Die «politische Bombe» der Lael Brainard

Fed-Gouverneurin Lael Brainard stellt sich zusammen mit einem Kollegen gegen die Politik ihrer Chefin Janet Yellen. Die Debatte hat Folgen für die Schweiz.

Gouverneurin Lael Brainard (links) und Notenbank-Chefin Janet Yellen. Bilder: Keystone

Gouverneurin Lael Brainard (links) und Notenbank-Chefin Janet Yellen. Bilder: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Vertreter des Entscheidungsausschusses der US-Notenbank, Daniel Tarullo und Lael Brainard, haben in den letzten Tagen in öffentlichen Auftritten erklärt, dass es für ein längeres Zuwarten mit einer Zinserhöhung über das Jahresende hinaus gute Gründe gebe. Tarullo tat dies in einem Gespräch auf CNBC, Brainard in einer Rede, die beim Fed nachgelesen werden kann. Die Aussagen der beiden sind nicht mit denjenigen von Fed-Präsidentin Janet Yellen und ihrem Vize Stanley Fischer vereinbar, die im Namen des Fed eine Erhöhung noch in diesem Jahr angekündigt haben.

Dass Mitglieder des obersten Entscheidungsausschusses der US-Notenbank (Fed) unterschiedliche Ansichten über die weitere Zinspolitik verbreiten, ist normalerweise nicht ungewöhnlich. Das gilt aber nur für die fünf Vertreter der zwölf regionalen Fed-Ableger, die (mit Ausnahme des Vertreters des New Yorker Fed) im Rotationsverfahren dort mit Stimmrecht vertreten sind. Dagegen kommt es kaum vor, dass Vertreter aus dem innersten Kreis des Fed – dem nur fünfköpfigen Board der Gouverneure (Verwaltungsrat) – die offizielle Linie infrage stellen. Sowohl Tarullo wie Brainard sind als Gouverneure Mitglieder des Boards, dem ausserdem Präsidentin Yellen, Vize Fischer und Jerome Powell angehören.

Yellen herausgefordert

Vor allem die Rede von Gouverneurin Lael Brainard wurde in Berichten und Ökonomenblogs als klare Herausforderung von Präsidentin Yellen aufgefasst. Im viel beachteten Fed-Blog des Ökonomen Tim Duy nannte dieser den Vortrag von Brainard eine «politische Bombe». Die von der bisher vertretenen offiziellen Fed-Linie abweichenden Beiträge haben in der internationalen Finanzpresse und den Kapitalmärkten für grosse Resonanz gesorgt, nicht nur weil sie Hinweise darauf liefern, dass die erste Zinserhöhung der führenden Notenbank seit neun Jahren erneut auf unbestimmte Zeit verschoben werden könnte, sondern vor allem, weil damit die bereits bestehenden makroökonomischen Unsicherheiten vergrössert werden.

Der Chef des weltweit grössten Vermögensverwalters Blackrock, Larry Fink, hat wegen dieser Unklarheit bereits vor wachsenden Ausschlägen (Volatilität) an den Finanzmärkten gewarnt. Selbst Vertreter von Schwellenländern wie Indien, Mexiko und Peru, wo potenziell wegen rasch abfliessenden Kapitals bei einer US-Zinserhöhung die grössten wirtschaftlichen Risiken bestehen, haben das Fed zu einer baldigen Zinserhöhung aufgerufen. Ihr Argument: Die ständige Unsicherheit belaste ihre Länder weit mehr als höhere US-Zinsen.

Unzufrieden mit der US-Wirtschaft

Daniel Tarullo und Lael Brainard begründen ihre Forderung nach einem längeren Abwarten einer Zinserhöhung mit nach wie vor hohen Risiken für die US-Wirtschaft. Im Vordergrund stehen dabei der Arbeitsmarkt und die Inflation. Trotz der innert eines Jahres saisonbereinigt von 5,9 auf 5,1 Prozent gefallenen Arbeitslosenquote verweist Brainard auf eine anhaltende Schwäche auf dem US-Arbeitsmarkt, wie sich das zum Beispiel in der Arbeitsmarktbeteiligung der arbeitsfähigen Bevölkerung zeigt. Diese liege noch immer deutlich unter dem Trend vor der Krise, selbst korrigiert um die demografischen Veränderungen. Dasselbe gilt für die unfreiwillig Teilzeitarbeitenden. Vor allem aber zeuge der fehlende Auftrieb der Löhne und Preise von der anhaltenden Arbeitsmarktschwäche.

So liegt auch die Inflation mit 0,3 Prozent (gemessen am vom Fed bevorzugten Konsumausgaben-Index (PCE)) im August verglichen mit dem gleichen Vorjahresmonat deutlich unter dem angestrebten Zielwert von 2 Prozent. Auch ohne die Veränderung der Energie- und Lebensmittelpreise lag die Inflation über diesen Zeitraum unter diesem Wert.

Sorgen um die Weltwirtschaft

Brainard argumentierte schliesslich auch mit der Entwicklung im Ausland. Das deflationäre weltwirtschaftliche Umfeld (tendenziell sinkende Preise) und ein auch nominal starker Dollar hätten sich auf die US-Wirtschaft bereits wie Zinserhöhungen durch die Notenbank ausgewirkt. Zwar gestand auch Fed-Chefin Janet Yellen an ihrer letzten Pressekonferenz nach dem Nichtzinsentscheid im September ein, dass noch nicht alles so sei, wie es sein sollte.

Doch sie betonte, dass wegen der verzögerten Wirkung einer Zinserhöhung diese frühzeitig erfolgen müsse, um keine Überhitzung zu riskieren. Solche Bedenken schlug nun Brainard in ihrer Rede in den Wind. Trotz ihrer klaren Gegenposition zu Yellen ist allerdings nicht auszuschliessen, dass die Fed-Chefin nicht unglücklich über das Vorpreschen ihrer Gouverneurskollegen ist. Einige Kommentatoren verweisen darauf, dass ihre offiziell vertretene Haltung die Kompromisshaltung beim Fed wiedergibt und nicht unbedingt ihre persönliche Meinung und Präferenz.

Aus der Debatte der Fed-Chefs lässt sich zwar kein Datum für die erste Zinserhöhung herauslesen. Aber sie bestärkt die Erwartung, dass Zinserhöhungen, wenn sie denn einmal beschlossen werden, nur in kleinen Schritten erfolgen werden. Zu einer Zinsnormalität werden daher aller Wahrscheinlichkeit nach auch die USA noch lange nicht zurückfinden.

Die Folgen für die Schweiz

Das hat indirekt, das heisst über die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB), auch Folgen für die Schweiz. Deren Kaufprogramm von Staatanleihen (Quantitative Easing) wirkte sich vor allem über die Wechselkurse aus. Ein schwächerer Euro gegenüber dem Dollar erhöht die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Euroländer in der Weltwirtschaft. Die zusätzlichen Geldspritzen der EZB zusammen mit der Erwartung einer Zinserhöhung in den USA haben den Preis des Euro vom Sommer 2014 bis zum März 2015 von rund 1.40 Dollar bis auf 1.05 Dollar gedrückt. Seither ist der Preis des Euro wieder auf über 1.14 Dollar gestiegen, gerade auch in den letzten Tagen seit der offen ausgetragenen Debatte der Fed-Gouverneure über die künftige Politik der Notenbank.

An den Währungs- und Kapitalmärkten wird daher gemutmasst, die EZB werde mit ihrer Geldpolitik mehr Schub geben müssen, wolle sie den zarten Aufschwung der letzten Monate nicht gefährden. Gedacht wird hier vor allem an eine Ausweitung der Geldspritzen im Rahmen des erwähnten Quantitative Easing.

Hier kommt die Schweiz ins Spiel. Die erwartete Ankündigung dieses Programms war im Januar der Grund für die SNB, die Kursgrenze von 1.20 Franken pro Euro aufzugeben, worauf dessen Preis auf unter 1 Franken fiel. Mittlerweile hat er sich auf unter 1.10 Franken erholt. Holt allerdings die EZB zu weiteren Geldspritzen mit dem Ziel aus, ihre Währung zu schwächen, dürfte der Aufwertungsdruck des Frankens gegenüber der Gemeinschaftswährung ebenfalls wieder steigen. Viele Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, blieben der SNB in diesem Fall nicht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.10.2015, 15:46 Uhr)

Artikel zum Thema

«Zinserhöhung wohl noch in diesem Jahr»

Eigentlich hatten Ökonomen schon vergangene Woche mit der Anhebung des US-Leitzinses gerechnet. Doch die Fed schreckte davor zurück. Doch laut Janet Yellen kann sich dies noch ändern. Mehr...

Sorgen lähmen die US-Notenbank

Trotz einer robusten Wirtschaftsleistung im Inland hält die Federal Reserve an ihrer Nullzinspolitik fest. Vor allem der Schwächeanfall in China gibt ihr zu denken. Mehr...

Peking mischt sich in US-Zinspolitik ein

Die chinesische Regierung erteilt der US-Notenbank Ratschläge – und appelliert an die Verantwortung der Amerikaner. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Blogs

Blog Mag Völlig unmöglich

Geldblog Dividendenjäger scharf auf die UBS

Werbung

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...