«Die Leute steigen aus dem Papiergold aus»

Mit Goldanlagen war in den letzten Monaten kein Geld zu verdienen. Wie geht es mit dem gelben Metall weiter? Dazu Edelmetallhändler René Buchwalder.

Immer noch die Nummer 1 bei den Goldmünzen: Der Krügerrand aus Südafrika. Foto: Reuters

Immer noch die Nummer 1 bei den Goldmünzen: Der Krügerrand aus Südafrika. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

René Buchwalder, im September 2011 kostete die Feinunze Gold 1900 Dollar. Inzwischen liegt der Preis rund 30 Prozent tiefer. Was sagen Sie dem Anleger, der zum Höchstkurs eingestiegen ist?
Klar, das ist im Moment eine ungute Situation. Aber man muss die Preisentwicklung langfristig sehen.

Langfristig ist das Stichwort, das immer kommt, wenn sich ein Preis nicht in die gewünschte Richtung entwickelt.
Das stimmt natürlich. Trotzdem darf man gerade beim Gold die längerfristige Betrachtung nicht aus den Augen verlieren. In den Jahren 2000 und 2001 lagen die Notierungen noch bei 250 bis 300 Dollar pro Unze. Dann folgten zehn Jahre mit steigenden Notierungen. Ich kenne keinen Markt, der immer nur aufwärts geht. Was wir erleben, ist eine Korrektur in einem langfristigen Aufwärtstrend.

Was spricht für diesen langfristigen Aufwärtstrend des Goldes?
Unsere Kunden schauen unter anderem aufgrund der in vielen Ländern hohen Staatsverschuldung und der riesigen Geldmengenausweitung durch die Notenbanken pessimistisch in die Zukunft. Dazu kommt bei vielen die Angst, dass der Staat vermehrt dem Bürger in die Tasche greifen wird, um die Probleme zu lösen.

Mit Blick auf die Schweiz scheint diese Angst aber doch eher übertrieben…
Das ist richtig, wir befinden uns nach wie vor auf einer Wohlfühlinsel. Aber die Schweiz ist umgeben von Ländern, die in Sachen Staatsverschuldung riesige Probleme haben. Von Amerika ganz zu schweigen.

Zypern als Mahnmal?
Ja, die Zypern-Krise hat viele wachgerüttelt. Plötzlich war über Nacht ein Teil der Ersparnisse, die auf der Bank lagen, weg. Mit Gold kann mir das nicht passieren, sagt sich mancher.

Beim Ausbruch der jüngsten politischen Krisen blieb der Goldpreis weitgehend stabil. Die Annahme «Angst gleich höherer Goldpreis» hat sich als falsch erwiesen.
Das hat damit zu tun, dass viele Anleger auf dem Niveau von 1600 Dollar pro Unze oder höher eingestiegen sind. Trotz geopolitischer Spannungen treten sie vorerst nicht als Käufer auf. Wir bewegen uns in einem luftleeren Raum.

Luftleerer Raum?
Damit meine ich den Bereich zwischen 1250 und 1325 Dollar pro Unze. Die Käufer werden erst zurückkehren, wenn wir unter die Marke von 1250 Dollar fallen, weil viele dann das Gefühl haben, dass der Preis tief ist. Oder die Umkehrung: Wenn die Notierungen auf 1325 bis 1350 steigen, wird wieder Bewegung in den Markt kommen, da dann weitere Höherbewertungen erwartet werden. Seitwärtstrends interessieren nicht.

Das ist die Sicht des Händlers. Wenn Sie Ihre Kunden anschauen – wen sehen Sie als typischen Goldkäufer?
Bis Herbst 2011 haben alle Gold gekauft. Die Leute kamen in den Laden und fragten kaum nach dem Preis. Alle gingen davon aus, dass er sowieso weiter steigt. Erst die Korrektur runter von 1900 auf 1100 Dollar pro Unze hat den Käufern gezeigt, dass es auch beim Gold deutliche Korrekturen geben kann. Jetzt sind die Anleger vorsichtiger und selektiver geworden und überlegen sich, bei welchem Preis sie einsteigen sollen.

Das Goldpreis-Fixing erfolgt zweimal täglich in London. Jetzt hat sich herausgestellt, dass auch dieser Preis manipuliert wurde. Als erste Bank wurde Barclays mit einer Millionenbusse bestraft. Hört das nie auf?
Doch. Die Banken bauen jetzt neue Plattformen für den Devisen- und den Edelmetallhandel. Der Markt wird reguliert. Das wird dazu führen, dass die Preisbildung transparent wird. Jeglichen Tricksereien wird damit der Riegel geschoben.

Gold schützt vor Inflation, ist eine gängige Annahme. Richtig oder falsch?
Es gibt ein einfaches Beispiel: Im alten Rom liess sich mit einer Unze Gold eine handgewobene Toga kaufen. Heute reicht eine Unze Gold, um einen qualitativ hochwertigen Herrenanzug zu bekommen. Gold hat damit über tausende Jahre bewiesen, dass es seinen Wert behält. Nehmen wir an, ein Rentner habe aus der Pensionskasse und der AHV ein Einkommen von 7000 Franken. Damit lässt sich heute leben. Was ist aber in 20 oder 30 Jahren? Ich bin überzeugt, dass sich der Kaufkraftverlust mit Gold ausgleichen lässt.

Gold als Langfristanlage. Spielt es dann überhaupt eine Rolle, ob bei einem Unzenpreis von 1300 oder 1500 Dollar gekauft wird?
Wir leben in einer Zeit, in der bei vielen der kurzfristige Erfolg im Vordergrund steht. Ich sehe Kunden, die vor zwei oder drei Jahren bei 1600 Dollar pro Unze gekauft haben und die jetzt unter 1300 Dollar verkaufen, weil sie das Geld brauchen. Gold sollte aber nur mit Geld gekauft werden, das man in den nächsten Jahren wirklich nicht braucht. Dann lassen sich auch Preisexzesse nach oben oder unten problemlos aushalten.

Was ist eigentlich der «innere Wert» des Goldes? Bei einem Unternehmen sind es die Gebäude, die Maschinen und so weiter. Und beim Gold?
Einziger Hinweis sind die Produktionskosten. Sie liegen derzeit bei 1000 bis 1150 Dollar pro Unze. Das ist denn auch der eigentliche Boden des Preises. Fällt er tiefer, stellen Minen die Produktion ein.

China ist einer der grössten Goldkäufer der Welt. Warum?
Die Chinesen sind enttäuscht von den Amerikanern. Aufgrund ihrer Dollar-Anlagen verlieren sie masslos viel Geld. Gold ist für sie eine Anlageklasse, um vom Dollar wegzukommen. Dann ist da auch das Gerücht, dass China an einer neuen Weltwährung bastelt, die den Dollar ablösen soll. Sie soll mit Gold hinterlegt sein. Ich glaube das aber nicht.

Münzen oder Barren: Was empfehlen Sie?
Spielt eigentlich keine Rolle. Gold ist Gold. Nummer eins bei den Münzen ist der südafrikanische Krügerrand, gefolgt vom kanadischen Maple Leaf und dem Wiener Philharmoniker. Der amerikanische Gold Eagle hingegen wird kaum mehr gekauft, da das Vertrauen in die USA verloren gegangen ist. Das Vreneli ist praktisch ausverkauft. Sogar als Händler hat man Mühe, etwas zu bekommen. Bei kleinen Barren fallen die Produktionskosten stärker ins Gewicht als bei grossen Stücken.

Goldschmuck?
Schön. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch die Arbeit des Goldschmieds zu bezahlen ist. Bei einem Notverkauf kann es zu bösen Überraschungen kommen.

Wie sieht es mit ETF auf Gold, mit börsenkotierten Fonds?
Die Leute steigen aus dem Papiergold aus. Sie haben das Vertrauen verloren und bezweifeln, dass die Papiere auch tatsächlich physisch mit Gold hinterlegt sind. An der Comex, der grössten Rohstoffbörse der Welt, wird 55-mal mehr Papiergold gehandelt, als Gold überhaupt vorhanden ist. Das sagt alles. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 24.06.2014, 11:02 Uhr)

Stichworte

René Buchwalder

René Buchwalder ist Geschäftsführer von Pro Aurum, das Unternehmen zählt zu den bekanntesten bankenunabhängigen Edelmetallhändlern im deutschsprachigen Raum. Hauptsitz der 2003 gegründeten Firma ist München, in der Schweiz bestehen Niederlassungen in Kilchberg am Zürichsee und in Lugano. Im Geschäftsjahr 2013 lag der Gruppenumsatz über einer Milliarde Euro. Beschäftigt werden 120 Personen. pey

Artikel zum Thema

Gold bringt der SNB Milliarden-Gewinn

Im ersten Quartal hat die Schweizerische Nationalbank einen Gewinn von 4,4, Milliarden Franken erzielt. Zu verdanken hat die SNB das Resultat der Entwicklung des Goldpreises – doch nicht nur. Mehr...

«Gold ist ein barbarisches Relikt»

Der renommierte Währungsexperte Barry Eichengreen erklärt, warum wir bald drei globale Leitwährungen haben werden und warum ein neuer Goldstandard zu mehr Finanzkrisen führen würde. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Blogs

Mamablog Wissen Sie, worum es im Leben geht?

Never Mind the Markets Deutschlands wahnwitzige Rekordfahrt

Werbung

Die Welt in Bildern

Präsentieren ihre Herbstmode: Die Felle dieser Schafe im nordenglischen Troutbeck sind mit fluoreszierendem Orange gefärbt, wodurch Viehdiebe abgeschreckt werden sollen. (29. September 2016)
(Bild: Oli Scarff) Mehr...