Ein «übersehener Währungskrieg»

Die Schweizerische Nationalbank steht wegen ihrer Mindestkurspolitik unter Druck. Die Schweiz sei noch stärker ein «Währungsmanipulator» als China, sagt Daniel Gros von der Brüsseler Denkfabrik Ceps.

In der Kritik: Die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank.

In der Kritik: Die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank. Bild: Keystone

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Die internationale Kritik an der Schweizer Geldpolitik zieht weitere Kreise: Die Schweiz sei ein «Währungsmanipulator», mehr noch als China, sagt Daniel Gros, Direktor der renommierten Brüsseler Denkfabrik Centre for Policy Studies (Ceps). China steht mit seiner künstlich tief gehaltenen Währung vor allem in den USA regelmässig am Pranger. Für die Schweiz ist dies eine neue Erfahrung. Die Ratingagentur Standard & Poor’s machte diese Woche mit dem Vorwurf, die Schweizerische Nationalbank (SNB) trage zur Verschärfung der Eurokrise bei, den Anfang.

Daniel Gros spricht sogar von einem «übersehenen Währungskrieg» in Europa. Der Ceps-Direktor vergleicht in einer noch nicht veröffentlichten Studie die Währungsreserven Chinas und der Schweiz, jeweils im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Laut Gros hat die Schweiz bis Ende 2011 ausländische Währungen im Wert von 55 Prozent des Bruttoinlandprodukts gehortet, gegenüber «nur» 43,6 Prozent im Fall von China. Die «Manipulation» wird für Gros beim Blick auf die letzten drei Jahre noch deutlicher, wo die SNB (plus 41,2 Prozent) im Vergleich zur Wirtschaftsleistung der Schweiz deutlich aggressiver ausländische Währungen aufgekauft habe als Chinas Zentralbank (plus 16,9 Prozent).

Vergleich mit China

Die SNB habe seit 2008 mehr als 200 Milliarden Euro erworben, um den Schweizer Franken künstlich schwach zu halten, sagt Gros. Klar sei China ein viel grösseres Land und die Interventionen in absoluten Zahlen entsprechend auch. Doch für Europa falle die Geldpolitik der Schweiz durchaus ins Gewicht: «Wir kennen das Bild vom Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.» Ein Tropfen könne einige Wirkung haben, und der «Schweizer Tropfen» sei nicht vernachlässigbar klein.

Dabei ist für den Ceps-Direktor nicht so wichtig, wie viele der Milliarden nun genau in die sicheren deutschen Staatsanleihen investiert wurden. Für ihn ist klar, dass das Geld zu einem grossen Teil in das deutsche Finanzsystem geflossen ist und dadurch das Ungleichgewicht zwischen Kernländern im Norden sowie den Südeuropäern verstärkt wurde.

Parallelen zu Griechenland

Aber verteidigt die SNB nicht legitime Interessen von Tourismus und Exportwirtschaft? Daniel Gros zieht hier Parallelen mit einem Euroland, das permanent in den Schlagzeilen ist: Griechenland habe über 15 Jahre vom Import «gelebt» und habe nun zwei Jahre Zeit, seine Wirtschaftsstrukturen umzubauen. Der Ceps-Direktor stellt für die Schweiz ähnliche Anpassungsschwierigkeiten fest, nur mit anderen Vorzeichen. Er verweist auf den Leistungsbilanzüberschuss beziehungsweise die Tatsache, dass die Schweiz zwölf Prozent mehr exportiert als importiert.

Die Schweiz habe über Jahrzehnte Strukturen aufgebaut, die bei einem Wechselkurs, den eine ausgeglichene Leistungsbilanz ergeben würde, nicht überleben könnten, sagt Gros weiter. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in vielen Ländern und des Drucks der Märkte, Leistungsbilanzdefizite abzubauen, gebe es aber kein ewiges Recht auf Exportüberschüsse. Auch im Vergleich zu China exportiere die Schweiz pro Kopf ihrer Bevölkerung ein Mehrfaches. Dabei könnten aus seiner Sicht die riesigen Auslandsguthaben der Schweiz eine Anpassung erleichtern: «Eine ausgeglichene Leistungsbilanz würde doch reichen, die Schweiz sitzt ja schon auf riesigen Auslandsguthaben.» Indem die Schweiz an einem Euromindestkurs von 1.20 Franken festhalte, verweigere sie sich aber der Anpassung. Wo genau der «korrekte» Wechselkurs zwischen Euro und Franken liegen müsste, will Gros nicht beziffern. Nach mehr als einem Jahrzehnt mit einem zu billigen Franken sei auch ein Jahrzehnt mit einem etwas überteuerten Franken möglich.

«Überfall der Schweizer»

Innerhalb der Eurozone sieht sich Deutschland zeitweise ähnlicher Kritik ausgesetzt, es sei auf Kosten der europäischen Partner zum Exportweltmeister geworden. Den Wettbewerbsvorteil hat Deutschland allerdings nicht durch Währungsmanipulationen, sondern über Lohnzurückhaltung seiner Arbeitnehmer erreicht. Und im Vergleich zur Schweiz sind die deutschen Exportüberschüsse mit knapp sechs Prozent verhältnismässig gering und gerade noch unter der Grenze, bei der innerhalb der Eurozone neuerdings ein Verfahren wegen exzessiven Ungleichgewichts eingeleitet würde.

Muss die Schweiz wegen ihrer Geldpolitik und der Exportüberschüsse vermehrt mit internationalem Druck rechnen? Für Daniel Gros ist klar, dass die Amerikaner auf die Barrikaden steigen würden, wenn die SNB oder auch die Europäische Zentralbank einfach mal so 200 Milliarden Dollar aufkaufen würden. Doch der «Überfall der Schweizer» sei bisher international gar nicht wahrgenommen worden. Die Schweizer hätten ein gutes Image, der Kampf der Eidgenossen gegen die «bösen Spekulanten» werde toleriert. Niemand habe bislang die Exportüberschüsse und riesigen Auslandsguthaben auf dem Radar. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.09.2012, 06:46 Uhr)

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