Wirtschaft
«Warum nicht schon vor drei Wochen? Das würde ich gerne wissen»
Von Elisabeth Tester und Philippe Béguelin, Finanz und Wirtschaft. Aktualisiert am 07.09.2011 18 Kommentare
Peter Bernholz
Der 82-jährige Volkswirtschaftler lehrte als Professor an den Universitäten Frankfurt, Berlin und Basel. In den Neunzigerjahren war er Vorstandsmitglied der Mont Pelerin Society, eines Think Tanks liberaler Intellektueller. Er gilt in Fachkreisen als Vordenker unter den Inflationspropheten.
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Herr Bernholz, weshalb hat die SNB
(SNBN
1089
2.06%)
nicht schon früher ein konkretes Wechselkursziel kommuniziert, wie Sie es empfohlen hatten?
Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich es begrüsse, dass das Direktorium der SNB jetzt diesen mutigen Schritt gewagt hat. Warum es ihn nicht schon bei Einleitung seiner Massnahmen vor drei Wochen unternommen hat, würde ich auch gerne wissen. Aber vielleicht hat das ja mit den fehlgeschlagenen Interventionen des vergangenen Jahres und der darauffolgenden öffentlichen Kritik zu tun. Besser als die unspezifische Ankündigung einer Erhöhung der Geldmenge vor einem knappen Monat wäre gewesen, von vornherein die Erwartungen durch entsprechende Botschaften und Massnahmen zu prägen. Was intern vorgefallen ist, weiss ich nicht. Aber die SNB kannte unsere Stellungnahmen. Fast gleichzeitig mit mir haben ja verschiedene Kollegen die gleiche Ansicht vertreten.
Die SNB will den Kurs von 1.20 Fr./€ «mit aller Konsequenz durchsetzen und ist bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen». Gibt es keine Grenze?
Theoretisch gibt es keine Grenze, weil die SNB als Monopolinstitut als Einzige so viel Franken schaffen kann, wie sie will. Es ist absolut richtig, das dem Markt mitzuteilen und ihm klarzumachen, dass er, wenn er dagegen spekuliert, die bisherigen Gewinne verliert oder Verluste erleidet. Gut ist auch, dass die SNB darauf hingewiesen hat, dass der Franken auch bei 1.20 je Euro noch zu hoch bewertet ist, weil das einen weiteren Kursanstieg für den Euro offenlässt. Jetzt kommt es darauf an, diese Politik mit Mut und eisernem Durchhaltevermögen durchzusetzen.
Was wird die SNB mit den akkumulierten Devisenreserven in Euro tun?
Einen grösseren Teil der Devisen könnte sie in deutsche Aktien anlegen. Zudem sind die jetzigen Kurse attraktiv. Deutsche kurzfristige Geldmarkttitel oder Staatspapiere kämen für die aus Liquiditätsgründen zu haltenden Anlagen in Frage.
Welche Gefahren birgt diese Politik?
Die viel diskutierte Inflationsgefahr tritt erst später auf. Der Franken ist nach wie vor stark überbewertet, und der Rückgang der Konjunktur in Europa und den USA lässt nicht so schnell eine Teuerung erwarten. Die zweite Gefahr liegt im Immobilienmarkt. Dort haben wir einen gewissen Boom, der jedoch schon früher durch die Tiefzinspolitik und die Ausdehnung der Zentralbankgeldmenge ausgelöst wurde.
Falls der Euro auseinanderbricht, würde die SNB grosse Verluste erleiden.
Sollte der Euro tatsächlich auseinanderbrechen, wird es Nachfolgewährungen geben. Bräche das System auf der nationalen Basis zusammen, gäbe es für Deutschland wieder die D-Mark, und die wäre sicherlich stabil. Insofern ist es sinnvoll, die Devisenreserven in deutsche Anlagen zu investieren. Ich sehe aber gegenwärtig kaum eine Gefahr, dass der Euro auseinanderbricht. Die Politiker belasten den Euro jedoch, indem sie die Bestimmungen des Maastricht-Vertrags gebrochen haben, wonach keine Länder der Eurozone durch andere gerettet werden dürfen. Die EZB hat zudem eine gewisse Gefahr hineingebracht, indem sie die Anleihen der in Schieflage geratenen Länder kauft. Allerdings hat sie die resultierende Zunahme der Zentralbankgeldmenge in Euro bislang überwiegend kompensiert, um die Inflationsgefahr in Grenzen zu halten.
Die SNB erklärt, sie werde bei Bedarf weitere Massnahmen ergreifen. Wie könnten sie aussehen?
Ich weiss nicht, was die Nationalbank vorhat. Ob sie gar an Negativzinsen denkt, obwohl sie sich in den Siebzigerjahren als wenig wirksam erwiesen haben? Vielleicht will sie einfach signalisieren, dass sie noch nicht alle Munition verschossen hat. Je mehr die SNB unter den Marktteilnehmern für Verunsicherung sorgt, ob der Franken noch weiter fallen könnte, desto besser. Je stärker die Erwartungen in diese Richtung beeinflusst werden, desto weniger muss sie intervenieren. Ganz wichtig ist: Die Nationalbank muss klarmachen, dass sie die neu geschaffene Geldmenge auf absehbare Zeit nicht wieder vermindert. Diesen Fehler hat sie vergangenes Jahr gemacht, obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass bei einem solchen Vorgehen der Wechselkurs nur wenig beeinflusst werden kann.
Werden die Erwartungen zum Wechselkurs nicht unwichtig, wenn sich die Krise im Euroland verschärft und der Zustrom in den Franken anschwillt?
Diese Gefahr lässt sich nicht ausschliessen. Unsere Lage ist bedingt durch die europäische Schuldenkrise und die laxe Geld- und Fiskalpolitik der USA. Hält dies an, gibt es einen ständigen Druck in Richtung Überbewertung. Aber wie sollen wir vermeiden, dass das zu einer Katastrophe für uns wird, ausser durch solche extrem ungewöhnlichen Massnahmen? (Finanz und Wirtschaft)
Erstellt: 07.09.2011, 11:34 Uhr
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18 Kommentare
Ich bin nicht bösartig, manchmal etwas zynisch; aber bei dieser Intervention der SNB werden aller Voraussicht nach viele Mia. Franken vernichtet. Herr Hildebrand trägt zwar einen Teil der Verantwortung, wird allerdings mit Recht nie zur Rechenschaft gezogen und es ist anzunehmen dass er irgendwann als Chef bei einer Grossbank landet. Antworten


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