt mit Verhaftungen, Anklagen und Verurteilungen. Geldwäscherei, Kunstschmuggel, Verbindungen zur Mafia wurden ihm vorgeworfen. Immer wieder wurde er freigesprochen, Verfahren wurden eingestellt. Jetzt scheint erstmals etwas hängen zu bleiben: Betrug. Dutzende Leute soll er teilweise um Millionen erleichtert haben – mithilfe eines Netzwerks, dem unter anderem eine spanische Brokerin und ein Genfer Treuhänder angehören sollen. Und möglicherweise hat Russo einen der grössten Insolvenzskandale der jüngeren Geschichte mit auf dem Gewissen: Suntech.

Als der chinesische Solarriese im Frühling 2013 überraschend Insolvenz anmeldete, war auch die Schweiz betroffen. Am Europahauptsitz in Schaffhausen wurden 17 Personen entlassen. Bisher unbekannt: Suntech ging womöglich einem Schwindlerschema auf den Leim. Für ihre Expansion nach Europa lieh sich das Unternehmen 554 Millionen Euro von der chinesischen Entwicklungsbank. Als Sicherheit bot Suntech deutsche Staatsanleihen im Wert von 560 Millionen Euro, die sie von einer kleinen Brokerfirma namens Werner Richter aus London vermittelt bekommen hatte. Einer der Manager der Firma: ein gewisser Marco Russo. Als sich die Sicherheit aus ungeklärten Gründen plötzlich in Luft auflöste, fiel die Firma in sich zusammen.

Die Versicherung war bankrott

Der Fall wurde nie geklärt, weil sich Suntech aussergerichtlich mit den involvierten Firmen einigte. Russo wies bei einer Einvernahme vor Gericht jegliche Schuld von sich und bezeichnete sich selbst als Hauptopfer. Allerdings liefern neue, dokumentierte Fälle um Russo Hinweise, nach welchem Muster sich der Fall zu­getragen haben könnte – und welche Rolle Russo gespielt haben könnte.

Das Terrain für zwielichtige Finanzhaie war in den letzten Jahren günstig. Die Finanzkrise liess die Banken beim Verleihen von Geld vorsichtiger werden. Das wurde zum Problem vieler Unternehmer. Zum Beispiel dem Spanier V. L.

Es ist 2008, die Immobilienblase in Spanien ist eben geplatzt, und V. L. sucht Quellen, um die Finanzierung seiner Baufirma Foracusa zu sichern. Über Kontakte gelangt er an die spanische Brokerin Rachel Santacana, die zwischen Barcelona und Genf pendelt. Sie macht V. L. mit dem in Genf ansässigen Treuhänder José Antonio Mendez bekannt. Mit Santacanas Firma Trastt Ban-Ra handelt V. L. einen Vertrag über die Vermittlung von 420 Millionen Euro aus. Dafür soll er insgesamt rund eine Million an Gebühren und Vermittlungshonoraren bezahlen. V. L. überweist eine halbe Million Franken auf Santacanas Konto – und wartet auf eine Überweisung.

Als nichts passiert, kontaktiert er seine mutmassliche Investorin – doch diese stellte sich als Zwischenhändlerin heraus. Die Versicherung, bei der er den Handel versichern liess, war bereits bank­rott. Erst vertrösten Santacana und Mendez V. L. noch, dann sind sie plötzlich gar nicht mehr erreichbar. Seine Anzahlung ist V. L. los, die Fremdfinanzierung über 420 Millionen hat er nie erhalten. Der Fall V. L. wird derzeit in Madrid vor Gericht verhandelt. Santacana reagierte weder auf E-Mails noch auf Anrufe des TA. Die Anwältin, die sie in der Vergangenheit in solchen Belangen vertrat, will keinen Kommentar abgeben. Auch der Genfer Treuhänder Mendez will sich nicht dazu äussern, betont aber, bloss «administra­tiver Teil» von Santacanas Firma zu sein. Ausserdem habe er «nie mit jemandem einen Vertrag unterschrieben».

Meisterstück dieses Schemas ist eine Fälschung. Diese macht die Opfer glauben, dem Vertrag würden reale Schuldpapiere zugrunde liegen. Jahrelang waren italienische Ermittler hinter den Machern her. Nun hegen sie den Verdacht, dass unter anderem Marco Russo dahinterstecken könnte, der immer wieder mit Santacanas Firma Trastt Ban-Ra zusammengearbeitet hat und von Mendez Kunden zugedient bekommen haben soll. Laut den Ermittlern hat Russo über die Jahre neue Techniken entwickelt, um Schuldenpapiere zu fälschen. Zu Hilfe seien ihm dabei Kontakte mit Bankern gekommen, die ihn mit den nötigen Informationen versorgt hätten.

Dringend benötigtes Geld

Raffiniert daran: Russo soll laut den italienischen Ermittlern nicht die Anleihen selbst, sondern bloss sogenannte Euro­clear-Quittungen gefälscht haben. Euroclear ist ein Überweisungssystem für Finanztransaktionen. So sah es aus, dass die Anleihen nicht nur existierten, sondern das Geld bereits überwiesen worden war. Diese Quittungen konnte Russo mit beliebigen Summen versehen – und für deren Vermittlung Gebühren in Millionenhöhe verlangen. Die Firmen waren danach teilweise so geschädigt, dass sie Konkurs anmelden mussten. Nicht aufgrund der Vermittlungsprämie, die Russo kassiert haben soll, sondern weil sie dringend auf die versprochene Finanzierung angewiesen gewesen wären.

Ins Rollen gekommen war die Sache just in dem Moment, als Russo zwei besonders grosse Fische ins Netz zu gehen schienen. Im Herbst 2009 war der österreichische Personalvermittlungsriese Trenkwalder in finanziellen Schwierigkeiten, wollte aber mit der Rohstofffirma Trident nach Asien expandieren. Auf der Suche nach Möglichkeiten landete er bei Marco Russo. Im Oktober 2009 unterschrieben Trenkwalder und Russo einen Vertrag über 200 Millionen Euro, mit einer hohen Vermittlungsgebühr für Russo. Doch die Überweisung an Trenkwalder kam nicht an. Erst um Weihnachten flog der Schwindel auf. Im Januar 2010 wurde Russos Büro in Mailand durchsucht. Hunderte von Dokumenten und Verträgen wurden wegen des Verdachts auf Fälschung konfisziert, Konten beschlagnahmt, Dutzende weitere mögliche Opfer und Klienten identifiziert. Beide Firmen mussten kurz darauf Konkurs anmelden und klagten Marco Russo an.

Als der Richter Russo zu den gefälschten Dokumenten befragte, sagte dieser bloss: «Sogar ein fünfjähriges Kind könnte das.» Aber die Firmen hätten so verzweifelt Geld gebraucht, dass sie die Umstände nicht angezweifelt hätten. Sie hätten teilweise sogar gewusst, dass die Schuldenpapiere gefälscht waren. Das Gericht in Mailand befand Russo im Mai dieses Jahres in erster Instanz für schuldig wegen schweren Betrugs und verurteilte ihn zu mehr als vier Jahren Gefängnis. Russos Anwalt will dagegen Berufung einlegen. Er lässt gegenüber tagesanzeiger.ch/newsnetz verlauten, dass «Herr Russo das Ergebnis des Prozesses mit Ruhe erwartet». Russo halte sich für unschuldig und sei bisher noch immer freigesprochen worden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.09.2014, 06:54 Uhr)

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Die Spuren des Kollektivs

Der «Tages-Anzeiger» hat in Kooperation mit den Recherchekollektiven IRPI (Italien) und Correctiv (Deutschland) anhand von Gerichtsakten, Dokumenten und Aussagen von Beteiligten die Spuren des Kollektivs verfolgt. Das gewonnene Bild zeigt, wie dreist die Gruppe von der Schweiz aus agierte und wie einfach Unternehmen und Finanzinstitute um Millionen erleichtert werden konnten. Das Resultat – «Die Finanz-Wölfe Europas» – erscheint gleichzeitig in «L’Espresso», «Der Freitag», «El Confidential» und auf http://kredithaie.correctiv.org.

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