Widmer-Schlumpf liess Tresore von Verleger räumen

Alain Duménil, Besitzer der Wirtschaftszeitung «L’Agefi», soll dem Fiskus 54 Millionen Franken Einnahmen verschwiegen haben. Nun konfiszierte der Bund 25 Millionen Franken seines Vermögens.

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Investor Alain Louis Edgar Duménil schätzt den Kapitalismus. Der Sohn eines Pariser Privatbankiers ist heute in seiner Wahlheimat Genf im Immobiliengeschäft tätig. Letztes Jahr kanzelte er die Branche vor Ort als «schon fast kommunistisch» ab. Doch Widerspruch ist dem 65-Jährigen, der in Frankreich und der Schweiz regelmässig auf den Reichstenlisten auftaucht, auch genehm. Kapitalismuskritiker inspirieren ihn. Das Feingeistige zieht ihn an. Seine wahre Liebe gilt dem Buch. Duménil ist auch Autor und Verleger. Mit dem höchstdotierten Literaturpreis Frankreichs hat er sich bereits zu Lebzeiten ein Denkmal errichtet. Die Auszeichnung trägt seinen Namen: «Prix Duménil».

In der Westschweiz tritt der Preisstifter, der 1999 die Schweizer Staatsbürgerschaft bekam, als Verleger in Erscheinung. 2009 übernahm er die Wirtschaftszeitung «L’Agefi». 2014 hätte er auch gerne «Le Temps» gekauft. Sein Angebot überzeugte die Zürcher Verlage Ringier und Tamedia aber nicht.

Nun lastet der Verdacht auf Steuerhinterziehung auf Duménil. Der Multimillionär mit Steuersitz Crans-Montana soll gegenüber den Walliser Steuer­behörden Einkünfte in der Höhe von 54 Millionen Franken nicht deklariert haben. Den Vorwurf, ein Fiskaldelikt begangen zu haben, weist Alain Duménil zurück. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Vermögen lagerte in Tresoren

Am 27. November 2013, kurz nach 14 Uhr, marschierten Beamte der Abteilung Strafsachen und Untersuchungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) in die Genfer Wohnung von Alain Louis Edgar Duménil. Sie eröffneten ihm, er stehe im Verdacht, «schwere Steuerwiderhandlungen» begangen zu haben. Wie in solchen Fällen üblich war der «Hausbesuch» von höchster Stelle genehmigt: von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf.

Die ESTV-Fahnder fuhren auch bei zwei weiteren von Duménils Residenzen vor. An vornehmsten Lagen in Genf und Crans-Montana wollten sie Wertgegenstände beschlagnahmen und auch Dokumente zu Geschäftstätigkeiten und Geldflüssen sicherstellen. Die Ermittler fanden rasch, wonach sie suchten. Ein Teil des Reichtums lag in Griffnähe, war aber hermetisch abgeriegelt in drei mobilen und zwei eingemauerten Tresoren. Die Schlüssel rückte Alain Duménil nicht heraus. Also wurden die Tresore versiegelt. Es ging bereits gegen Mitternacht zu, als die Steuerfahnder sich verabschiedeten. Aber sie kamen wieder.

Am 17. Januar 2014 kreuzten sie mit dem Auftrag auf, die Tresore gewaltsam zu öffnen. Zu vier der fünf Tresore verschafften sie sich Zugang. Das Ehepaar Duménil beklagte sich Anfang Februar bei der ESTV, ein eingemauerter Tresor sei derart unsachgemäss und ohne Schutzvorkehrungen geöffnet worden, dass Asbest freigesetzt wurde. Die Eidgenossenschaft solle die Reinigungskosten übernehmen. Die Steuerverwaltung will davon nichts wissen. Duménil rief das Bundesstrafgericht an – und blitzte ab. Die Richter erklärten sich vor wenigen Tagen für «nicht kompetent», im «Asbestfall» zu entscheiden.

Trust auf den Jungferninseln

Alain Duménil und seine Gattin haben sich mit über einem Dutzend weiteren Eingaben beim Bundesstrafgericht gegen Ermittlungsschritte gewehrt, doch bislang weitgehend erfolglos. Am 18. und 20. Februar 2014 durften Steuerfahnder gemietete Safes bei der Crédit Agricole, der Migros-Bank, der Genfer Kantonalbank und der Banque Pictet durchsuchen. Darüber hinaus liessen Steuerfahnder bei Banken in Genf diverse Konten sperren und konfiszierten Immobilien, bei denen sie Alain Duménil als Besitzer vermuteten. Es kam einiges zusammen. Die Steuerverwaltung schätzt den Wert der Beschlagnahmungen auf 25 Millionen Franken. Doch was liegt gegen den Geschäftsmann eigentlich im Detail vor?

Die ESTV geht davon aus, dass Duménil und seine Frau dem Bund, dem Kanton Wallis und seiner Steuergemeinde Montana 54 Millionen Franken Privateinnahmen verschwiegen haben. 37 Prozent dieser Summe, also rund 20 Millionen, sollen dem Fiskus zustehen – exklusive Verzugszinsen. Die 54 Millionen Franken kamen gemäss dem Fiskus zwischen 2003 und 2011 zusammen, zum Teil aus ausserordentlichen Dividenden. Es geht um Aktien des Immobilieninvestors Acanthe Développement SA mit Sitz in Paris und einem Ableger in Genf, den Duménil zu 51 Prozent kontrolliert.

«Wir haben wichtige Argumente»

Auch von Erlösen aus Verkäufen von Aktienoptionen, die er als Boni erhalten haben soll, erfuhr das Steueramt gemäss eigenen Angaben nichts. Ebenso wenig vom Besitz eines Trusts mit dem Namen Anback Trading Limited auf den britischen Jungferninseln. Ein zugehöriges Konto wird von einer Genfer Filiale der Crédit Agricole geführt. Darauf liegen 8,3 Millionen Franken, die dem Fiskus nie gemeldet worden seien.

Ob sich der Verdacht auf «schwere Steuerwiderhandlungen» erhärtet und ob die Beweislast gar für eine Anklage wegen Steuerbetrugs ausreicht, müssen nun die Ermittlungen zeigen. Die ESTV wollte sich zu den Anschuldigungen und zum Stand des Verfahrens nicht äussern. Der Walliser Finanzdirektor Maurice Tornay gab an, nichts über den Fall zu wissen. Duménils Anwalt Alexandre Faltin teilt mit: «Wir haben mehrere wichtige Argumente, die zeigen, dass die Ermittlungen der Steuerverwaltung ungerechtfertigt sind.» Man werde sie direkt der Steuerverwaltung zukommen lassen.

Das Argument des Diplomaten

Alain Duménil hat beim Bundesstrafgericht in Bellinzona unter anderem eine monatliche Auszahlung von 100 000 Franken aus den sichergestellten Millionen verlangt – für den Lebensunterhalt der Familie. Die Richter lehnten dies ab. Auch scheiterte Duménil mit dem Versuch, sich durch diplomatische Immunität vor dem Verfahren zu schützen. Bis vor kurzem war er an der UNO in Genf als Kulturattaché des Staates Madagaskar akkreditiert. Auf seinem Ausweis des Typs S stand: «Der Inhaber dieser Karte geniesst Immunität vor der Gerichtsbarkeit für dienstliche Tätigkeiten.» Doch ein Sprecher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sagte, Duménil habe damit weder ein Privileg noch Immunität genossen.

Die Frage nach der Immunität scheint mittlerweile ohnehin erledigt. Das EDA bestätigt Recherchen des TA, wonach Duménil seine diplomatische Akkreditierung seit dem 2. Mai 2014 los ist. Anwalt Alexandre Faltin erklärt dies so: «2014 fanden in Madagaskar Wahlen statt, und es ist zu einem Machtwechsel gekommen.» Duménil liess via seinen Rechtsvertreter darüber hinaus ausrichten, in Genf habe der madagassische Botschafter gewechselt. Dieser berief neues Personal. Und verzichtete offensichtlich auf die Dienste von Alain Duménil. Als Attaché für den Inselstaat vor Afrika war er schon in Frankreich in die Schlagzeilen gekommen.

Durch diplomatische Noblesse ist Duménil ohnehin nicht immer aufgefallen, wie ein Ereignis vom 7. Oktober 2011 zeigt: Einen Tag nach Erhalt seiner diplomatischen Akkreditierung in Genf hielten ihn auf dem Pariser Place de l’Alma drei Polizisten an. Was Duménil den Uniformierten aus seinem Auto mit Genfer Diplomatennummer heraus gesagt haben soll, protokollierten die Polizisten später in einer Klage, die sie gegen ihn einreichten. Die Internetzeitung ­Mediapart zitierte daraus. «Ihr Polizisten sind Schweine, mit eurem Bericht könnt ihr euch euren Arsch putzen.» Dabei habe er einen Affen nachgeahmt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.08.2014, 23:27 Uhr)

Die nächste Steueraffäre für das Wallis

Die Steueraffäre um den Sittener Weinhändler Dominique Giroud haben die Behörden noch längst nicht bewältigt, da steht ihnen mit dem Fall um den Immobilieninvestor Alain Duménil bereits die nächste Affäre ins Haus. Der Frankoschweizer hat sein Steuerdomizil in Montana, geniesst gemäss in einem Interview gemachten Angaben aber keine Steuerprivilegien. Die vom Fiskus vermutete Deliktsumme im Fall Duménil übersteigt den Fall Giroud um fast das Dreifache. Bei Giroud geht man von nicht deklarierten Privat­einnahmen und Firmengewinnen von rund 20 Millionen Franken aus, Duménil soll 54 Millionen Franken verschwiegen haben. Die Walliser Steuerbehörden wollten sich gestern zur neusten Steueraffäre nicht äussern. Recherchen des TA zeigen: In beiden Fällen denunzierten Dritte mögliche Steuerdelikte, worauf die Walliser Behörden die Eidgenössische Steuerverwaltung einschalteten und ihr das Dossier abtraten. Sowohl Duménil als auch Giroud vertrauen auf Juristen des Genfer Anwaltsbüros Oberson. (phr/tok)

Der Verleger Alain Duménil.

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