Für Ikea ist selbst die Schweiz zu teuer

Wie der Möbelriese mit einem Kniff via Luxemburg seine Steuerquote drückt.

Ikea nutzt das schweizerisch-luxemburgische Doppelsteuerabkommen. Foto: Bloomberg

Ikea nutzt das schweizerisch-luxemburgische Doppelsteuerabkommen. Foto: Bloomberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Regel gilt für jeden Äpplarö-Stuhl, für jedes Bestå-Regal, sogar für die Köttbullar – die berühmten Fleischbällchen, die in den weltweit 364 Ikea-Möbelhäusern mit demselben Preiselbeerkompott serviert werden. Sie lautet: Drei Prozent der Verkaufserlöse fliessen direkt in die Niederlande. Das Geld endet dort in einer Holding-Gesellschaft, die Inter Ikea heisst. Die Firma ist von den gelb-blauen Geschäften und den Möbelfabriken vollkommen abgetrennt. Inter Ikea hat einen besonderen Zweck: Sie ist die Eigentümerin der Ikea-Identität. Ihr gehört das Ladenkonzept, die Designs und Pläne aller Möbel im Katalog – und sogar das Ikea-Logo.

So funktionieren die Steuerdeals. (Video: Recherchenetzwerk ICIJ)

Diese sogenannte holländische Lizenzbox wäre allein kein ungewöhnliches Konstrukt, wenn sie nicht im Besitz einer luxemburgischen Gesellschaft stünde, die wiederum einer gewissen Interogo-Stiftung gehört, die ihren Sitz in Liechtenstein hat. Die Stiftung wird kontrolliert von einem Rat, in dem die Familie des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad Einfluss nehmen kann. All dies wurde 2011 publik, nachdem das schwedische Staatsfernsehen die Verflechtungen 18 Monate lang untersucht hatte. Warum dieses aufwendige Firmennetz?

Ikea hat sich früh einen Ruf als offensiver Steueroptimierer erworben. Schon 1973 liess Ingvar Kamprad den Firmensitz um 150 Kilometer nach Süden ver­legen, vom schwedischen Älmhult nach Humlebæk in Dänemark. Einziges Ziel der Aktion: Steuern zu sparen.

Das Genfer Anhängsel

Dokumente von PWC zeigen nun, wie der Möbelgigant bis heute immer wieder nach neuen Wegen sucht, um seine Steuerrechnung zu drücken. Selbst Länder mit tiefen Steuersätzen wie die Niederlande oder die Schweiz sind für Ikea nicht günstig genug. Die Inter-Ikea-Gruppe nutzt eine Art interne Bank, die Inter Ikea Finance, welche die Filialen rund um den Globus mit Liquidität versorgt. Diese Aktivität gehört zwar zur luxemburgischen Holding, wird aber von einem Anhängsel in Genf betrieben: einer sogenannten Swiss Finance Branch.

Der Steuersatz in Genf ist für Gesellschaften im internationalen Vergleich zwar tief (11,6 Prozent), aber immer noch zu hoch für Inter Ikea Finance. Deshalb die Doppelkonstruktion mit Luxemburg. 2011 machte die interne Bank einen Gewinn von 35 Millionen Euro. Hätte sie ihren Sitz in Genf, hätte die Inter Ikea Finance Steuern in Höhe von mindestens 3,5 Millionen Euro zahlen müssen. Aber dank der schweizerisch-luxemburgischen Doppelkonstruktion musste die Gesellschaft nur 199'170 Euro an den luxemburgischen Fiskus und 1,4 Millionen Euro in Genf abliefern. Der Schweiz entgingen so unter dem Strich 2011 anderthalb Millionen Euro.

Wenn sich alles so abspielt, wie in den Dokumenten beschrieben, sollte die Summe, die Inter Ikea Finance verwaltet, bis 2017 von 1,2 Milliarden auf 6 Milliarden Euro steigen. Und damit vergrössert sich auch der in der Schweiz gesparte Betrag. Steuerexperten sagen, dass die Konstruktion legal sei. Der Schweizer Finanzarm kann als Tochtergesellschaft im Sinne des Doppel­besteuerungsabkommens Schweiz–Luxemburg betrachtet werden. Die Folge: Der Gewinn des Genfer Ablegers wird sowohl in der Schweiz als auch in Luxemburg nur zu einem kleinen Teil besteuert. Dieses Konstrukt wird allerdings voraussichtlich bald nicht mehr möglich sein, sobald die Schweiz die Finance Branch auf Druck der EU reformiert.

Kamprad pauschalbesteuert

Für Inter Ikea ist das alles unproblematisch. «Unsere Gruppe zahlt Steuern in Übereinstimmung mit Gesetzen und Vorschriften, wo immer wir tätig sind», sagt Mediensprecher Kristian Sjöholm gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das effektive Steuerniveau des Konzerns schwanke von Jahr zu Jahr und liege derzeit bei rund 14 Prozent.

Ingvar Kamprad, der inzwischen 88 Jahre alt ist, lebt weiterhin in Epalinges im Kanton Waadt, wo er seit 1976 von der Pauschalbesteuerung profitiert. Regelmässig sieht man ihn dort im Coop. Er bezahlt immer bar, wenn möglich auf den Rappen genau. Wenn an der Kasse Rabattmarken erhältlich sind, zum Beispiel für die «Pfannen-Trophy», dann greift er zu, bevor er in seinem kleinen Auto heimwärts fährt.

Im Juni 2013, nach dem Tod seiner Frau, gab Kamprad bekannt, dass er seine Rückkehr nach Schweden plane. Der Kanton Waadt hat eine eher hohe Erbschaftssteuer. Offenbar hat der Mil­liardär seine Pläne nun aber erneut geändert. Es geht ihm gesundheitlich gut; einem schwedischen Journalisten teilte er mit, er wolle in der Schweiz bleiben – zumindest für die nächsten fünf Jahre.


Mitarbeit: Nils Hanson und Joachim Dyfvermark (Sveriges Television).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2014, 23:58 Uhr

Artikel zum Thema

Junckers Achillesferse

Kommentar EU-Korrespondent Stephan Israel über den Luxemburger EU-Präsidenten. Mehr...

So funktionieren die Luxemburger Steuertricks

Video In Luxemburg kann man im grossen Stil Steuern sparen. Ein Kurzvideo erläutert die populärsten Methoden. Mehr...

Luxemburgs Milliardenrabatte für Grosskonzerne

Durch ein Datenleck werden Steuerabkommen mit 343 Firmen publik. Betroffen sind auch Schweizer Unternehmen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hinter den Kulissen: Models werden an der Moskauer Fashion Week geschminkt uns posieren für Selfies (24. März 2017).
(Bild: Maxim Shipenkov) Mehr...