Warum Obligationen wieder sexy sind
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 04.01.2010 23 Kommentare
Wieder beliebt: US-Staatsanleihen.
Als Tom Wolfe in seinem Roman «Fegefeuer der Eitelkeiten» den Begriff «Masters of the Universe» schuf, dachte er nicht an Aktien-, sondern an Obligationenhändler. Vorbild seines fiktiven Herrn des Universums war in der realen Welt nämlich John Gutfreund, Chef von Salomon Brothers, einer Investmentbank, die in den Achtzigerjahren mit Bonds ein Heidengeld verdiente. Auch Michael Lewis, der in seinem legendären Besteller «Lügenpoker» die Zustände eben dieser Bank sehr witzig beschreibt, dachte an Bondhändler, als er von den Superhelden von der Wall Street, den «big swinging dicks», sprach. Aktien hingegen waren für Warmduscher und Vorwärtsparkierer.
Dann kamen die Neunzigerjahre und die New-Economy-Euphorie. Mit Aktien von Firmen, die noch meinen Rappen verdient hatten, wurde Geld wie Heu verdient. Der Börsengang von neuen Techfirmen wie Netscape oder Ebay schuf über Nacht neue Milliardäre, die Analysten der IT-Szene wurden zu Rockstars und Aktien so sexy wie noch nie. Unablässig wurde uns von Finanzprofessoren vorgerechnet, dass keine Anlage langfristig mehr Ertrag bringt als Aktien und Menschen, die kaum in der Lage waren, eine Option von einer Obligation zu unterscheiden, versuchten sich als Daytrader.
Keine gute Presse mehr
Jetzt ist wieder alles anders. Wer in den Nuller-Jahren in Aktien investiert hat, guckt bekanntlich in die Röhre. Auch die aufgedonnerte Schwester der Aktien, die Derivate, hat keine gute Presse. Sie gelten nicht bloss als mitverantwortlich für die Finanzkrise. An strukturierten Produkten hat sich mancher die Finger verbrannt. Die Investoren meiden deshalb Finanzprodukte, von denen sie nicht einmal ahnungsweise wissen, wie sie funktionieren. Die Schöpfer dieser Produkte, die einst hoch bezahlten und hoch gelobten Mathematiker («Quants» genannt), verlassen die Banken in Scharen. «Viele der hellsten Köpfe der Finanzindustrie schleichen sich aus der Kreditwelt davon und suchen neue Herausforderungen», stellt die «Financial Times» fest.
Ein Comeback feiern dafür die guten alten Obligationen. Dafür gibt es auch gute Gründe. Vor zehn Jahren verzeichnete die amerikanische Staatskasse Rekordüberschüsse, vereinzelte Experten befürchteten bereits, der mit Abstand bedeutendste Obligationenmarkt würde bald austrocknen. Diese Sorgen sind heute mehr als überflüssig. Die Vereinigten Staaten machen Schulden wie noch nie in Friedenszeiten, der Umfang des US-Obligationenmarktes hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.
Staaten und Unternehmen setzen auf sie
Auch andere Staaten müssen sich und ihre Schulden stützen und Staatsanleihen herausgeben. Gemäss «Financial Times» haben allein die reichen Nationen 2009 Obligationen im Wert von rund 12'000 Milliarden Dollar emittiert. Weil die Banken sich wegen der Kreditklemme knausrig geben, entdecken schliesslich auch die Unternehmen den Obligationenmarkt wieder neu.
Der Boom der Obligationen dürfte daher noch eine Weile anhalten. Die Beraterfirma McKinsey empfiehlt vor allem Investitionen in Staatsanleihen der aufstrebenden Schwellenländer Brasilien, Russland Indien und China. Diesen sogenannten Bric-Staaten wird noch viel Potenzial zugetraut, weil ihre Finanzmärkte noch wenig entwickelt sind. Wenn Sie also ein «Master of die Universe» oder ein «big swinging dick» werden wollen, schauen Sie sich auf diesen Märkten um. Oder machen Sie genau das Gegenteil: Steigen Sie bei den Aktien ein – gerade weil sie derzeit nicht sexy sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.01.2010, 16:59 Uhr
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23 Kommentare
@ frau binswanger: das "finanzcasino" (fundierte wortwahl...) stellt sicher, dass der nahrungsmittelproduzent saatgut kaufen kann, der kleiderfabrikant maschinen und stoffe, der transporteuer einen lkw. wir könnten ja mal versuchen wieder zum system kartoffeln gegen jacke und erdbeermarmelade gegen pflegedienste zurückzukehren... nur weil sie geldströme nicht sehen können sind sie nicht virtuell! Antworten
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