Propheten im Blindflug

Ein starker Dollar, tiefe Zinsen und neue Börsenrekorde: Was Banken fürs Jahr 2014 erwarten – und warum die Vorhersagen mit Vorsicht zu geniessen sind.

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Das Gemeinsame an Wirtschaftsprognosen ist: Sie liegen meistens daneben. Im Nachhinein besonders haarsträubend sind manche Vorhersagen zum Finanzmarkt. So meinte ein Kollektiv von 43 Banken, die das Portal Boerse.de Ende 2012 befragte, dass der US-Aktienindex S & P 500 im Lauf dieses Jahres von 1426 auf 1526 Punkte ansteigen würde. Das wäre ein Plus von 7 Prozent gewesen. Tatsächlich kletterte besagter Index im Jahr 2013 dann um über 26 Prozent, aktuell steht er bei 1809 Punkten. Keines der befragten Institute hatte diesen Anstieg auch nur annähernd erwartet.

Die beste Prognose zum S & P 500 stammt von der Bremer Landesbank. Die Regionalbank lag auch beim Eurokurs mit geschätzten 1.42 Dollar pro Euro nicht allzu weit vom tatsächlichen Kurs entfernt – weniger weit jedenfalls als die UBS mit ihren vorausgesagten 1.20 Dollar. Vor einem Jahr wurden für einen Euro 1.32 Dollar bezahlt, heute sind es 1.37 Dollar. Besser hat die UBS dafür den Eurokurs gegenüber dem Franken vorhergesehen. Dieser oszillierte im vergangenen Jahr konstant in der Region von 1.22 bis 1.23 Franken. Anders sahen es Institute wie J. Safra Sarasin oder die Credit Suisse: Sie hatten lange mit einem schrittweisen Anstieg bis auf 1.30 Franken gerechnet.

Oft nur Zufallstreffer

Kurzfristige Bewegungen auf dem Finanzmarkt vorherzusagen, ist praktisch unmöglich: Für diese Erkenntnis erhielt der Ökonom Eugene Fama dieses Jahr sogar den Nobelpreis. Als speziell schwierig vorauszusagen gelten Devisenkurse, weil ihre Entwicklung von sehr vielen Faktoren abhängt.

Fehlprognosen sind auch bezüglich der Realwirtschaft nicht selten. Auf dem falschen Fuss erwischt wurden die Ökonomen letzte Woche, als das US-Handelsministerium die revidierten BIP-Zahlen veröffentlichte: Nicht mit den prognostizierten 3,3 bis 3,8 Prozent wuchs die Wirtschaft im dritten Quartal, sondern mit 4,1 Prozent.

Die Finanzprospekte bleiben trotz der Unwägbarkeiten gefragt. Zu Recht? «Prognosen für Wertpapierpreise oder die Wirtschaftsentwicklung sind nicht von vornherein aussichtslos», meint der Berner Wirtschaftsprofessor Dirk Niepelt. Die akademische Welt sei aber eher skeptisch gegenüber der angewandten Prognosetätigkeit – besonders, wenn diese sich auf komplexe Modelle mit vielen Gleichungen stütze. «Derartige Modelle setzen voraus, dass zahlreiche Annahmen getroffen werden, und solche Annahmen können falsch sein», so Niepelt. «Notorisch unzuverlässig» seien Konjunkturprognosen sogar, wenn sie den Beginn eines Auf- oder Abschwungs ankündigten.

Versagt hat die Weisheit der Banken zuletzt für die Schweiz. Noch im Dezember 2012 lag die Konsensprognose zum Wachstum 2013 bei 1,0 Prozent. Jüngste Schätzungen deuten an, dass die Vorhersage um fast ein ganzes Prozent zu tief ausgefallen ist. 2014 wird nun ein Wachstum von 2,1 Prozent prognostiziert – wobei die Spannweite der Schätzungen von 1,7 bis 3,0 Prozent beträchtlich ist.

Manchmal liegen die Prognosen auch richtig. In einer vor Jahresfrist geführten Bloomberg-Umfrage veranschlagten 44 befragte Banken das BIP-Wachstum in der Eurozone für 2013 beispielsweise mit –0,1 Prozent. Damit lagen sie im Schnitt nur 0,3 Prozent über dem Wert, der sich laut letzten Zahlen tatsächlich einstellen dürfte. Der Konsens für 2014 liegt für die Eurozone bei 1,0 Prozent. Für die USA werden 2,6 Prozent veranschlagt.

Laut vielen Instituten steht 2014 ein ausgeglichenes Jahr bevor. «Niedrig für längere Zeit» betitelt Blackrock diesen Ausblick verhalten; «Wachstum, tiefe Inflation und gute Liquidität» heisst es etwas technischer bei der Credit Suisse. Die Erwartung ist, dass sich die Vorbereitungen der US-Notenbank zum Ausstieg aus der Tiefzinspolitik und der einsetzende Aufschwung alles in allem etwa die Waage halten.

Es locken die Aktienmärkte

Laut einer bei Pictet vertretenen These könnte fast schon ein langweiliges Börsenjahr bevorstehen. Die Privatbank spekuliert in ihrem Prospekt, dass die Schwankungen von Aktien 2014 noch geringer sein werden, als Investoren gemeinhin annehmen. Der entsprechende Trend hat bereits eingesetzt: Volatilitätsindizes haben sich zuletzt auf den niedrigsten Werten seit der Finanzkrise eingependelt.

In ihren Anlageempfehlungen 2014 lehnen sich die Banken erneut zum Fenster hinaus. Beispielsweise die Credit Suisse in ihrem letzten Ausblick zur globalen Anlagestrategie. Die Bank rechnet weiter mit steigenden Kursen. Ihr zufolge soll der US-Index S & P 500 im Jahr 2014 auf den neuen Rekord von 1950 Punkten klettern. Es wäre ein Plus von 8 Prozent zum heutigen Stand.

Noch stärker, nämlich um 15 Prozent auf 3510 Punkte, soll der europäische Index Eurostoxx 50 anschwellen. Investments in der Einheitswährung lohnen sich laut der CS, weil die Unternehmensbewertungen auf dem alten Kontinent vergleichsweise niedrig sind. Auch der Schweizer Aktienindex SMI soll im Vergleich zum heutigen Stand noch einmal um 8 Prozent auf 8800 Punkte steigen.

Es versteht sich von selbst, dass diese Angaben ohne Gewähr sind. Unvorhersehbare Risiken und modelltheoretischen Schwierigkeiten machen die Prognosen zu einem abenteuerlichen Business. Auch Herdentrieb und der Ruf nach Aufmerksamkeit prägen das Geschäft. «Prognostiker, die sich am Markt bewähren müssen, sind in einer zwiespältigen Lage», sagt der Wirtschaftsprofessor Dirk Niepelt. «Einerseits haben sie einen Anreiz, nicht zu stark vom Konsens abzuweichen; andererseits wollen sie als eigenständig wahrgenommen werden.»

(Erstellt: 24.12.2013, 08:58 Uhr)

Hilfloser Blick nach oben: Börsenhändler an der Wall Street. (Bild: Keystone John Angelillo)

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