Analyse

Gezinkte Karten, manipuliertes Roulette

Der aktuelle Libor-Skandal zeigt: Die moderne Banker-Generation hat nicht nur in obszönem Ausmass abgezockt. Sie hat auch mit gezinkten Karten gespielt. Ihre Führungspersönlichkeiten müssen nun abtreten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dass Investmentbanker mit fremdem Geld zocken und dabei oft sehr viel davon verlieren, ist bereits sattsam bekannt. Bei der UBS hat ein solcher «rogue trader» letztes Jahr rund zwei Milliarden Franken verjubelt. Im aktuellen Fall bei J. P. Morgan spricht man inzwischen bereits von rund neun Milliarden Dollar. Jetzt wird alles noch viel schlimmer.

Der aktuelle Libor-Skandal, der derzeit die City of London erschüttert, zeigt nämlich auf: Die Banker haben nicht nur mit fremdem Geld gezockt, sie haben dabei auch noch die Regeln manipuliert. Oder anders ausgedrückt: Sie sind nicht nur ins Kasino gegangen, sie haben mit gezinkten Karten gespielt und das Roulette manipuliert. «Es fällt schwer, sich etwas Schlimmeres für die Reputation des Kapitalismus vorzustellen», kommentiert die «Financial Times».

«Wir sind unehrlich»

Zunächst: Was genau haben die Banker getan? Libor ist der Zinssatz, mit dem die Banken untereinander abrechnen. Er wird vom britischen Bankenverband (BBA) ermittelt, der täglich zwölf ausgewählte Banken befragt, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen. Der Libor ist ein wichtiger, unabhängiger Massstab. Er dient als Referenzpunkt für Hypotheken, verschiedene Derivate etc. Insgesamt sind derzeit weltweit Finanzprodukte im Wert von mehr als 500 Billionen Dollar auf der Basis des Libor im Umlauf.

Die Manipulation des Libor war kein einmaliger Ausrutscher. Bei der Barclays Bank beispielsweise hatten diese Manipulationen System, und die involvierten Personen waren sich bewusst, dass sie unrechtmässig handelten. «Wir sind unehrlich, und wir setzen unsere Reputation auf dem Markt und bei den Regulatoren aufs Spiel», schrieb ein beteiligter Banker in einem E-Mail, das jetzt öffentlich gemacht wurde. Die Reaktionen auf diese Geständnisse sind heftig. So erklärte der Chairman der britischen Finanzaufsichtsbehörde (FSA), Lord Turner: «Es gibt offenbar ein Ausmass von Zynismus und Gier, das schockierend ist, und es zeigt sich, dass wir ein Kulturproblem haben, das wir dringend angehen müssen.»

Nicht allein am Pranger

Barclay steht derzeit im Mittelpunkt des Skandals. Die Bank musste bereits eine Busse in der Höhe von 450 Millionen Dollar bezahlen. Ihr Präsident Marcus Agius ist inzwischen zurückgetreten, ihrem CEO Bob Diamond wird ein Rücktritt von allen Seiten nahegelegt, inzwischen sogar von der konservativen Regierung. Doch Barclays steht nicht allein am Pranger. Ermittelt wird unter anderem gegen die Citigroup, die HSBC, die RBS, die Royal Bank of Canada und gegen die UBS. Die Schweizer Grossbank kann allerdings mit relativer Milde rechnen. Sie hat sich schon vor Monaten selbst angezeigt.

Der Libor-Skandal ist vor allem schockierend, weil er gnadenlos aufzeigt, wie dekadent die aktuelle Kultur der Banker ist. Der einst hochmütige und vornehme, aber ehrliche Bankier ist längst vom knallharten Rüpel-Investmentbanker ersetzt worden, der weder Stil noch Anstand hat. Selbst konservative Kreise sind entsetzt. So erklärt beispielsweise Mervyn King, der Chef der Bank of England: «Ich denke, dass mit den Banken etwas sehr schiefgegangen ist und wir dringend einen echten Kulturwandel brauchen.»

Eine Banker-Generation ausschalten

Auch in der Schweiz erklingen ähnliche Stimmen. Etwa diejenige des ehemaligen Historikers der UBS, Robert U. Vogler, der heute in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» Auskunft gibt. Zur Broschüre der Grossbank zu ihrem 150-Jahr-Jubiläum erklärt er, das «grenze an Geschichtsklitterung», und zur Kultur der moderneren UBS hält Vogler fest: «Mit der fortschreitenden Amerikanisierung der Bank hatte man keinerlei Skrupel mehr. (…) Mit den hohen Wachstums- und Renditevorgaben hielt die Gier Einzug. Es gab kein Halten mehr.»

Der Libor-Skandal könnte der berühmte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Der «Economist» beispielsweise spricht davon, dass auf der Insel derzeit drei Gruppen von Menschen besonders verhasst sind: «Superreiche, Banker und Zuwanderer». Es wird nicht reichen, wenn ein paar Köpfe rollen. Die «Financial Times» fordert, dass die gesamte Generation der Banker, die für den Schlamassel verantwortlich sind, zurücktreten muss: «Um einen wahrhaften Wandel der Herzen und der Erwartungen zu erzielen, muss möglicherweise die gesamte Generation der angeschlagenen Führungspersönlichkeiten verschwinden.»

Erstellt: 02.07.2012, 12:57 Uhr

Artikel zum Thema

Barclays-Präsident tritt nach «Liborgate» zurück

Der Skandal um manipulierte Zinssätze hat einen Kopf gefordert. Der Verwaltungsratspräsident der britischen Grossbank Barclays, Marcus Agius, gibt sein Amt ab. Mehr...

Britische Banken führten Kunden in die Irre

Ein neuer Skandal um komplexe Finanzprodukte erschüttert die Londoner Bankenszene. Vier Banken müssen Schadenersatz zahlen. Besonders im Visier ist erneut die Barclays Bank und ihr Chef Bob Diamond. Mehr...

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Hinter den Kulissen: Models werden an der Moskauer Fashion Week geschminkt uns posieren für Selfies (24. März 2017).
(Bild: Maxim Shipenkov) Mehr...