Wirtschaft
«Die USA sind stärker als vor der Krise»
Von Elisabeth Tester. Aktualisiert am 13.01.2011 16 Kommentare
«Finanz und Wirtschaft»
Dieser Artikel ist heute zuerst in der aktuellen Ausgabe der «Finanz und Wirtschaft» auf Seite 24 erschienen. Tagesanzeiger.ch/Newsnetz hat ihn mit freundlicher Genehmigung publiziert.
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Eine bessere Regulierung des Finanzsystems und ein Bankensektor mit viel Eigenkapital sind gut für die Wirtschaft», betont Tom Elliott. Der Stratege von J. P. Morgan Asset Management hofft im Gespräch mit der «Finanz und Wirtschaft», dass die USA gestärkt aus der Krise hervorgehen werden, da die künftige Kreditvergabe Exzesse verhindere. Der amerikanischen Wirtschaftspolitik hingegen stellt er schlechte Noten aus.
Herr Elliott, vor einem Jahr prognostizierten Sie ein Erstarken des Dollars. Haben Sie das Ausmass der quantitativen Lockerung der US-Notenbank Fed unterschätzt?
Anfang 2010 erholte sich die Wirtschaft, und es herrschte Optimismus, auch an den Aktienmärkten. Es wurde erwartet, dass die Bank of England, die Europäische Zentralbank EZB und das Fed die Geldpolitik verengen würden. Niemand hat mit einem weiteren QE, also Quantitative Easing, gerechnet.
Was ist schiefgelaufen?
Das Wachstum fiel geringer aus, als ich erwartet hatte. In den USA stieg die Zahl der Arbeitsplätze nur geringfügig, und die Konsumnachfrage blieb schwach. So landeten wir im August in einer Situation, in der noch mehr QE gefragt war. Die USA brauchten ein neues 600-Mrd.-$-Paket. Japan hat bereits weitere Massnahmen ergriffen, und Grossbritannien wird folgen. Die EZB muss für die Peripherieländer die Rettungsschleusen offen lassen. Sie beliess die Zinsen bislang unverändert, obwohl für die Mehrheit der Euro-Kernländer eine restriktive Politik angesagt wäre. Die enorme Geldschwemme führte zum schwachen Dollar.
Wie finden die USA aus der Krise?
Die aktuelle Erholung ist die schwächste nach einer Rezession der Nachkriegsära. Die Arbeitslosigkeit im privaten Sektor müsste sich heute wieder auf Vorkrisenniveau befinden. Wir sind jedoch nicht einmal in der Nähe davon.
Weshalb?
Der Schwäche des Häusermarktes hält an. Die Leute sind ausserdem zögerlich, dorthin zu ziehen, wo die Jobs sind. Sie wollen den Wertverlust ihrer Häuser nicht realisieren.
Ist der historisch flexible US-Arbeitsmarkt nicht mehr flexibel?
In North Dakota beträgt die Arbeitslosenrate 3,6%, in Nevada 14%. Aber in Nevada sind 70% der Häuser weniger wert als ihre Hypothekarbelastung – falls es denn überhaupt Käufer dafür gäbe. Ein weiterer Punkt ist die Zerstörung der Arbeitsplätze in Industrie und Produktion in den letzten Jahrzehnten. Sie wurde lange durch die Schaffung von Stellen in der Bauwirtschaft kaschiert. Nun ist die Immobilienblase geplatzt, und die Leute haben keine Fabrikjobs mehr, zu denen sie zurückgehen können. In den USA, wie auch in Europa, gibt es hohe Überkapazitäten. Einzig in Deutschland befindet sich die Arbeitslosigkeit auf einem Achtzehnjahrestief. Die Reformen des Arbeitsmarktes sowie die Zurückhaltung der Gewerkschaften haben sich ausgezahlt.
Sind die Gewerkschaften in Deutschland weiterhin kooperativ?
Nach zehn Jahren Rückgang der Reallöhne sollten nun die deutschen Arbeitskräfte am Aufschwung und am Erfolg der Unternehmen partizipieren können. Zudem soll die Nachfrage durch höhere Löhne stimuliert werden. Es sieht zurzeit aus, wie wenn die Unternehmen nachgäben. Vielleicht findet das deutsche Jobwunder ein Ende.
Gemäss dem amerikanischen Nobelpreisträger Michael Spence gibt es in den USA genügend Investitionsmöglichkeiten, vor allem im Infrastrukturbereich, um aus der Krise zu finden. Wieso werden sie nicht wahrgenommen?
Das ist zum Teil politisch bedingt. Vor allem die Republikaner wollen sehr wohl Infrastrukturprojekte. Diese erfordern jedoch jahrelange Planungszeit und tendieren dazu, prozyklisch, also inflationstreibend, zu wirken. Die Demokraten hingegen möchten möglichst schnell Geld in die Wirtschaft pumpen, was durch höhere Sozialleistungen erreicht werden kann. Ihr Multiplikatoreffekt ist stark und zeitnah. Werden die Zahlungen an Arbeitslose von drei auf sechs Monate verlängert, geht das direkt in die Wirtschaft, da die Konsumneigung armer Leute sehr hoch ist. Es ist aber sehr schwierig, solche Leistungen zurückzunehmen.
Ist der Multiplikator nicht gering, weil der Konsument noch damit beschäftigt ist, seine Schulden abzubauen?
Ja, und auch als Folge der hohen Arbeitslosigkeit ist der Effekt geringer als gewünscht.
Die Republikaner wollen keine Steuererhöhungen und die Demokraten keine Ausgabenkürzungen. Befindet sich Amerika in einer Sackgasse?
Die Republikaner tun sich aktuell schwer damit, Lösungen aufzuzeigen. Eine erfolgreiche Wachstumsstrategie führt aus der Schuldenfalle heraus. Das gilt auch für Personen mit Hypothekarschulden oder ohne Arbeit.
Die Staatsverschuldung der entwickelten Länder ist explodiert. Der Schuldendienst wird das Wachstum hemmen.
Ist das laufende Budget eines Staates ausgeglichen, wächst die Wirtschaft, und das Steueraufkommen nimmt zu. Es wird einfacher, frühere Schulden zurückzuzahlen. Das Wachstum in den USA ist zwar klein, aber es existiert. Das Budget muss stabilisiert und ein Primärüberschuss erzielt werden, um die Zinsen zahlen zu können. Länder können sich ändern, und eine restriktive Fiskalpolitik ist möglich – so wie das in Italien der Fall war.
Sie sagen, die USA würden gestärkt aus der Krise hervorgehen.
Amerika wird die Krise überleben. Die Kreditvergabe – auch im Bereich Konsumkredite – wird hoffentlich nicht mehr solch extreme Ausmasse erreichen und nachhaltiger sein. Das Finanzsystem wird besser reguliert, was die Wirtschaft stärkt. Die Amerikaner werden mit dem Dodd-Frank-Gesetz die Eigenkapitalforderungen von Basel III aktiver übernehmen, als sie das mit Basel II gemacht haben. Sie gehen in die richtige Richtung, trotz Widerstände.
Sie richten Ihr Augenmerk stark auf die Demografie und auf Schwellenländer. Jüngst sind Forderungen laut geworden, Russland solle der Welthandelsorganisation WTO beitreten.
Als Putin in Deutschland mehr Interesse für Investitionen in Russland wecken wollte, waren die Reaktionen gemischt. Die rechtliche Situation ist noch unsicher. Das ist ein Haupthindernis für Russlands wirtschaftliche Entwicklung. Gleiches galt lange für China, dort kann man inzwischen aber Geld verdienen. Für Russland ist das noch nicht so klar.
Vor zehn Jahren interessierte sich kaum jemand für die Politik der chinesischen Notenbank. Nun reagieren die Märkte weltweit auf die kleinsten Massnahmen.
China wandte früher häufig sogenannte administrative Massnahmen an. Eine Anhebung der Leitzinsen hatte oft nicht den gewünschten Erfolg, da die Kreditvergabe weitgehend den lokalen Politikern unterstand. Heute sind die monetären Transmissionsmechanismen konventioneller und greifen eher. Der chinesische Kapitalmarkt hat sich entwickelt – Grösse und Bedeutung der chinesischen Volkswirtschaft haben enorm zugenommen.
Wann platzt die chinesische Immobilienblase?
Alles, was steil hinaufgeht, kommt auch wieder runter. Man muss jedoch die Ersparnisse der chinesischen Haushalte betrachten. Investitionen im Ausland sind für Chinesen schwierig, und so kaufen sie Aktien und Immobilien. Das dürfte die Preise, die zudem nur in den grossen Städten rasant gestiegen sind, weiterhin stützen. Wir sind nicht allzu besorgt.
Schwellenländer boomen, und der Run in entsprechende Anlageprodukte ist enorm. Ist langsam Vorsicht geboten?
Es ist problematisch zu sagen, dieses Mal sei alles anders. Wir sehen seit 1980 jedoch eine deutliche strukturelle Verbesserung der wirtschaftlichen Lage dieser Länder. Nach den Restrukturierungen der Asienkrise Ende der Neunzigerjahre haben die Unternehmen ihre Effizienz erhöht. Sie sind heute fähig, das Wirtschaftswachstum in Geld umzumünzen. Fundamental sind die Notierungen gerechtfertigt – im Gegensatz zu gewissen Staatsanleihen.
Findet das Wachstum der Schwellenländer nicht zur Hauptsache in KMU statt, in die sich nicht investieren lässt?
Wer in in Finnland investiert, kauft zu 60% Nokia. Dieses Thema stellt sich also immer wieder. Es scheint jedoch sinnvoll zu sein, nicht eine regionen- oder ländergewichtete Portfolioallokation vorzunehmen, sondern einzelne Titel anzuschauen. Unternehmen, die am Wachstum der Schwellenländer partizipieren und die sich oft am Anfang der Wertschöpfungskette befinden – z. B. im Rohstoffbereich –, sind vielversprechend. Westliche Unternehmen mit starken Markennamen ebenfalls.
Viele Anleger kaufen zurzeit Gold als Schutz vor Inflation.
Ich sorge mich nicht um Inflation. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, es gibt Überschusskapazitäten. China kann aus den westlichen Provinzen unzählige Leute rekrutieren, falls die Löhne zu schnell steigen. Auch wenn die Importpreise für chinesische Güter stiegen, wären im Westen Lohnerhöhungen kaum durchsetzbar. Die Leute würden anderswo sparen müssen, und die deflationären Tendenzen hielten an. Der Bondmarkt zeigt für die nächsten fünf Jahre ebenfalls keine Inflation an. Er sagt denen, die Gold kaufen: Es wird keine Inflation geben, ihr liegt falsch.
Ist Gold also überbewertet?
Das sage ich nicht. Es gibt gute Gründe für den Kauf, z. B. zwecks Diversifikation. Das knappe Angebot und die steigende private und industrielle Nachfrage aus Indien und China sprechen auch für Gold. Ist die Inflation in zwei Jahren immer noch tief, besteht jedoch die Gefahr, dass die Investoren Gold abstossen. Deutliche Preiskorrekturen wären die Folge.
Sie haben Geschichte studiert. Welchen Einfluss hat das auf Ihre ökonomischen Analysen?
Es ist hilfreich zu wissen, wie früheren Krisen begegnet wurde. Es nützt, nach Mustern zu suchen, die immer wieder auftreten. Eine weitere Lehre aus der Geschichte ist: Der Optimismus überwiegt. In den letzten hundert Jahren hat es sich ausgezahlt, in Aktien übergewichtet zu sein. (Finanz und Wirtschaft)
Erstellt: 13.01.2011, 19:26 Uhr
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16 Kommentare
Wer die Zukunft in der Vergangenheit sucht, wird es vergeblich sein. Wenn die Zukunft in der Vergangenheit liegen würde, dann können wir die Finanzkrise vermeiden. Aber wie wir wissen, das entspricht nicht die Wirklichkeit. Solche Leute bei Banken verursachen fehlhafte Entscheidungen. Die Mathematiker, Physiker oder Historiker haben in Asset Management nichts zu suchen. Antworten
Warum werden immer BANKER interviewt?Die leben ja schon lange nicht mehr in der realen Welt! Die virtuelle Welt ist ihr Gebiet! Die Verursacher der Finanzkrise haben sich ja durch die Hampelmänner/frauen PolitikerInnen retten lassen, indem sie sagten was zu tun war! Antworten
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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