Die Schonfrist für Vermögensverwalter läuft ab

Unabhängige Vermögensverwalter haben in den vergangenen Jahren trotz Finanzkrise gut gelebt. Das könnte sich nun ändern. Der Branche droht eine schärfere Regulierung.

Die unabhängigen Vermögensverwalter beschäftigen in der Schweiz heute 8000 Menschen. Foto: Peter Rigaud (Laif)

Die unabhängigen Vermögensverwalter beschäftigen in der Schweiz heute 8000 Menschen. Foto: Peter Rigaud (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Büro, ein Computer und etwas Finanz-Know-how: Mehr brauchte es in der Vergangenheit nicht, um als Vermögensverwalter loszulegen. Zwei oder drei reiche Kunden waren ein guter Anfang, ab einigen Dutzend Millionen Franken Kundengeld war die Sache bereits profitabel. Die Zeiten waren gut für Banker, die keine Lust mehr auf einen Job bei der Bank hatten.

Einer davon war Cornel Gautschi. Er leitet einen jener gut zweitausend Betriebe, die hierzulande unter der Kategorie «unabhängige Vermögensverwalter» laufen und für Privatleute, aber auch für institutionelle Investoren Finanzdienstleistungen erbringen. Gautschi ist seit 25 Jahren im Geschäft. Heute sagt er: «Ich würde nicht mehr neu anfangen.» Grund sind die neuen Vorschriften, die dem Finanzfachmann aus dem aargauischen Meisterschwanden drohen. Alles wird komplizierter, die ­Ertragsaussichten sinken.

Für Alarmstimmung in der Branche sorgt die juristische Neuordnung, die das Finanzdepartement (EFD) plant. Fidleg und Finig heissen zwei der dazugehörigen Gesetzestexte. Sie würden den Vermögensverwaltern umfangreiche Dokumentationspflichten und zusätzliche Aufsichtskosten bescheren. Das EFD beziffert diese auf 20 000 Franken pro Jahr, für die Registrierung wären einmalig 50'000 Franken fällig. «Für einen Einmannbetrieb ist das ein bedeutender Einschnitt», sagt Gautschi.

Deutlicher wird Patrick Dorner, Geschäftsführer des Verbands VSV, einer von mehreren Selbstregulierungsorganisationen der Branche: «Die kleinen Firmen würden schlicht und einfach wegreguliert.» Gemäss Berechnungen des VSV würden 20 Prozent der betroffenen Betriebe wegen der jährlichen Zusatzkosten Verluste ausweisen. Bei gegebenen Personalkosten wären es im ersten Jahr sogar 40 Prozent.

Hassliebe mit den Banken

Derzeit laufen in Bern die Anhörungen, im kommenden Winter und Frühling sollen die Vorlagen ins Parlament kommen. Laut Dorner werden die grösseren Vermögensverwalter und die Banken als Gewinner hervorgehen – und er wird darin auch vom EFD bestätigt. Dieses geht laut einem Papier vom Juli von einer «permanenten Erhöhung der Marktbarrieren» und einem Konzentrationsprozess als Folge der Regulierung aus.

Die Stellungnahme der Banken zum umfangreichen Gesetzeswerk steht noch aus. Erst müssten noch Details geklärt werden, sagt Daniela Flückiger von der Bankiervereinigung. Die grundsätzliche Position der Bankiers ist aber klar: «Wir begrüssen es, wenn die unabhängigen Vermögensverwalter unter eine angemessene Aufsicht kommen.»

Das ist nicht überraschend. Die beiden Parteien schweisst seit jeher eine Art Hassliebe zusammen. Die unabhängigen Vermögensverwalter sind eigentlich Abtrünnige: Vielfach ehemalige Bankangestellte, die einst von den Geldhäusern ausgebildet wurden und später deren Kunden mitgenommen haben. «Zu Beginn wurde der Gang in die Selbstständigkeit gar nicht goutiert», erinnert sich Heinrich Speich, langjähriger Bankmanager und heute Verwaltungsrat bei Solidus Asset Management. «Erst nach und nach merkten die Finanzinstitute, dass die Vermögensverwalter ihnen eigentlich die aufwendige Kundenakquisition und -betreuung abnahmen.»

Heute leben die Parteien in Symbiose: Die Vermögensverwalter kaufen bei einer Depotbank Dienstleistungen wie die Kontoführung und den Wertschriftenhandel ein und bezahlen dafür eine Gebühr in der Grössenordnung von einigen Zehntelprozent des angelegten Vermögens. Vom Endkunden verlangen die Vermögensverwalter ihrerseits Kommissionen von einem halben bis einem ganzen Prozent. Als Unabhängiger verdient man weniger als bei der Bank, dafür sind die Freiheiten grösser.

Rund 11 Prozent beträgt der Marktanteil der unabhängigen Verwalter, denen schon öfter schwierige Zeiten vorausgesagt wurden. Die Universität Zürich führt in ihrer jüngsten Studie zu den ­anstehenden Gesetzesänderungen den Konsolidierungsdruck darum auch nicht ausschliesslich darauf zurück. Die Branche sei stark fragmentiert, organisches Wachstum finde kaum statt, stellen die Autoren fest. In einer Finanzwelt, die sich in den letzten Jahren grundlegend verändert hat, kämpfen die Vermögensverwalter auch mit einer Reihe ganz grundsätzlicher Probleme.

Eines davon sind die Retrozessionen, also umstrittene Vermarktungsgebühren für Finanzprodukte, die manche Vermögensverwalter als versteckte Provisionen einstreichen. «Das Thema betrifft viele Kleinfirmen im Kern», sagt Heinrich Speich. Zudem drückt die Steuertransparenz aufs Geschäft. «Viel ausländisches Schwarzgeld wurde bereits abgezogen, und die Abflüsse werden weiter anhalten», sagt ein Vermögensverwalter, der anonym bleiben will.

«Bis jetzt hatten die unabhängigen Vermögensverwalter viele Freiheiten», meint Norman Karrer, Schweiz-Chef der Bankenberatungsfirma Zeb. «Dem Druck zu mehr Transparenz und besserem Kundenschutz wird man sich aber kaum entziehen können.»

Zurzeit beschäftigen die unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz rund achttausend Menschen. Die meisten sind Kleinbetriebe mit einer Handvoll Mitarbeitenden. Sie haben typische KMU-Websites, mit Rubriken wie «Firmenprofil» und den Fotos der Besitzer. In den Medien werden diese Betriebe selten genannt, doch sie bilden einen integralen Teil des Finanzplatzes.

Trotz allem Pessimismus haben sich die unabhängigen Vermögensverwalter in den letzten Jahren gut gehalten. Die Jahre 2007 bis 2011 brachten einen regelrechten Boom mit bis zu achtzig Neugründungen pro Jahr. Auch dieses Jahr sind beim VSV bereits rund dreissig Neuanmeldungen eingegangen.

Unternehmerisch denken

Beobachtern zufolge könnte es das letzte Aufbäumen gewesen sein. «Die Landschaft wird sich verändern», sagt Marc Possa, Geschäftsführer bei der VV Vermögensverwaltung. «Eine gewisse Bereinigung ist unvermeidlich.» Er bedauert den drohenden Verlust an Vielfalt und Individualität. Die Arbeit als Selbstständiger habe einen tieferen Sinn, bei einer Grossbank seien Berater und Kunde einfach eine Nummer. «Das Geschäft ist zu einem Teil von mir selbst geworden», sagt Marc Possa.

Christian Bührer, Mitarbeiter bei WM Partners und Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, hält wenig vom Lamento. «Früher haben sich viele Banker aus Opportunismus selbstständig gemacht», sagt er. «Heute ist unternehmerisches Denken gefordert.» Zusammenschlüsse und Kooperationen unter Vermögensverwaltern sowie neue IT-Lösungen für die neuen Compliance- und Dokumentationsprozesse werden laut Bührer dafür sorgen, dass es auch in Zukunft Nischen für unabhängige und kompetente Vermögensverwalter geben wird.

Auf das Ende der Schonfrist bereitet sich Cornel Gautschi trotzdem vor. Er führe bereits Gespräche über Kooperationen, sagt er. «Mit möglichen Partnern, die eine ähnliche Philosophie haben.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.09.2014, 06:58 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

UBS hofft auf Pariser Gericht

Die Schweizer Bank ficht eine Kautionsforderung von 1,1 Milliarden Euro an – und wähnt sich als Opfer eines politischen Manövers. Heute kommt der Fall vor die Richter. Mehr...

In der Schweiz liegen noch 200 Milliarden Schwarzgeld

In der Schweiz werden immer weniger nicht deklarierte Vermögen verwaltet. Laut einer Studie sind in den letzten Jahren 350 Milliarden Franken Schwarzgeld abgeflossen. Mehr...

Geplante Gesetzesrevision

Das Finanzkleeblatt

Der Bund plant derzeit die Totalrevision des Schweizer Finanzmarktrechts. Sie besteht aus vier Komponenten und wird deshalb auch Kleeblattreform genannt. Zum bestehenden Finanzmarktaufsichtsgesetz (Finmag) sollen neu das Finanzdienstleistungsgesetz (Fidleg), das Finanz­infra­strukturgesetz (Finfrag) und das Finanzinstitutsgesetz (Finig) kommen. Diese Texte sollen unter anderem das Banken- und das Börsengesetz sowie das Kollektivanlagengesetz teilweise ersetzen.

Die Vernehmlassung zum Finfrag ist bereits abgeschlossen, jene zu Finig und Fidleg dauern bis zum 17. Oktober. Im Finig wird die Aufsicht über Finanzdienstleister festgeschrieben, unter anderem sollen Vermögensverwalter einer Bewilligungspflicht unterstellt werden. Ein Streitpunkt ist die Weissgeldstrategie, die im neuen Gesetz festgeschrieben werden soll. Fidleg betrifft vor allem die Dokumentationspflichten und Ausbildungsanforderungen von Finanzdienstleistern. Mit dem Gesetz soll die Durchsetzung von Kundenansprüchen vor Gericht einfacher werden, zudem sollen Formen von Sammelklagen möglich werden. (ssc)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zum Schutz der Alpen: Eine Frau mit einem roten Ballon steht in der Naehe des Nordportals des Gotthard-Basistunnels anlaesslich der Aktion der Alpen-Initiative 'Weil wir die Alpen lieben'. (8. Dezember 2016)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...