Wirtschaft

Schweizer Haushalte verloren in zehn Jahren 184 Milliarden

Von Erich Solenthaler. Aktualisiert am 28.11.2011 4 Kommentare

Das verlorene Jahrzehnt kostete die Schweizer Haushalte 184 Milliarden Franken. Nur weil sie viel mehr sparten, wurden sie nicht ärmer.

In jedem Segment viel verloren: Die Verluste der Schweizer Haushalte in Milliarden Franken (Summe 2001 bis 2010) und in Prozent des durchschnittlich angelegten Vermögens pro Jahr.

In jedem Segment viel verloren: Die Verluste der Schweizer Haushalte in Milliarden Franken (Summe 2001 bis 2010) und in Prozent des durchschnittlich angelegten Vermögens pro Jahr.
Bild: TA-Grafik

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Sparen und Investieren haben sich in den vergangenen Jahren nicht gelohnt. Das ahnte man schon. Nun zeigt die Vermögenserhebung der Nationalbank schwarz auf weiss, wie es um die Zahlen wirklich steht: Schweizer Haushalte verloren in den vergangenen zehn Jahren an den Finanzmärkten insgesamt 184 Milliarden Franken. Das entspricht fast 25'000 Franken pro Bewohner oder jährlich etwa 1,3 Prozent des eingesetzten Vermögens. Allein 2010 beliefen sich die Verluste auf 18 Milliarden Franken. Davon geht der grösste Teil aufs Konto Fremdwährungen.

Sie sind das Thema, das das ganze Jahrzehnt beherrscht. Der Euro büsste etwa ein Fünftel, der Dollar sogar fast die Hälfte seines Werts ein. Deswegen stehen sogar Obligationen im Minus. Schweizer Privathaushalte hatten nämlich so viel Kapital in ausländischen Obligationen parkiert, dass die Währungsverluste die Gewinne dominierten. Was rückblickend völlig unnötig war, denn Frankenobligationen erwiesen sich als gute Anlage. Wegen des sinkenden Zinsniveaus stiegen ihre Kurse, sodass mit Obligationenfonds eine Gesamtrendite von rund 3 Prozent pro Jahr zu erzielen war.

Nicht ärmer geworden

Fremdwährungen waren nicht das einzige Problem: Über die ganze Dekade erwies sich keines der sechs von der Nationalbank erfassten Anlagesegmente als erfolgreich. Am Betrag gemessen, traf es die Gruppe Pensionskassen und Versicherungen am heftigsten, aber in Prozent ist ihre Performance besser als in den anderen Kategorien. Pensionskassenmitglieder bekamen die Rückschläge in Form von sinkenden Reserven und rückläufigen Deckungsgraden zu spüren; bei den Versicherungen schlug sich das verlorene Jahrzehnt vor allem in den fondsgebundenen Lebensversicherungen nieder.

Erstaunlich ist, dass die Schweizer trotz des grossen Verlusts nicht ärmer wurden. Ihr Reinvermögen stieg in der letzten Dekade mit einer Jahresrate von rund 2,4 Prozent auf nunmehr 2700 Milliarden Franken. Sogar wenn man das Bevölkerungswachstum und die Inflation berücksichtigt (je etwa 1 Prozent), bleibt eine Zunahme von 1,5 Prozent. Ende vergangenen Jahres konnte ein durchschnittlicher Bewohner dieses Landes (inklusive Kindern) 354'000 Franken sein Eigen nennen.

Die Vermögenszunahme ist ausschliesslich auf das Sparen zurückzuführen. 37 Milliarden Franken legten die Bewohner jedes Jahr auf die hohe Kante. Das Sparverhalten verändert sich zwar von Jahr zu Jahr. Dennoch scheint sich ein Trend abzuzeichnen: In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts legten die Schweizer deutlich, nämlich zwei Drittel mehr zurück als in der ersten. 2010 sparte jemand mit einem durchschnittlichen Budget rund 5900 Franken.

Beiträge an Pensionskassen wachsen stetig

Der stärkste Motor ist das Zwangssparen – also die berufliche Vorsorge. Die jährlichen Mittelzuflüsse (der Saldo von Beiträgen und Renten) in die Pensionskassen machen mit 29 Milliarden Franken den grössten Teil des Sparaufkommens aus. Besonders seit 2004 wuchsen die Beiträge dank der guten Beschäftigungslage kräftig.

Aber das obligatorische Sparen reichte den Schweizern nicht aus. Auch die Bankguthaben verzeichneten eine imposante Zunahme. Aktien dagegen verloren zunehmend an Bedeutung. Dies nicht nur wegen der Wertverluste; sondern auch weil Schweizer einen Teil der Dividendenpapiere verkauften. Das lässt aufhorchen, denn Bankguthaben sind defensive, für den Erhalt der Substanz geeignete Anlagen. Umgekehrt gelten Aktien als Ausdruck von Optimismus, Vertrauen in die Zukunft und Risikobereitschaft. Vergleicht man also die Kontostände und die Aktienquote, dann ergibt sich ein zuverlässiges Stimmungsbarometer für das Land.

Laut Nationalbank machen Aktien nur rund 6 Prozent des gesamten Vermögens aus. Rechnet man die in Fonds steckenden Dividendenpapiere dazu, so dürfte der Anteil 8 bis 9 Prozent betragen. Vor 10 Jahren waren es noch fast doppelt so viele. Offensichtlich ist da einiges an Mut und Zuversicht verloren gegangen. Umgekehrt schnellten die Guthaben bei Banken und Postfinance im gleichen Umfang auf nunmehr 17 Prozent hoch. Die Ansprüche an Pensionskassen und Versicherungen verharrten bei etwa einem Viertel des Gesamtvermögens. Aktien, Obligationen und Fonds beanspruchen je etwa 5 Prozent.

Viele stehen an der Seitenlinie

Gebräuchlicher ist es allerdings, den Aktienanteil am beweglichen Vermögen zu messen, dessen Zusammensetzung ja jedermann selbst bestimmen kann und das aus Wertschriften- und Barvermögen besteht. Der andere Blickwickel ändert nichts an der Kernaussage, aber an den Dimensionen: Der Aktienanteil (ohne Fonds) betrug Ende 2002, als die Interneteuphorie noch spürbar war, ansehnliche 30 Prozent. Inzwischen ist er auf nunmehr 19 Prozent zusammengeschmolzen. Umgekehrt schoss der Anteil an Kontoguthaben bei Banken und Postfinance von einem schon damals hohen Niveau (39 Prozent) auf 51 Prozent der verfügbaren Mittel.

Dass die Hälfte der Vermögen auf Konten ruht, bedeutet, dass sich viele Anleger von den Finanzmärkten verabschiedet haben oder zusehen, was geschieht. Der Trend zum Pausieren hat sich während den drei Krisen des vergangenen Jahrzehnts beschleunigt, aber die Erholungsphasen dazwischen vermochten ihn nicht zu drehen. Da scheint sich vielmehr ein andauerndes Misstrauen über die wirtschaftliche Entwicklung Ausdruck verschafft zu haben.

Unbekannte Immobilien

Unbestritten ist, dass Immobilien in einer volkswirtschaftlichen Bilanz eine grosse Rolle spielen. Aber wer sie besitzt, wird in der Schweiz statistisch nicht genau erfasst. Deshalb kann die Nationalbank nur schätzen, wie viel Privatpersonen gehört: 1400 Milliarden Franken sollen es sein, was gut 40 Prozent am gesamten Vermögen der Haushalte entspricht. Immobilien verzeichneten eine Wertzunahme von 4 Prozent pro Jahr. Darüber, was davon auf Preissteigerungen oder auf Sparen und Investitionen zurückzuführen ist, ist unbekannt. Vielleicht sähe die finanzielle Gewinn-und-Verlust-Rechnung der Haushalte besser aus, wenn die Immobilienerträge angerechnet würden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2011, 12:04 Uhr

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4 Kommentare

lucius mayer

28.11.2011, 13:43 Uhr
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Die helvetische Liegenschaftenblase wird bestimmt wie alle anderen Finanzblasen platzen. Und die Bankster pusten sie mit ganz billigem Geld noch kräftig auf. Das freie, unabhängige Schweizer Volk von MieterInnen zahlt indes die Zeche. Antworten


andreas furrer

28.11.2011, 13:59 Uhr
Melden 4 Empfehlung

richtig lieber tagesanzeiger; womöglich leben die schweizer, geschweige denn die zürcher, längst nicht mehr in der schweiz und der tagesanzeiger ist nicht mehr als ein stück folklore. Antworten



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