Wirtschaft

Warum Gold nicht zu bremsen ist

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 22.06.2010

Meldungen über saudische Reserven und die grössere Flexibilität der chinesischen Währung haben dem Goldpreis weiter Schub verliehen. Doch die wahren Gründe für dessen langfristigen Aufwärtstrend reichen tiefer.

52 Prozent allen Goldes wird für Schmuck verwendet: Die Nachfrage dafür ist vor allem in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens gross.

52 Prozent allen Goldes wird für Schmuck verwendet: Die Nachfrage dafür ist vor allem in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens gross.
Bild: Reuters

Der Goldpreis steigt unentwegt weiter. Gestern erreichte dessen Wert an der Börse (Comex) den neuen Rekordwert von beinahe 1265 Dollar pro Unze. Seither ist der Preis wieder leicht auf 1239.50 Dollar zurückgeglitten. Doch allein seit Jahresbeginn hat der Goldpreis um beinahe elf Prozent zugelegt, seit zehn Jahren sogar um 348 Prozent.

Als unmittelbarer Auslöser für die Preisrallye von gestern werden zwei Entwicklungen genannt. Einerseits gab der «World Gold Council» bekannt, dass die Goldreserven von Saudiarabien doppelt so hoch sind, wie das der Rat bisher angenommen hat: Statt auf 143 Tonnen sollen sie sich auf 322,9 Tonnen belaufen. Der zweite Grund war die Ankündigung der chinesischen Zentralbank, ihre Währung Yuan Renminbi gegenüber dem Dollar stärker zu flexibilisieren.

Zentralbanken sind wieder Nettokäufer

Die Meldung zu den Goldreserven von Saudiarabien geben einen Hinweis zur Nachfrage nach Gold durch Zentralbanken. Schon vor einem Jahr hat China bekannt gegeben, dass sich seine Goldreserven auf 1000 Tonnen belaufen, auch das war fast doppelt so viel, wie China in den Jahren zuvor ausgewiesen hat. Im laufenden Jahr hat zudem Indien mit dem Kauf von 200 Tonnen Gold beim Internationalen Währungsfonds dem Markt Schub verliehen. Die Meldungen zeigen, dass die Zentralbanken wieder Nettokäufer von Gold sind. Während der letzten 20 Jahre war es umgekehrt. Vor allem europäische Zentralbanken haben netto Gold abgestossen – auch die Schweizerische Nationalbank.

Ein flexiblerer chinesischer Yuan ist für den Goldpreis deshalb eine gute Nachricht, weil dieser in Dollar ausgewiesen wird. Da nun der Dollar für die Chinesen billiger wird, gilt das auch für das Gold. Dies lässt eine weitere steigende Nachfrage nach dem Edelmetall in China erwarten. Schon jetzt gilt die Nachfrage nach Gold in China und Indien als einer der Haupttreiber für den anhaltenden Preisauftrieb. Dabei spielt noch immer die Verwendung von Gold als Schmuck die Hauptrolle. Laut einer UBS-Studie werden 52 Prozent der Weltgoldbestände von 166'000 Tonnen dafür verwendet.

Das meiste Gold wird für Schmuck verwendet

Anleger halten dagegen nur 18 Prozent des Goldes direkt oder indirekt über Fonds in Münzen oder Barren. Die Reserven von Regierungen und Zentralbanken machen nur 16 Prozent aus, und für Industriezwecke werden bloss 12 Prozent verwendet. Da der Schmuck nach einem Kauf kaum gehandelt wird, ist dennoch vor allem das Anlagegeld für die Preisausschläge verantwortlich.

Als wichtigstes Motiv für Gold als Anlagewährung gilt die Angst vor einer höheren Inflation. Je mehr das Misstrauen in die Papierwährungen zunimmt, desto mehr profitiert davon die historische Währung Gold, die sich nicht im gleichen Stil vermehren lässt. Ein höherer Goldpreis weist daher in der Regel umgekehrt auch auf eine ansteigende Inflationsangst hin. Doch im Moment ist diese Interpretation des Preisanstiegs beim Gold höchst umstritten. Nicht nur befindet sich die Inflation in den westlichen Ländern auf Tiefstständen. Auch die Ängste vor einem Inflationsschub zeigen sich an den Märkten kaum. Denn diese müssten sich in entsprechend höheren Langfristzinsen niederschlagen, da Investoren eine Entschädigung für den Geldwertverlust auf ihren nominalen Zinseinnahmen verlangen würden. Doch auch die Langfristzinsen befinden sich auf historischen Tiefstständen (gemessen an der Rendite von langfristigen Anleihen von Staaten mit einer hohen Bonität).

Warum Gold auch ohne Inflationsängste zulegt

Für dieses Rätsel werden verschiedene Erklärungen genannt. Eine verweist darauf, dass viele Zentralbanken ihr frisch geschaffenes Geld direkt in Staatsanleihen investiert haben. Dasselbe hätten aus Risikoscheu auch viele Banken getan. Höhere Anleihekurse bedeuten spiegelbildlich geringere Renditen. Eine andere für das Gold wichtigere Erklärung liefert das britische Finanzblatt «Economist». Dort wird argumentiert, dass sowohl Gold wie Staatsanleihen davon profitieren, dass beide als «sichere Häfen» in unsicheren Zeiten gelten. Gold wird danach als Absicherungswährung für alle Arten von wirtschaftlichen Risiken betrachtet.

Das bedeutet aber, dass Gold auch in Zukunft fast nur gewinnen kann. Denn ebben die Konjunkturängste definitiv ab, wird Inflation mit Sicherheit zu einem Thema. Denn das viele neu geschaffene Geld der Zentralbanken, in dem die Banken schwimmen, kommt nur wegen den verbliebenen Unsicherheiten nicht in der Wirtschaft an. Nur deshalb gibt es vorläufig keinen Grund für Inflationssorgen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.06.2010, 13:47 Uhr

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