Revolutionäre Kette

Die Blockchain-Technologie wird die Finanzszene verändern. Wie genau, müssen die Schweizer Banken erst noch herausfinden. Viel Zeit bleibt ihnen dafür nicht.

Bier gegen Bitcoin: Moderne Getränketransaktion in einem Pub in Sydney. Foto: David Gray (Reuters)

Bier gegen Bitcoin: Moderne Getränketransaktion in einem Pub in Sydney. Foto: David Gray (Reuters)

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Der US-Internethändler Overstock braucht für seinen geplanten Börsengang keine Börse. Das Unternehmen wird die Firmenanteile direkt über das Internet verkaufen. Was sich abenteuerlich anhört, wurde kürzlich von der US-Aufsichtsbehörde SEC bewilligt. Möglich wird das durch die Blockchain-Technologie. Dabei handelt es sich um eine neuartige Übertragungstechnologie, die besonders schnell, einfach und transparent ist. Ihre bekannteste Anwendung ist die digitale Währung Bitcoin. Der Blockchain wird das Potenzial zugesagt, die Finanzbranche grundlegend zu verändern und die Handelsplattformen überflüssig machen.

Infografik: Ruedi Lüthi

Diese Botschaft ist auch in der Schweiz angekommen. Der Schweizer Börsenbetreiber SIX verfolgt das Thema Blockchain genau. Das Unternehmen geht davon aus, dass sich die Wertschöpfungskette in der Finanzbranche verändern wird und die Margen für bestimmte Geschäfte unter Druck geraten könnten. Gewisse Dienstleistungen könnten dereinst sogar ganz wegfallen. «Alte Businessmodelle verschwinden, und es entstehen neue Chancen», so ein Sprecher des Finanzdienstleisters.

Die Blockchain könnte in Zukunft viele Geschäftsprozesse vereinfachen. Gross scheint das Potenzial bei Finanzgeschäften, heisst es in mehreren Studien zur Bankenbranche. Schweizer Finanzdienstleister haben erst vor kurzem damit begonnen, sich mit dem neuen Phänomen auseinanderzusetzen. In den letzten Monaten wurden auf dem Schweizer Finanzplatz Förderprogramme lanciert, bei denen die Technologie eine Rolle spielt. Hinter ihnen stehen SIX, die Grossbank UBS und Netzwerke für Jungunternehmen.

Die Schweiz ist gegenüber anderen Finanzplätzen im Rückstand. In den USA und in Grossbritannien wird viel mehr in die Technologie investiert. Unbekannte Start-ups werden dort von prominenten Investoren mit Risikokapital in Millionenhöhe ausgestattet. London gilt bei Branchenkennern als das Zentrum der Blockchain-Szene, das viel Geld und Know-how anzieht.

Information kaum zu knacken

Mögliche Anwendungsfelder gibt es viele: Die Blockchain kann als Grundlage für persönliche Ausweise, Grundbucheinträge oder den Kauf von digitalen Gütern wie Musik dienen. Die Zuger Firma Ethereum des 21-jährigen Entwicklers Vitalik Buterin gilt in der Branche als revolutionär. «Das Magazin» hat Buterin jüngst als «digitalen Lenin» bezeichnet. Ethereum will eine Software entwickeln, mit der alle möglichen Werte unfehlbar ausgetauscht werden können. Jeder Vertrag liesse sich als eine Blockchain definieren. Die Technologie basiert auf einem Set von gemeinsamen Regeln, auf die sich mehrere Teilnehmer einigen. Die Informationen werden dezentral und für alle Teilnehmer einsehbar auf verschiedenen Rechnern gespeichert.

Eine Blockchain besteht aus einer Kette verschlüsselter und miteinander verbundener Blöcke. Darin werden Informationen transparent und manipulationssicher abgelegt. Wer eine Veränderung in einem der Blöcke vornimmt, müsste auch alle weiteren damit verbundenen Blöcke ändern, um nicht entdeckt zu werden. Dafür benötigt man einige gewaltige Rechenleistung, was eine Fälschung fast unmöglich macht. Daher braucht es keine Schaltzentrale für die Transaktionen mehr, welche die Einhaltung der Regeln überwacht und durchsetzt. So werden Transaktionen transparenter und effizienter. Doch werden sie nicht zwingend schneller. Während beispielsweise ein Börsen-Trade heute in Millisekunden ablaufen, dauert eine Blockchain-Transaktion einige Sekunden. Weil die Blockchain-Überweisung nicht von mehreren Kontrollstellen geprüft wird, ist sie trotzdem um ein Mehrfaches schneller beim Adressaten. Eine Banküberweisung braucht in der Schweiz oft mehrere Tage, per Blockchain-Überweisung ginge es nur einen Bruchteil einer Minute.

Offenbar haben verschiedene Börsen die Blockchain getestet. Die US-Börsenbetreiber NYSE und Nasdaq investieren in die Technologie. Der Schweizer Finanzdienstleister SIX geht davon aus, dass Infrastrukturservices in Zukunft wichtiger werden. Um neue Geschäftsmodelle auszuloten, arbeitet der Finanzdienstleister eng mit Start-ups aus der Fintech-Szene zusammen. Rund 300 Jungfirmen entwickeln weltweit Blockchain-Lösungen. So hat das Schweizer Start-up Lykke vor kurzem angekündigt, im nächsten Jahr eine Devisenhandelsplattform auf Blockchain-Basis zu lancieren.

Grossbanken legen Zukunft fest

Die Grossbank UBS unterhält im Londoner Finanzviertel Canary Wharf ein eigenes Labor in dem sie an der Blockchain forscht. Die Abteilung trägt den Namen Level 39 und arbeitet derzeit zu Testzwecken an einem Programm für Loyalitätspunkte.

Die Zukunftstechnologie hat bei der Bank an oberster Stelle einen Fürsprecher: Oliver Bussmann, der Technologiechef der UBS, ist ein Blockchain-Enthusiast. Die UBS engagiert sich auch bei der Brancheninitiative R3. Dabei handelt es sich um ein internationales Bankenkonsortium, das die Blockchain-Technologie für die Finanzindustrie nutzbar machen soll. Beinahe jede internationale Grossbank ist in R3 vertreten, auch die Credit Suisse. R3 könnte die Regeln definieren, wie wir künftig Bank­geschäfte tätigen. «R3 könnte zu einer Zweiklassengesellschaft in der Finanzindustrie führen», so Daniel Diemers von PwC Strategy&, einer besonderen Abteilung des Beratungshauses. Die grossen Banken definieren so den Verlauf der künftigen Blockchain-Entwicklung.

Branchenkenner befürchten nun, dass es für andere Teilnehmer teuer werden könnte, wenn sie die Entwicklungen des Konsortiums dereinst übernehmen möchten. Es entspricht auch nicht der Philosophie der Blockchain. Sie sollte für viele Teilnehmer möglichst zugänglich und transparent sein.

Diese Frage stellt sich heute nicht. Noch besteht bei vielen Banken Erklärungsbedarf, da die Blockchain noch völlig unbekannt ist. Viele Bankkader verstehen die Technologie nicht. Zum Teil hätten die Chefs sogar Angst vor ihr, berichtet ein Mitarbeiter einer hiesigen Bank. Auch deshalb hat Diemers viel zu tun. Viele Schweizer Bankkader wollen von ihm wissen, was es mit der neuen Technologie auf sich hat und was sie in ihrem Institut damit anfangen können. Die Technologie ist eine Randerscheinung. Wer keine Bitcoins verwendet, wird noch lange nicht mit Blockchain in Berührung kommen. «Die Banken und Finanzdienstleister forschen derzeit intensiv an der Blockchain – aber nicht primär an Technologien, die Endkunden direkt verwenden werden können», so Diemers. Wenn sich der Börsenhandel grundlegend verändert, dann spürt das ein Kunde nicht – höchstens bei tieferen Transaktionsgebühren und steigender Geschwindigkeit.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 22:45 Uhr)

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Digitale Währung

Schweizer Bitcoin-Szene wächst

Vor drei Jahren schoss der Bitcoin-Kurs in die Höhe, mehrere Behörden anerkannten die digitale Währung, und sie wurde vielerorts als Zahlungsmittel akzeptiert. Der Absturz folgte prompt. Der Kurs der Währung war manipuliert, und die wichtigste Bitcoin-Börse ging pleite. Bitcoin scheint dennoch keine Eintagsfliege zu sein. Der Bitcoin war 2015 die Währung, die gegenüber dem Dollar am meisten zulegte, und viele Firmen erforschen sie. Die Schweiz ist ein wichtiges Zentrum für Bitcoins, so gibt es in Zug viele Start-ups in diesem Bereich.

Bald könnte die Szene Zuwachs erhalten. Xapo ist eine der spannendsten Firmen auf dem Gebiet. Die Firma wurde 2013 gegründet, beschäftigt 30 Mitarbeiter und konnte rund 40 Millionen Dollar Risikokapital aufnehmen. Sie hat mit dem ehemaligen US-Minister Larry Summers einen prominenten Verwaltungsrat. Xapo erwägt, den Hauptsitz aus den USA in die Schweiz zu verlegen. «Die Schweiz bietet eine hohe Rechtssicherheit, Datenschutzstandards und ist bereits heute unser wichtigster Infrastrukturstützpunkt», so Olga Feldmeier von Xapo. Es laufen Gespräche mit der Finanzmarktaufsicht Finma, welche Bewilligung beantragt werden soll. Das Xapo-Geschäftsmodell fusst auf einer sicheren Speichermöglichkeit für Bitcoin. Das Bitcoin-Guthaben ist auf mehreren Kontinenten auf sicheren Servern gespeichert, die nicht am Internet angeschlossen sind. Ein Teil des Guthabens ist über eine Bankkarte zugänglich.

Der Finma wurde lange vorgeworfen, sie sei unkooperativ und verschlafe die Entwicklung. Derzeit unternimmt die Behörde viel, um ein technologiefreundlicheres Umfeld zu schaffen. Sie ist daran, das Bewilligungsverfahren für kleine Firmen zu vereinfachen. Von einer solchen «Bewilligung light» könnten dann Gesellschaften aus dem Bereich Crowdfunding, Zahlungsdienstleistung oder noch unbekannte Geschäftsmodelle profitieren, so ein Sprecher. (jb)

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