Wegen Negativzins drohen höhere Kassenprämien

Banken überwälzen immer mehr Negativzinsen auf Grossanleger wie Pensionskassen und Krankenkassen. Die Lage werde «je länger, desto heikler».

Geld auf einer Bank zu lagern, ist für institutionelle Anleger teuer. Foto: Keystone

Geld auf einer Bank zu lagern, ist für institutionelle Anleger teuer. Foto: Keystone

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Die Krankenkassen haben ein Problem mit dem Negativzins der Nationalbank (SNB). Die Concordia etwa, eine Kasse mit 700'000 Versicherten, erhält Anfang jedes Monats rund 200 Millionen Franken Prämien. Mit diesem Geld bezahlt sie wöchentlich medizinische Leistungen von rund 50 Millionen Franken. Während dieser Zeit liegen im Schnitt 100 Millionen auf dem Konto. Belasten die Banken der Concordia den von der SNB verfügten Negativzins von 0,75 Prozent, würde dies die Krankenkasse jährlich 750'000 Franken kosten. Noch ist es nicht so weit: «Aber die Freibeträge der Banken sinken von Woche zu Woche», sagt Christoph Braschler, Finanzchef der Concordia. Auch die Krankenkasse Assura mit monatlichen Prämien­ein­nahmen von 170 Millionen bestätigt, die Lage werde «je länger, desto heikler».

Die Groupe Mutuel mit 1,1 Millionen Versicherten setzt monatlich rund 360 Millionen Franken Prämiengelder um. Für 280 Millionen hat ihr die Bank vorläufig eine Freigrenze zugesichert, darüber muss sie Negativzinsen zahlen. «Aktuell ungelöst ist, wie wir 120 Millionen Franken für den Risikoausgleich unter Krankenkassen anlegen sollen, ohne dafür Negativzinsen zahlen zu müssen», sagt Sprecher Yves Seydoux. Dasselbe gilt für die Assura, die gar 570 Millionen Franken Risikoausgleich parkieren muss.

Die Groupe Mutuel hat abgeklärt, welche Banken ihr für diese Gelder Negativ­zinsen belasten würden: St. Galler und Zürcher Kantonalbank geben den Negativzins vollständig weiter. CS und UBS belasten ab einer Limite von 10 Millionen Franken, die anderen Kantonalbanken vorerst nichts. «Sollte der Negativzins die Grundversicherung belasten, wären Krankenkassen im kommenden Jahr gezwungen, dies in die Prämienrechnung einfliessen zu lassen», sagt Seydoux.

Einige der Banken bestätigen, dass die Krankenkassen ab einer gewissen Höhe des Kontostands Zinsen belasten, so die CS, die UBS, die Berner Kantonalbank sowie die ZKB. Die St. Galler KB schreibt: «Bei institutionellen Grossanlegern, mit denen wir keine Geschäftsbeziehung pflegen, würden wir für das zeitweilige Parkieren grosser Geldsummen Negativzinsen verlangen.» Das Gleiche sagt die Waadtländer Kantonalbank. Keine Bank nennt eine konkrete Zahl: «Sonst würden wir einen Ansturm von neuem Geld erleiden», sagt ein Bank­sprecher. Ein anderer sagt: «Gewisse Banken schaffen eine Dynamik, die die Freibeträge beschleunigt sinken lässt.»

Unscharfe SNB-Kriterien

Der Dachverband Santésuisse hat die SNB deshalb aufgefordert, den Krankenkassen ein unverzinstes Girokonto zur Verfügung zu stellen, so wie es AHV-Fonds, die Pensionskasse Publica und die Versicherung Suva nutzen. Letztere zwei sind, obwohl staatsnahe Betriebe, auch auf dem freien Markt tätig. Die SNB sagt auf Anfrage, die gegenwärtige Befreiung von den Negativzinsen betreffe «nur den Bund, bundesnahe Betriebe und inländische Behörden». Sie verweist auf ihr Merkblatt für den bargeldlosen Zahlungsverkehr.

Neben den Krankenkassen sind auch Pensionskassen von den Negativzinsen betroffen. Sie bezahlen schon heute einen unbekannt hohen Betrag, Tendenz steigend. «Die Freibeträge der Banken für flüssige Mittel sinken laufend», bestätigt Lukas Riesen von PPCmetrics, der grössten Pensionskassenberatungsfirma der Schweiz. Eine mittelgrosse Pensionskasse mit einen Sparvermögen von 2 Milliarden Franken hält im Schnitt 40 bis 60 Millionen Franken liquide. Gilt der Negativzins langfristig, verliert sie pro Jahr 3 bis 4 Millionen Franken Spar­vermögen.

Rechnet man diesen Verlust auf das Vermögen der 2. Säule hoch, werden den BVG-Versicherten bis Ende Jahr geschätzte 120 bis 180 Millionen Franken allein wegen der von der SNB verfügten Negativzinsen entgehen. Dieser Verlust entspricht fast der Hälfte der gesetz­lichen BVG-Mindestverzinsung.

Negativzinsen als Rentenklau

CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi sagt, es dürfe nicht sein, dass dieses Zwangssparen durch die von der SNB eingeführten Negativzinsen zum Teil rückgängig gemacht wird. «Durch die Einführung der Negativzinsen entsteht eine Art Rentenklau.» Die Einführung von Negativzinsen sei dafür gedacht, Frankenanlagen für ausländische An­leger und Währungsspekulanten unattraktiv zu gestalten. Nun zeige sich, dass auch Schweizer Sozialwerke belastet würden. «Inländische Pensionskassen sind sicher nicht die Spekulanten, die die Frankenstärke herbeiführten.» Der Pensionskassenverband Asip hat deshalb bereits vor drei Wochen bei der SNB die Eröffnung von nullverzinsten Girokonten für Pensionskassen gefordert. Am Montag erhielt er eine Absage. «Der Asip bedauert diesen Entscheid ausserordentlich», erklärt Verbands­direktor und Rechtsanwalt Hanspeter ­Konrad. Er hält den Argumenten der SNB Folgendes dagegen: «Sämtliche Vorsorgeeinrichtungen gelten unseres Erachtens als ‹andere In­haber von Girokonten in Schweizer Franken› gemäss Merkblatt der SNB, auf deren Guthaben in der Regel kein Negativzins erhoben wird.» Das Merkblatt schliesst in der Tat nicht aus, dass Krankenkassen und Pensions­kassen ein zinsloses Girokonto führen können.

Wie reagieren die Kassen? Laut dem Währungsspezialisten Wolfram Klingler von der Firma XTP investieren Pensionskassen ihre liquiden Mittel in kurzfristige Anlagen, die noch nicht in den negativen Bereich abgerutscht sind. Damit gehen sie aber höhere Risiken ein. «Entweder haben sie einen sicheren Verlust oder ein noch höheres Verlustrisiko. Das ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.02.2015, 23:39 Uhr)

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