«Passiv hört sich im Deutschen schlecht an»

Einfach ist gut: Dieses Prinzip erhält aus der Forschung immer mehr Unterstützung. So hat der Finanzmarktforscher Martin Weber einen Fonds gegründet, der ganz aus ETF besteht.

Schwört auf Einfachkeit: Finanzmarktforscher Martin Weber.

Schwört auf Einfachkeit: Finanzmarktforscher Martin Weber.

Arero: Ein Fonds als Basis-Anlage

Martin Weber bezeichnet den von ihm konzipierten Fonds als «wissenschaftlich fundiertes Basispaket». Der Arero ist für Euro-Anleger gedacht und besteht aus einem fixen Korb von auf Aktien, Rohstoffe und Regierungsanleihen lautenden Indexfonds. Andere Anlagen sollen für die Anpassung an die individuelle Situation sorgen. Die Ausgabenquote beträgt 0,45 Prozent, die Anteile werden von der Fondsgesellschaft DWS gratis deponiert.

Martin Weber lehrt an der Universität Mannheim Bankbetriebswirtschaftslehre. Bekannt wurde er mit «Genial einfach investieren», einem im Verlag Campus erschienen Grundlagenbuch über Exchange Traded Funds (ETF). Als Wissenschaftler befasst sich Weber mit dem Verhalten von Anlegern und mit der Entscheidungstheorie.

Herr Weber, Sie bieten einen eigenen Fonds an, den Arero, der ausschliesslich aus ETF besteht. Wie geht es ihm?
Der Start war äusserst schwierig! Er wurde im vergangenen Oktober lanciert und hat schon in der ersten Woche 8 Prozent verloren. Aber damals konnte man ihn noch gar nicht kaufen. Jetzt sind die Anleger, die seither eingestiegen sind, im Plus. Er hat 27 Millionen Euro unter Verwaltung. Das finde ich ganz gut, wenn man bedenkt, dass wir keinen eigenen Vertrieb haben.

Der Arero ist ein Strategiefonds mit einem festen Anteil Obligationen, Rohstoffen und einem Aktienanteil von 60 Prozent. So viel ist ja wohl für die wenigsten Anleger geeignet. Welche Idee steckt dahinter?
Man kann das Portefeuille weniger riskant gestalten, indem man ihm risikolose Anlagen beimischt. Das kann Tagesgeld oder etwas Ähnliches sein. Dieses Vorgehen stimmt mit der Kapitalmarkttheorie überein, die auch besagt, dass man mit der Mischung von Geldmarktinstrumenten und riskanten Anlagen jedes gewünschte Rendite-Risiko-Verhältnis erzielen kann.

Wie Finplan verzichtet der Arero ganz auf Obligationen in Fremdwährungen?
Wir haben ja schon unheimlich viel Währungsrisiken und Chancen in den Unternehmen und damit auch in den Aktien. Bei den Aktien sagt man, dass die Fremdwährungen nicht unbedingt weggenommen werden sollten. Bei den Obligationen verhält es sich anders. Hier bieten Fremdwährungen keine zusätzlichen Chancen. Darum sollte man auf sie verzichten, um die Risiken zu begrenzen.

Eine Gemeinsamkeit mit Finplan besteht darin, dass Sie sich unter den Zinsinstrumenten ausschliesslich auf Staatsanleihen beschränken. Was waren Ihre Überlegungen?
Mit Anleihen übernehmen wir das Zins- und Inflationsrisiko, aber wir wollen hier nicht auch noch das Ausfallrisiko. Davon haben wir schon genug mit den Aktien. Rechnerisch macht es keinen grossen Unterschied, ob man das Ausfallrisiko bei den Obligationen oder bei den Aktien eingeht. Aber ich glaube, dass es für die meisten Leute richtig ist, sich zuerst eine einfache Strategie zurechtzulegen. Wenn man will, kann man später immer noch ein komplizierteres Konzept wählen. Das Gute an einer einfachen Strategie ist – und davon bin ich nun wirklich begeistert –, dass vor kurzem eine Studie der London School of Economics erschienen ist, die wissenschaftlich nachweist, dass ein einfacher Ansatz keine Nachteile mit sich bringt. Das ist eine neue Erkenntnis.

Sie setzen sich dafür ein, dass die Vorschläge und Konzepte von Anlageberatern und Fonds wissenschaftlich fundiert sein müssten. Ist dies bei Arero der Fall?
Wir versuchen es wenigstens.

Die Finanzwissenschaft ist in Verruf geraten. Die Modelle sollen versagt haben oder sogar an der Finanzkrise schuld sein.
Ich glaube nicht, dass die Modelle versagt haben, sondern dass sie falsch eingesetzt wurden und dass die falschen Daten eingegeben wurden.

Ist das Indexieren schon im Publikum angekommen?
Nein, hier in Deutschland ist es noch nicht genügend verbreitet. Das liegt an den Banken, die kein Interesse an Indexfonds haben, weil sie daran weniger verdienen. Es liegt aber auch an den ETF-Anbietern, die sich mehr an die institutionellen als an die privaten Anleger wenden.

Sind die Anlageberater zu wenig am Wohl der Kunden interessiert? Das muss man differenzieren. Die Finanzindustrie bemüht sich wirklich um Lösungen. Dabei spielt die Art, wie Berater entlöhnt werden sollen, eine ganz wichtige Rolle. Wenn Berater pro Stunde bezahlt werden, oder bei einer Bank, die eine Basisgebühr von 80 Basispunkten oder von 1 Prozent erhebt: Bei solchen Honorarmodellen hat der Berater kein Interesse daran, teure Produkte zu verkaufen. Da ist es durchaus möglich, dass er einen ETF empfiehlt. Problematisch sind aber Provisionsmodelle, wo also die Berater am Verkauf der Produkte verdienen. Provisionsmodelle sind eine Herausforderung, der nicht alle Berater gerecht werden.

Liegt die noch geringe Verbreitung nicht an den privaten Anlegern selbst? Indexieren, das ist wie mit dem GPS blindlings durch die Gegend fahren. Darauf vertrauen die wenigsten.
Es ist ein grosser Fehler der ETF-Industrie, dass sie die Fonds als «passiv» bezeichnet. Ihre Marketingabteilungen sollten sich unbedingt eine bessere Umschreibung einfallen lassen, denn «passiv» hört sich im Deutschen nun mal schlecht an. Jedermann will aktiv sein, man will besser, schneller sein als andere. Aber das Tolle am Indexieren ist, dass man das alles gar nicht benötigt. Diese Erkenntnis ist bei manchen Anlegern angekommen, aber bei vielen eben noch nicht.

Sparen Sie persönlich auch mit dem Arero?
Ja, ich wüsste nicht, was ich besser machen könnte. Ein wichtiger Aspekt sind ja auch die Kosten, die in passiven Anlagen viel geringer sind als in aktiven. Die Kosten von ETF sind bekannt, das ist ein wichtiges Argument.

Wird Ihnen nicht langweilig dabei? Indexieren ist eine einfache, mechanische Sache. Der Spassfaktor kommt eindeutig zu kurz.
Das ist völlig richtig. Aber wenn man will, kann man mit einer Kern-SatellitenStrategie durchaus Spass haben, indem man den grösseren Teil in indexierte Anlagen investiert und daneben kleinere Wetten eingeht, auf ein lokales Unternehmen zum Beispiel oder einen Freund vom Golfklub ... und all das, was man halt so macht. Da ist ja auch nichts dagegen einzuwenden, sofern man genug Geld hat. Aber wir sollten uns ja vor allem über jene Anleger Gedanken machen, die ihr Erspartes für die Altersvorsorge oder für Anschaffungen benötigen, oder die ihren Kindern eine Starthilfe geben wollen. Es gibt ja viele Möglichkeiten, sinnvoll zu sparen. Wir versuchen es wenigstens. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2009, 14:02 Uhr

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1 KOMMENTAR

ruth leemann

30.06.2009, 10:52 Uhr

Ein globales undurchsichtiges Schneeballsystem mit Fondsanlagen usw. darf es nicht mehr geben. Bank-Anlagenberater sollten auch nicht mit ungesundem Anreiz wie Boni usw. geangelt werden, weil sonst die Geldier zur Falle. Private Anlageberater ausserhalb einer Bank sollte verboten werden, denn gerade diese sind an einen Schneeballsystem interessiert - da müsste die F I N M A aktiv werden.



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