Wirtschaft

Ich, der Dollar

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 18.07.2011 13 Kommentare

Wie die amerikanische Währung zum internationalen Zahlungsmittel wurde und damit dazu verdammt war, langfristig an Wert zu verlieren – und weshalb es derzeit wohl dennoch keine Alternative zum Dollar gibt.

Seit 1971 gilt für den Rest der Welt die US-Devise: «Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem»: Eine Kreation aus dem Hause Jean-Charles de Castelbajac.

Seit 1971 gilt für den Rest der Welt die US-Devise: «Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem»: Eine Kreation aus dem Hause Jean-Charles de Castelbajac.
Bild: Keystone

Dollar (USD/CHF)

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Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich heisse Dollar, kein Vorname, nur Dollar. Das genügt. Ohne unbescheiden zu sein wollen: Man kennt mich. Ich weiss, mein Name hatte schon einen besseren Klang. Derzeit habe ich nicht nur Freunde auf dieser Welt. Die Chinesen jammern, die Brasilianer jammern, die Deutschen jammern - eigentlich jammern alle. Zu schwindsüchtig und weich sei ich geworden, klagen sie. Mein Gott, da verliert man ein paar Pfunde, und dann so ein Geschrei.

Sei’s drum. Mein Ruf ist mir ohnehin egal. Das liegt an meinen Eltern, dem US-Reserve System, meist Fed genannt. Sie haben mich strikt antiautoritär erzogen. «Benign neglect» lautet ihre Devise, was im Klartext bedeutet: Kümmere dich einen Gott verdammten Dreck darum, was man von dir hält. Daran habe ich mich stets gehalten. Es ist ja nicht das erste Mal, dass schlecht über mich geredet wird. In den Sechzigerjahren hat sich ein Franzose einen Spass daraus gemacht, über mich zu stänkern. De Gaulle, oder so, hat er geheissen, und er hat behauptet, er sei General und sogar Präsident von Frankreich. Ständig hat dieser de Gaulle etwas von «privilège éxtraordinaire» herum getönt und behauptet, ich sei nicht mehr als bedrucktes Papier. Und das alles, weil ich nach dem Zweiten Weltkrieg die unbestrittene Leitwährung der Welt wurde, zumindest für den freien Teil davon.

Wie alles begann

Was konnte ich damals dafür, dass alle verrückt nach mir waren? Hey, wir hatten den Krieg gewonnen, waren die stärkste Militärmacht – und nur so nebenbei: Wir haben bisher auch unsere Schulden immer bezahlt, und zwar pünktlich. Okay, es war ein bisschen übermütig, dass meine Regierung sich in einem Abkommen – Bretton Woods hiess es – sich verpflichtet hatte, mich jederzeit zu einem festen Kurs gegen Gold einzutauschen. Aber man alles übertreiben. Zu Beginn der 1970er Jahre wollte dieser de Gaulle plötzlich jeden Dollar, der nach Frankreich floss, sofort gegen Gold umtauschen. Eingeflüstert hat ihm dieser Quatsch so ein Heini von der französischen Nationalbank. Ich schwöre, wir haben lange Geduld gehabt mit diesem de Gaulle, ehrlich. Aber dann hat er auch noch angefangen, die Deutschen gegen uns aufzuhetzen. Plötzlich wollten die ihre Dollars auch gegen Gold eintauschen. Das war zu viel. Wir mussten diesem Treiben ein Ende setzen, und genau das haben wir auch getan.

1971 schloss mein damaliger Präsident Richard Nixon kurzerhand das Goldfenster, und dann war Schluss mit Goldfinger. Sorry, jetzt bin ich ein bisschen abgeschweift. Eigentlich wollte ich gar nicht über die Franzosen lästern. Ich bin ja in friedlicher Mission unterwegs. Es wird bekanntlich ein bisschen eng auf diesem Planeten. Deshalb ist es nötig, dass wir uns ein bisschen besser verstehen. Was mich betrifft: Ich bin nach wie vor wichtig. Das passt mir manchmal auch nicht. Glauben Sie etwa, es mache Spass, die Leitwährung der Welt zu sein? Aber ich bin es nun mal nach wie vor. Ob Sie Öl oder Stahl kaufen, ob sie Mais oder Computer handeln, immer bin ich im Spiel. Es kann also zumindest nicht schaden, wenn Sie ein bisschen mehr über mich wissen.

Der Joachimsdollar

Meine Kindheit war alles andere als grossartig. Die ersten europäischen Kolonisten tauschten zunächst Güter gegen Güter, also Tabak gegen Reis und Fische gegen Pelze. Irgendwann kamen sie natürlich ebenfalls darauf, dass dies eher umständlich ist und begannen, Münzen zu gebrauchen. Meist war dies ein spanischer Silberpeso, das $-Zeichen bezieht sich nämlich ursprünglich auf Pesos. Doch der Name ist deutsch. Weil diese Silberpesos ausgesehen haben wie boemische Joachimsthaler, hiess ich zuerst Joachimsdollar, und schliesslich nur noch Dollar.Die Briten hatten an mir gar keine Freude. Sie wollten mich verbieten und die Amerikaner in den Kolonien zwingen, ihr Pfund zu verwenden. Das war keine gute Idee. Eine Revolution und ein paar Jahre später war dieser Streit erledigt und mein Status unanfechtbar. 1785 verkündete der Kongress, dass die Basiseinheit des amerikanischen Geldes fortan ein Dollar sei. Um jeden Zweifel auszuschliessen, wurde ich auch präzise definiert, wie viele Körner Gold oder Silber mir entsprechen müssen.

Wenn heute die Chinesen über mich schimpfen, dann kann ich sie ein bisschen verstehen. Sie sind eine aufstrebende Wirtschaftsnation, können aber mit ihrem Renminbi im Ausland nicht einmal einen Schokoriegel kaufen. Das nervt. Im 19. Jahrhundert war das bei uns ganz ähnlich. Wir waren damals ebenfalls eine aufstrebende Wirtschaftsmacht ohne vernünftige Währung. Schuld daran war die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Amerikaner damals noch auf Farmen lebte; und Bauern sind misstrauische Menschen. Besonders misstrauisch werden sie gegenüber Banken. Die Abneigung meiner Landsleute gegen Banken hat mich regelrecht fertig gemacht. Nur einer hatte den Durchblick, mein erste Finanzminister. Alexander Hamilton heiss er – und unter uns: Er war der einzige vernünftige Finanzminister, den wir je hatten. Er gründete schon früh eine nationale Bank und wollte damit die Grundlage für den nationalen und internationalen Handel legen. Doch dann wurde er in einem Duell erschossen, und bald darauf wurde seine First Bank of America wieder geschlossen.

Der Geldfluss nach Westen

Sein grosser Gegenspieler, war Thomas Jefferson. Er wollte keine nationale Bank. Er war halt auch ein Bauer, obwohl er später gar Präsident wurde. Das Fehlen von nationalen Banken hat mich zu jahrzehntelanger Bedeutungslosigkeit verurteilt. Stellen Sie sich das einmal vor: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die USA bereits die grösste Wirtschaftsmacht der Welt. Und was war mit mir? Kein Schwein hat mich auch nur zur Kenntnis genommen. Selbst der Schweizer Franken war auf den internationalen Devisenmärkten wichtiger als ich. Es war einfach nur lächerlich. Wenn meine Landsleute Handel treiben wollten, mussten sie den Umweg über England wählen. Deshalb ist die wichtigste Bank in der Geschichte der Vereinigten Staaten nicht in New York, Boston oder Pennsylvania gegründet worden, sondern an in London: 1854 wurde ein gewisser Junius Morgan Partner bei Peabody, Riggs and Company. Damit war der Grundstein des Hauses Morgan gelegt. J.P. Morgan, er Sohn von Junius, hat schliesslich dafür gesorgt, dass die USA endlich auch eine Notenbank bekommen haben. Auslöser war das Erdbeben von San Francisco. Es war nicht nur für Kalifornien, sondern auch für das amerikanischen Bankensystem ein Schock.

Plötzlich floss alles Geld nach Westen, weil es dort für den Wiederaufbau gebraucht wurde. Diese Kreditklemme verursachte im Osten einen Börsencrash. In New York herrschte Panik. Um einen Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern, schloss J.P. Morgan die wichtigsten Banker der Wall Street kurzerhand in seine Bibliothek und liess sie nicht mehr gehen, bis sie einen gemeinsamen Kredit gesprochen hatten. Doch danach hatte J.P. genug davon, als Geschäftsbanker auch Nationalbank spielen zu müssen. 1913 wurde auf sein Betreiben hin das Fed gegründet, und ich hatte endlich eine richtige Heimat. Nach dem Ersten Weltkrieg ging alles sehr schnell. Die Briten waren pleite. Nicht einmal ihre Kriegschulden konnten sie bezahlen. So wurde ich globale Leitwährung, es war wirklich so simpel. Allerdings: Meine Euphorie hielt sich lange in Grenzen. In den Zwischenkriegsjahren war ja, was die Weltwirtschaft betraf, nicht viel los. Protektionismus und Chauvinismus haben den internationalen Handel abgetötet und letztlich den Zweiten Weltkrieg verursacht. In der Ökonomie regierten die Idioten, in der Politik die Teufel.

Alle liebten mich

Ich muss zugeben: Eine begrenzte Lernfähigkeit scheint der Mensch zu haben. Um die Fehler von des Friedens von Versailles zu vermeiden, wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges das schon erwähnte Bretton Woods System geschaffen, ein internationales Finanzsystem mit den beiden Stützpfeilern Internationaler Währungsfonds und Weltbank. Jetzt begann es langsam Spass zu machen, eine Leitwährung zu sein. Ich wurde zur Sonne, zum Mittelpunkt aller Währungen. Nur die Sowjets machten nicht mit. Aber wer wollte damals schon Rubel haben? Mit den Dingern konnte man sich nicht einmal eine Zigarre anzünden. Der Westen hingegen erlebte seine «goldene Ära». Es war richtig schön. Alle liebten mich, bis dieser Gott verdammte Franzose mit seinem Goldfimmel – aber das hatten wir ja schon.Wissen Sie, was ein Triffin Dilemma ist? Kein Problem, ich musste es auch nachschauen. Robert Triffin war einer dieser smarten Eierköpfe in Yale, einer dieser smarten Eliteuniversitäten. Er hat beinahe den Nobelpreis erhalten. Dieser Triffin hat auch eine wirklich kluge Idee gehabt. Sie betrifft mich in meiner Rolle als Leitwährung. Kurz gesagt hat dieser Triffin behauptet: Eine Leitwährung ist dazu verdammt, langfristig abgewertet zu werden.

Der Grund dafür ist simpel: Um den Welthandel in Schwung zu halten, muss eine Leitwährung überall auf der Welt und möglichst jederzeit verfügbar sein. Das bedeutet, dass viel davon um Umlauf sein muss. Genau das ist mit mir passiert. Nach den Zweiten Weltkrieg gab es nicht nur den US-Dollar, sondern bald auch den Eurodollar, den Petrodollar, und den «was-weiss-ich»-Dollar. Mit anderen Worten: Es sind inzwischen viel zu viele Dollars im Umlauf, deshalb vertrauen mir die Menschen nicht mehr.

Kein Zuckerschlecken

Okay, dass die USA doch recht hohe Staatsschulden haben, ist ebenfalls ein Problem, und auch die lockere Geldpolitik von Fed-Präsident Bernanke hilft nicht wirklich. Was aber bitte, sind die Alternativen? Der Renminbi? Den Chinesen kann ich nur sagen: Willkommen im Club! Ein Zuckerschlecken wird das nicht werden. Ein konvertierbarer Renminbi wird euch noch üble Bauchschmerzen bereiten. Das könnt ihr mir glauben. Dann wird eure Währung von den Märkten endlich so gewichtet, wie es sich gehört, nämlich viel höher. Und dann werden es sich die Menschen in China auch zweimal überlegen, ob sie ihr sauer erspartes Geld für mickrig Zinsen auf die Staatsbanken tragen werden oder nicht.

Bis vor kurzem gab es ein paar Spassvögel, die selbst den Euro als Alternative zu mir vorgeschlagen haben. Das hat sich nun wohl bis auf weiteres erledigt. Solange die Europäern nicht einmal mit einem Randstaat wie Griechenland klar kommen, kann man sie nicht wirklich Ernst nehmen. Und was schliesslich die Menschen betrifft, die sich jetzt ans Gold klammern wie Koalabären an den Eukalyptusbaum, da kann ich nur sagen: Schaut doch wieder einmal in ein Geschichtsbuch. In den Zwischenkriegsjahren hat der Goldwahn direkt in die Katastrophe geführt. Warum soll es diesmal anders sein. Oder wie Albert Einstein – auch ein sehr smarter Bursche – einmal gesagt hat: Wer das gleiche Experiment wiederholt und auf ein anderes Ergebnis hofft, der ist wahnsinnig. So gesehen Leute müsst ihr euch darauf einrichten, es noch ein Weilchen mit mir auszuhalten. Macht’s gut und so long!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2011, 14:31 Uhr

13

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13 Kommentare

Peter Müller

15.07.2011, 15:09 Uhr
Melden 31 Empfehlung

"In den Zwischenkriegsjahren hat der Goldwahn direkt in die Katastrophe geführt." genau jetzt auch noch Gold für den 2. Weltkrieg verantwortlich machen... aber schön brav weiter an den USD glauben Herr Loepfe. Gold hat seit Tausenden von Jahren jede Krise überlebt und ist nie Konkurs gegangen, im Gegenzug musste bisher ausnahmslos JEDE Papierwährung auf 0 (NULL) abgeschrieben werden ! Antworten


Jens Gloor

15.07.2011, 16:33 Uhr
Melden 18 Empfehlung

Saddam Hussein wollte den Dollar nicht mehr gegen Öl. Muammar al-Gaddafi wollte zur Bezahlung des Öls den Gold-Dinar einführen. Und was passierte? Das Imperium schlug zurück. Dafür haben wir heute im Vergleich zur 'Sozialwirtschaft', exorbitante Kriegskosten und eine nicht wiedergutzumachende globale Verschuldung. What's next? Antworten



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