«Die Situation ist dramatisch»

Nationalbank-Vizepräsident Thomas Jordan erwartet «deutliche Bremsspuren» beim Wirtschaftswachstum. Als Mittel gegen den Franken-Höhenflug stellte er eine weitere Ausweitung der Geldmenge in Aussicht.

«Es gibt Anzeichen dafür, dass das Vertrauen an den Märkten deutlich zurückgegangen ist»: Thomas Jordan, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank.

«Es gibt Anzeichen dafür, dass das Vertrauen an den Märkten deutlich zurückgegangen ist»: Thomas Jordan, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank. Bild: Keystone

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Nur eine Woche, nachdem die Nationalbank die Geldmenge massiv ausgeweitet hat, holt sie zum zweiten Schlag aus. Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend?
Die in den letzten Tagen deutlich gestiegene Risikoscheu auf den Märkten hat die Überbewertung des Frankens nochmals verschärft. Das verlangte eine geldpolitische Antwort der Nationalbank.

Die neuen Massnahmen der Nationalbank setzen auf Devisenswap-Geschäfte. Welche Überlegungen stehen dahinter?
Mit dem zusätzlichen Einsatz von Devisenswaps können wir die Frankenliquidität im Markt schneller erhöhen als nur über den Rückkauf von SNB-Bills, den von der Nationalbank herausgegebenen Schuldverschreibungen.

Die starke Ausweitung der Geldmenge, welche die Nationalbank vor einer Woche beschlossen hatte, schien die Märkte nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Der Franken setzte seinen Höhenflug fort . . .
. . . die letzte Woche von uns getroffenen geldpolitischen Massnahmen haben sehr wohl Wirkung gezeigt. Der Libor hat sogleich deutlich nachgegeben, die gesamte Zinskurve ist gesunken. Auch war die anfängliche Wirkung auf den Wechselkurs deutlich zu spüren. Allerdings ist anschliessend eine Reihe weiterer negativer Schocks eingetreten, die den Franken unter erneuten Aufwertungsdruck gesetzt haben. Ohne unsere Massnahmen wäre er heute noch weitaus stärker.

Was spricht dafür, dass die nochmalige Erhöhung der Geldmenge um 50 Prozent diesmal mehr Wirkung erzielt und den Franken nachhaltig schwächt?
Die sofortige Zinswirkung ist auch heute klar sichtbar geworden. Wir sehen am Interbankenmarkt bereits negative Zinsen für kurzfristige Geldgeschäfte. Durch unsere Massnahmen wird die Überschussliquidität beim Franken immer grösser und das Halten von Franken immer weniger attraktiv.

Aber die Massnahmen reichen offenbar nicht aus, um den Aufwärtstrend des Frankens zu brechen. Wie viel geldpolitischen Handlungsspielraum hat die Nationalbank nach den gestrigen Massnahmen überhaupt noch?
Wir können die Liquidität sogar noch weiter erhöhen. Wir prüfen aber auch eine Reihe von weiteren geldpolitischen Massnahmen – und handeln dann, wenn wir davon überzeugt sind, dass der Moment gekommen ist.

Welches Ziel haben Sie dabei unter den gegebenen Umständen vor Augen: erst einmal eine Stabilisierung des Frankens auf dem derzeitigen Niveau oder eine fühlbare Abwertung in Richtung des Gleichgewichtskurses?
Wir betrachten den momentanen Frankenkurs sowohl gegenüber dem Euro als auch gegenüber dem Dollar als massiv überbewertet. Das stellt eine Bedrohung für die Schweizer Wirtschaft dar und ist mit starken Abwärtsrisiken für die Preisstabilität verbunden.

Sind diese Abwärtsrisiken so stark, dass daraus Deflationsgefahren für die Schweiz erwachsen können?
Dies ist denkbar und abhängig von der weiteren Entwicklung der Wirtschaft und der Finanzmärkte.

Wenn Sie von der Überbewertung des Frankens so überzeugt sind, warum kaufen Sie jetzt keine Devisen am Markt?
Ich kann mich nur wiederholen: Wir prüfen weitere Massnahmen für den Fall, dass sie sich als notwendig erweisen. Wie sie konkret aussehen werden, kann ich Ihnen nicht im Voraus sagen.

Was hat die Nationalbank bisher davon abgehalten, ähnlich aggressiv am Devisenmarkt zu intervenieren wie zuletzt im Frühjahr 2010 auf dem ersten Höhepunkt der Griechenland-Krise?
Wir haben im Moment noch Möglichkeiten, die Geldpolitik expansiver zu gestalten, ohne dass wir am Devisenmarkt intervenieren. Und wir sind zum Schluss gekommen, dass die Erhöhung der Liquidität in der gegenwärtigen Situation die geeignete Massnahme ist. Wir haben die Liquidität zuletzt in kürzester Zeit massiv ausgeweitet und werden diese nun nochmals signifikant erhöhen. Man kann dies auch als eine Art quantitativer Lockerung bezeichnen. Über diesen Kanal erzielen wir eine geldpolitische Wirkung.

Auf Forderungen aus Politik und Wirtschaft, den Franken an den Euro zu binden, entgegnet die Nationalbank, dass eine permanente und feste Anbindung mit ihrem Verfassungsauftrag nicht vereinbar sei. Wäre aber eine vorübergehende Anbindung an den Euro in ausserordentlichen Zeiten verfassungs- und gesetzeskonform?
Grundsätzlich können wir alle Massnahmen ergreifen, die langfristig mit der Erfüllung unseres Mandats vereinbar sind – nämlich eine unabhängige Geldpolitik im Interesse des Landes zu führen und die Preisstabilität unter Berücksichtigung der Konjunktur zu erhalten.

Wäre eine vorübergehende Anbindung damit kompatibel?
Solange dies mit Preisstabilität in der langen Frist vereinbar ist, sind vorübergehende Massnahmen, die den Wechselkurs beeinflussen, in unserem Mandat enthalten.

Welche Rückwirkungen werden die jüngsten Geschehnisse in den USA und in der Eurozone auf die Schweizer Wirtschaft haben?
Aus Schweizer Sicht ist die Situation dramatisch. Da ist zum einen die allgemeine Verlangsamung der Weltkonjunktur, die uns als kleine offene Volkswirtschaft im Aussenhandel empfindlich trifft. Zum andern hat der Franken im Zuge der Turbulenzen an den Finanzmärkten historische Höchststände erreicht – mit zusätzlichen dämpfenden Auswirkungen auf die Wirtschaft hierzulande. Zusammengenommen ergibt das eine sehr starke konjunkturelle Bremswirkung. Das ist denn auch der Hauptgrund, weshalb wir nun zweimal kurz hintereinander entschieden haben, die Geldpolitik weiter massiv zu lockern.

Wie stark dürfte das Schweizer Wirtschaftswachstum in diesem Jahr noch ausfallen?
Wir haben noch keine neue Prognose erstellt, das tun wir erst mit Blick auf die geldpolitische Lagebeurteilung im September. Auf jeden Fall werden wir in der zweiten Hälfte dieses Jahres deutliche Bremsspuren sehen.

Sie haben es bereits erwähnt: Über die Finanzmärkte zieht erneut ein heftiger Sturm hinweg. Wie ernst ist die derzeitige Lage?
Sie hat sich in den letzten Wochen deutlich verschlechtert. Wir beobachten enorme Kursschwankungen und eine ausgeprägte Flucht in sichere Anlagen wie den Franken. Darin widerspiegelt sich der starke Vertrauensverlust der Investoren. Die Lage ist zweifellos ernst.

Kündigen die Turbulenzen einen Rückfall der Weltwirtschaft in die Rezession an, wie warnende Stimmen meinen?
Die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten widerspiegeln eindeutig Wachstumsängste. Die Märkte rechnen mit einer Abkühlung der Konjunktur in allen drei grossen Regionen Amerika, Europa sowie in Teilen Asiens. Dies ist aber nur ein Teil der Geschichte. Hinzu kommen die Zweifel der Märkte, ob die Haushalte gewisser Staaten wirklich auf dem Weg einer nachhaltigen Sanierung sind.

Kommen bei Ihnen angesichts der jetzigen Stürme Erinnerungen an die Krisenzeiten von 2008/2009 hoch?
Es ist generell schwierig, verschiedene Phasen miteinander zu vergleichen. Was wir aber feststellen: Der rasante Zerfall der Aktienkurse in den vergangenen Wochen ist durchaus vergleichbar mit dem, was wir zu Beginn der Finanzkrise im Herbst 2008 erlebt haben. Auch gibt es Anzeichen dafür, dass das Vertrauen an den Märkten deutlich zurückgegangen ist. So sind die Risikozuschläge auf bestimmten Ausleihungen in die Höhe geschossen, und für einzelne Banken ist es schwieriger geworden, sich am Markt zu refinanzieren.

Wie wird sich die Rating-Zurückstufung der USA im globalen Finanzsystem niederschlagen?
Ohne die Zurückstufung an sich kommentieren zu wollen: Sie hat den Märkten einen Schock versetzt. Dessen Folgen sind noch nicht absehbar.

Was müsste geschehen, damit sich die Märkte wieder beruhigen?
Vor allem muss die Sanierung der Staatshaushalte in den USA und Europa zügig und für die Märkte nachvollziehbar vorangetrieben werden. Es muss klar werden, dass diese Staaten ihre Haushalte effektiv in Ordnung bringen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.08.2011, 20:03 Uhr)

Euro (EUR/CHF)

Thomas Jordan

Der 48-jährige gebürtige Bieler ist seit Anfang 2010 Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und Leiter des II. Departements, das sich vor allem mit dem Thema Finanzstabilität beschäftigt. Thomas Jordan, der nach Ökonomiestudium und
-doktorat an der Universität Bern einen dreijährigen Forschungsaufenthalt an der Harvard University absolvierte, ist verheiratet und Vater zweier Söhne. (rm.)

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