«Die EZB hätte dem Fed früher folgen sollen»

Ben Bernanke, der frühere Chef der amerikanischen Notenbank, verteidigt seine Geldpolitik während der Finanzkrise.

«Die Krise hat der Ökonomenzunft definitiv nicht gut getan»: Ben Bernanke, ex-Chef der Fed. Foto: Kristoffer Tripplaar (ddp images)

«Die Krise hat der Ökonomenzunft definitiv nicht gut getan»: Ben Bernanke, ex-Chef der Fed. Foto: Kristoffer Tripplaar (ddp images)

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Wenn Sie heute auf Ihre Zeit als Chef der US-Notenbank Fed zurückschauen – gibt es etwas, das Sie anders machen würden?
Das Fed und auch die anderen Regulierungsbehörden sind sich der Probleme im Vorfeld der Krise nur langsam bewusst geworden. Vor allem haben wir nicht rechtzeitig davor gewarnt, dass die Verluste am Hypothekenmarkt eine ­Panik im gesamten Finanzsystem auslösen würden. Als wir das Problem dann erkannten, haben wir versucht, die ­Panik einzudämmen. Auch eine bessere Kommunikation wäre wichtig gewesen. Wir waren damals so darauf bedacht, das Feuer zu löschen, dass wir nicht ­genug Zeit darauf verwandt haben, zu erklären, was wir da gerade taten und weshalb.

Nur wenige Ökonomen haben vor der Krise gewarnt. Glauben Sie, dass infolge der Krise jetzt mehr Misstrauen gegenüber Ökonomen herrscht?
Definitiv, diese Krise hat dem Ruf der Ökonomenzunft nicht gerade gutgetan. Dabei haben die Volkswirte die zugrunde liegenden Mechanismen der Krise durchaus verstanden. Wenn eine Brücke einstürzt, dann verstehen die Ingenieure die Ursachen für den Einsturz, auch wenn sie vorher vielleicht nicht erkannt haben, dass ebendiese Brücke ein Problem hatte, das zu dem Einsturz führen würde. Mir war damals klar, dass wir es mit einem Banken-Run zu tun hatten, ich hatte die Geschichte der Banken­krisen im 19. und 20. Jahrhundert erforscht. Doch diesmal fand die Krise in einem sehr globalisierten und komplexen Finanzsystem statt und erschien mir im Detail doch ganz anders als frühere Panikwellen. Ich brauchte einige Zeit, um zu erkennen, dass es sich im Grunde genau darum handelte.

Stimmt es, dass Sie vor ein paar Jahren selbst Probleme hatten, Ihre Hypothek bei der Bank zu refinanzieren?
Ich wollte meine Hypothek refinanzieren, also griff ich nach einem Telefonbuch, rief bei einer Bank an und erklärte ihnen ganz informell mein Anliegen. Der Bankangestellte fragte mich, ob ich Arbeit habe, und da ich das Fed gerade verlassen hatte, antwortete ich wahrheitsgemäss, dass ich selbstständig sei. Er fragte mich, ob ich eine Steuererklärung mit meinen Einkünften der letzten zwei Jahre vorlegen könnte. Als ich das verneinte und ihm die der vergangenen sechs Monate anbot, antwortete er: «Ich glaube nicht, dass ich ihnen helfen kann.» Ich hatte ihm bis dahin weder meinen Namen noch meine Einkünfte genannt.

Und was passierte dann?
Ich habe das dann öffentlich als Beispiel dafür verwendet, dass Regeln und Vorschriften zwar generell konstruktiv sind, manchmal aber auch zu weit gehen. In meinem konkreten Fall hätten die Bestimmungen einen Kredit verhindert, weil die Zusage mit bestimmten Einkommensnachweisen verbunden war. Kaum hatte ich die Geschichte erzählt, bekam ich 30 Angebote.

Wird es in den USA negative Zinsen wie in der Eurozone, Japan oder der Schweiz geben?
Das halte ich für unmöglich, denn die Wirtschaft in den USA wächst ja: Das Fed hat die Zinsen erhöht, es gibt Vollbeschäftigung, und wenn nötig, können die Währungshüter um Janet Yellen auch noch andere Massnahmen ergreifen. Es ist auch die grundsätzliche Frage, ob das Fed die rechtliche Befugnis für die Einführung von negativen Zinsen hat. Davon sind wir weit entfernt.

Was gibt es sonst noch an Abwehrmöglichkeiten gegen eine zu schwache Konjunktur?
Ich hoffe, dass es nicht notwendig sein wird, weitere Massnahmen zu ergreifen. Das Beste wäre ein Gleichgewicht zwischen Geld- und Finanzpolitik.

Was erhoffen Sie sich vom nächsten Präsidenten der USA?
Einen Wirtschaftsplan, der die US-amerikanische Wirtschaft produktiver macht – was dann wiederum ein besseres Steuersystem, eine bessere Ausbildung sowie mehr Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung mit sich brächte und letztendlich dadurch auch das allgemeine Wachstum ankurbeln würde, unabhängig von irgendwelchen Massnahmen der Zentralbanken.

«Die Europäische Währungsunion hat eine einheitliche Geldpolitik, aber keine gemeinsame Währungspolitik.»

Die Republikaner kritisierten Ihre Politik scharf. Befürchten Sie Folgen aus so radikalen Reden wie denen von Donald Trump als Präsidentschaftskandidat?
Es beunruhigt mich, dass einige Kandidaten die Unabhängigkeit der amerikanischen Notenbank ernsthaft anzweifeln und das ändern wollen. Das wäre ein grosser Fehler. Es gibt viele Vorschläge zu einer Reform des Fed, von denen ­allerdings viele nicht wirklich durchdacht sind. Ich hoffe, der zukünftige US-Präsident denkt sehr genau darüber nach, wie er seine Ziele erreichen kann, ohne die Unabhängigkeit der Geldpolitik zu gefährden. Geldpolitik kann nie die einzige Option sein, aber es ist ein mächtiges Werkzeug in Krisenzeiten. Sie einzuschränken, wäre keine gute Idee

Glauben Sie, dass die Erhöhung der Zinssätze durch das Fed im Dezember verfrüht war?
Ich möchte Entscheidungen von Janet Yellen nicht öffentlich beurteilen. Ihre Arbeit ist schon schwierig genug.

Manchen Menschen wird allerdings geradezu schwindelig angesichts der enormen Geldflut, die die Notenbanker in den vergangenen Jahren ausgelöst haben.
Man muss sich das Kosten-Nutzen-Verhältnis genau anschauen. In einer Welt, in der die Fiskalpolitik nichts tut, in der sich die Wirtschaft in einer Rezession befindet und die Arbeitslosigkeit bei zehn Prozent liegt, scheint eine aggressive Geldpolitik angemessen. Rück­blickend hat die beherzte Geldpolitik der Vereinigten Staaten und Grossbritanniens mit dazu beigetragen, dass sich die Wirtschaft dort schneller wieder erholt als in Europa. In den USA liegt das Bruttoinlandprodukt fast zehn Prozent über dem Höchstwert vor der Krise, während es in Europa praktisch gleich geblieben ist. Viele der negativen Folgen, die die Leute anfangs befürchteten – wie Inflation, Absturz des Dollars, Spekulationsblasen, Ungleichheit –, sind nicht eingetreten. Da niemand anderes gehandelt hat, sind die Zentralbanken in die Bresche gesprungen.

Es gibt auch einige, die behaupten, dass sich das Problem der Ungleichheit in den Vereinigten Staaten durch diese Anreize noch verschlimmert hat.
Das stimmt nicht. Die Ungleichheit ist ein erhebliches Problem, das in den vergangenen vier Jahrzehnten durch die Globalisierung, strukturelle Veränderungen und neue Technologien begünstigt wurde. Ganz ehrlich: Der wichtigste Effekt der Geldpolitik war die Schaffung von Millionen von Arbeitsplätzen zum Wohl der Bevölkerung. Sicherlich, auch die Aktienkurse sind gestiegen, weil die Unternehmensgewinne gestiegen sind. Aber das ist auch eine Folge davon, dass sich die Wirtschaft erholt hat.

Wenden wir den Blick nach Europa. Was würden Sie Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), empfehlen?
Mario Draghi tut das, was im Rahmen seines Mandats möglich ist. Das heisst, er arbeitet hart daran, das Inflationsziel zu erreichen. Entscheidend ist allerdings, dass die Fiskalpolitik – also die Konjunkturpolitik über die Staatsausgaben – sich stärker einbringt. Und Mario hat auch genau das gefordert.

«Die Deutschen sagen: Deutschland geht es gut, also brauchen wir keinen zusätzlichen finanzpolitischen Impuls, selbst wenn wir den Spielraum dafür haben.»

Aber Wachstum und Inflation sind trotz aller Bemühungen der EZB in Europa nach wie vor schwach. Das Konzept von Mario Draghi scheint nicht auszureichen.
Da stimme ich zu. Es hat einige Jahre gedauert, bis die EZB ähnliche Massnahmen wie das Fed oder die Bank of England ergriffen hat. Und diese Verzögerung hat Europa viel Geld gekostet. Zudem war die Fiskalpolitik in Europa relativ strikt. Mittlerweile ist sie zwar auf einen neutraleren Kurs eingeschwenkt, aber viele Jahre lang war das ein echtes Hindernis für die Erholung. Genau deshalb steht die EZB jetzt auch mehr unter Druck als das Fed. Und genau wie in den USA wäre ein ausgeglichener Ansatz, der die Fiskalpolitik stärker in die Pflicht nimmt, der bessere Weg.

Das Problem in Europa besteht doch darin, dass die Situation in allen Euroländern völlig unterschiedlich ist: Fiskalimpulse in Spanien etwa treiben das bestehende Staatsdefizit noch stärker in die Höhe, während in Deutschland der Haushalt schon ausgeglichen ist.
Die Geldpolitik in Europa verbindet Spanien und Deutschland genauso, wie es die US-Geldpolitik mit Bundesstaaten wie Alabama und New York tut. Der Unterschied ist, dass in den USA eine Zentralregierung eine Fiskalpolitik betreibt, die im Interesse des gesamten Landes ist. In der Eurozone wiederum gibt es eben keine Finanzbehörde, die die Interessen der gesamten Währungsunion vertritt. Vielmehr denkt jedes Land zunächst an seinen eigenen Vorteil. Die Deutschen sagen deshalb: Deutschland geht es gut, also brauchen wir keinen zusätzlichen finanzpolitischen Impuls, selbst wenn wir den Spielraum dafür haben. Dabei ist der hohe Handelsbilanzüberschuss in Deutschland ein Beispiel für die Probleme, denn er sorgt dafür, dass die Nachfrage in anderen Volkswirtschaften zurückgeht.

Was tun?
Ehrlich gesagt ist das die ganz grosse Schwäche des Euro: Die Währungsunion hat eine einheitliche Geldpolitik, aber keine gemeinsame Fiskalpolitik. Was Europa also braucht, ist eine stärkere Koordinierung zwischen den Euromitgliedsländern. Geschieht das nicht, wird die Wirtschaft viel länger brauchen, um sich zu erholen.

Die Kritik, die in Deutschland an der EZB geäussert wird, halten Sie also für falsch?
Zumindest in der Hinsicht, dass viele deutsche Politiker und Medien sich vehement sowohl gegen einen aggressiven geldpolitischen Ansatz als auch gegen einen lockeren Kurs in der Fiskalpolitik gestellt haben. Aus meiner Sicht ist es ein Fehler, allein auf Strukturreformen zu vertrauen, wenn eine Ökonomie unter hoher Arbeitslosigkeit leidet und das Wachstum weiter unter seinem Potenzial dümpelt.

Weil solche Reformen mittelfristig wirken und die Krise sofort gelöst werden muss?
Strukturelle Reformen sind wichtig, diesbezüglich gibt es in Europa einiges zu tun, damit die Wirtschaft effizienter und produktiver wird. Doch im Falle einer hohen Arbeitslosigkeit braucht man eben auch kurzfristige geld- und ­fiskalpolitische Massnahmen. Die Deutschen könnten mehr für Infrastruktur ausgeben und die Löhne der deutschen Arbeitnehmer erhöhen, das würde den Konsum im Inland anregen und die Bedeutung des Exports relativieren.

Quelle: El País. Übersetzt aus dem Spanischen von Bettina Schneider.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2016, 20:02 Uhr

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Ben Bernanke war von 2006 bis 2014 Chef der US-Notenbank Fed. Damit sass er an der weltweit wichtigsten wirtschaftlichen Schaltstelle während und nach der Finanzkrise, die im Jahr 2008 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die von ihm betriebene Rettung von Gross­banken und seine unkonventionelle massive Ausdehung der Geldmenge werden bis heute kontrovers diskutiert. Vor seiner Zeit als Fed-Chef war Bernanke wirtschaftlicher Chefberater unter Präsident George W. Bush (2005–2006) und zuvor (2002–2005) bereits Mitglied des Fed-Boards, also des obersten Gremi­ums der Fed. Schon vor dieser Zeit galt er als einer der führenden Experten der Geldpolitik, aber auch der Grossen Depression der 1930er-Jahre. Im Herbst 2015 ist seine Biografie unter dem Titel «The Courage to Act» (Der Mut zu handeln) erschienen. (mdm)


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