Wie Herr L. mit seiner Bank Geld verlor
Von Erich Solenthaler. Aktualisiert am 19.01.2009 10 Kommentare
Herr L. und seine Frau standen kurz vor der Pensionierung, als sie sich 2006 von der Zürcher Kantonalbank einen Finanzplan erstellen liessen. Dieser ergab, dass die Renten von Pensionskasse und AHV ausreichen sollten. Dagegen war das bewegliche Vermögen zu gering, um grössere Eventualitäten im dritten Lebensabschnitt auffangen zu können. Der Finanzplan lief darauf hinaus, dass von der Pensionskasse 250'000 Franken bezogen werden sollten. Dies würde auch die Steuern reduzieren, rechnete die ZKB vor. Herr L. war mit dem Finanzplan einverstanden. Er stellte sich vor, dereinst mit dem bezogenen Kapital die Hypothek auf dem Einfamilienhaus zu reduzieren.
Auf dieser Basis legte der Finanzplan auch die Anlagestrategie fest: Das bezogene Kapital sollte ausschliesslich in Obligationen investiert werden, 60 Prozent davon in Franken, 40 Prozent in Auslandwährungen. Dies entsprach der ZKB-Strategie Zinsertrag. «Bei dieser Strategie wird Ihr Vermögen ausschliesslich in Obligationen und Geldmarktanlagen erstklassiger Schuldner investiert», versicherte die ZKB und empfahl Fonds als geeignetes Mittel. «Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die Diversifikation», hiess die Begründung.
Rechnerisch wäre eine geringe Aktienquote möglich gewesen, aber der Finanzplaner verzichtete ganz auf Dividendenpapiere. Wie er festhielt, wollte der risikoscheue Kunde in erster Linie die Substanz des Vermögens erhalten und regelmässige Einkünfte erzielen. Wie der in Finanzfragen unbewanderte L. bekräftigte, hat er dieses Anliegen verschiedentlich vorgebracht.
Von Anfang an abgewichen
- Von der Auszahlung der Pensionskasse wurden im August 205'000 Franken in Wertschriften investiert. Dabei kam es von Anfang an zu Abweichungen von der Anlagestrategie:
- Um etwas für die Umwelt zu tun, entschied sich der Kunde für einen nachhaltigen Aktienfonds und ein -Zertifikat mit dem Thema erneuerbare Energien. Beide zusammen machten zu Beginn 23 Prozent des Portfolios aus.
- Auf Empfehlung der Kundenberaterin von L. gelangten neben einem Fonds vier einzelne Obligationen ins Portfolio. Sie lauteten auf den kanadischen und australischen Dollar, die norwegische Krone sowie das englische Pfund. Gewählt worden waren sie wegen der hohen Coupons. Sie gelten als Hochzinswährungen und machten zusammen zwei Drittel des Portfolios aus, obwohl sie untereinander eine hohe Korrelation aufweisen. Die Kombination kommt einer konzentrierten Währungswette gleich und verstösst gegen das in der Strategie verankerte Prinzip der Diversifikation.
- Der gesamte Fremdwährungsanteil beträgt über 95 Prozent. Umgekehrt fehlen Papiere in Franken fast ganz. Dabei hätten sie einen Schwerpunkt bilden sollen.
- Statt vollständig auf diversifizierte Fonds zu setzen, wurde ein Drittel des Portfolios in Kollektivanlagen investiert. Die Komposition blieb bis Dezember 2008 unverändert. Es dauerte nicht lange, bis die Talfahrt der beiden Aktienkörbe begann. Das Energie-Zertifikat büsste bis zum Schluss sogar 60 Prozent ein.
Ab Oktober 2008 brachen zudem die Umrechnungskurse der vier Obligationen ein. Die Devisen hatten die Unterstützung durch Carry Trades verloren; andere litten unter den fallenden Rohstoffpreisen; für England wurde immer deutlicher, dass es in eine tiefe Rezession gleiten wird.
Welches im Einzelnen auch immer der Grund für die Devisenverluste war, der fast simultane Zusammenbruch erstaunt nicht: Dem Theorem der ungedeckten Zinsparität zufolge sind nämlich Hochzinswährungen grundsätzlich von Abwertungen bedroht. Dass es so weit kommen würde, war nicht vorhersehbar. Aber es rächte sich, dass dem latenten Währungsrisiko bei der Portfolio-Zusammenstellung nicht Rechnung getragen worden war.
Verlust ist viel zu gross
In der Folge büsste das Portfolio bis Ende Jahr 30,5 Prozent des Startkapitals ein. Das sind 30 Prozentpunkte zu viel. Denn nur gerade 0,5 Prozent hätte L. verloren, wenn die vorgesehene Anlagestrategie kompromisslos umgesetzt worden wäre. Dies zeigt ein Benchmark-Vergleich der Basisstrategie mit den effektiv erwirtschafteten Werten des Portfolios.
Mit anderen Worten: Mit einem passiven, aber strategiekonformen Indexportfolio hätte trotz der Finanzmarkt-Turbulenzen ein nahezu ausgeglichenes Resultat erzielt werden können.
Das ist nicht nur Theorie, denn für Schweizer und ausländische Obligationen existieren indexnahe, diversifizierte Fonds, die ohne Weiteres hätten eingesetzt werden können. Sogar für die nachhaltigen Investments, die L. am Herzen lagen, gibt es Obligationenfonds. Wegen der Umwelt hätte er das Risiko von Aktien nicht auf sich nehmen müssen.
Das aber sei sein Entscheid gewesen - und dafür übernehme er auch die Verantwortung, erklärte L. an einer Aussprache mit der Bank.
Dagegen beklagt er sich, über das in den Anleihen steckende Fremdwährungsrisiken nicht unterrichtet worden zu sein. Erst kurz bevor die erste Obligation fällig wurde, habe er realisiert, dass die Rückzahlung in der ausländischen Währung erfolge, und der Verlust zu realisieren sei.
Kommunikationspanne eingestanden
Die Zürcher Kantonalbank anerkennt ohne Umschweife, dass es im Fall von L. zu einem Fehler gekommen ist und beteiligt sich am Verlust. Mit dem ZKB-Strategiefonds «Einkommen», der dem Finanzplan am ehesten entspricht, hätte die Einbusse für den Kunden 31'600 Franken betragen. Die ZKB übernimmt die Differenz zum effektiv eingetretenen Schaden, also rund 28'000 Franken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.01.2009, 16:19 Uhr
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