Goldrausch im wilden Osten

Im Kongo wird in Flüssen tonnenweise Gold illegal gefördert. Rebellengruppen verdienen kräftig mit, und die höchsten Politiker haben kein Interesse daran, etwas zu ändern.

Die glitzernden Splitter werden mit Teppichen aufgefangen: Goldförderung in Shabunda. Foto: Alex Kopp

Die glitzernden Splitter werden mit Teppichen aufgefangen: Goldförderung in Shabunda. Foto: Alex Kopp

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Plamedi steht in Siegerpose auf dem Floss, um sich selber Mut zu machen, bevor er in den braunen Fluss hinabsteigt. Er ist der Held der 25-köpfigen Crew, denn seine Arbeit ist die gefährlichste. Mit einem pumpenbetriebenen Schlauch saugt der Taucher losen Kies und Sand in bis zu 12 Meter Tiefe an. Im Schnitt stirbt in Shabunda ein Taucher pro Monat, meist weil er sich im Dunkel des trüben Gewässers so in das Flussbett eingräbt, dass ausgehöhlte Sedimentmassen über ihm zusammenbrechen und ihn zuschütten. Das angesaugte Geröll wird auf dem Floss über eine Waschrinne befördert, wobei der mit glitzernden Goldsplittern gespickte feine Sand in darauf platzierten Teppichen liegen bleibt.

Bereits 175 der selbst gebauten Gefährte sind inzwischen auf den Flüssen des kaum zugänglichen Territoriums Shabunda im Osten des Kongo auf Goldsuche. Die so geförderte Menge ist beträchtlich. Über 7 Tonnen Gold holen die Dragues genannten Flosse pro Jahr aus dem Fluss Ulindi, so die Schätzung einer regionalen Koalition von NGOs ­namens Cosoc, die einen ausführlichen Bericht über deren Praxis und Missstände veröffentlicht hat. Dies entspricht fast der Menge der im ersten Halbjahr 2014 offiziell exportierten Goldmenge aus dem rohstoffreichen Land. Doch die legal exportierte Menge entspricht nur einem Bruchteil des im Kongo geförderten Golds. Die UNO schätzt, dass 98 Prozent des im Kleinbergbau produzierten Golds die Grenzen der Demokratischen Republik Kongo illegal passieren.

Der kongolesische Staat hat verschiedene internationale Abkommen unterzeichnet, die zu einem energischen Vorgehen gegen Konfliktrohstoffe durch einen Zertifizierungsmechanismus verpflichten. Durch diesen soll die blutige Spirale von Mineralien, Waffenkauf und Gewalt durchbrochen werden. Seit Januar 2014 darf nur noch zertifiziertes Gold, Coltan, Zinn und Wolfram aus dem Osten des Kongo exportiert werden. Shabunda erfüllt bisher die geforderten Bedingungen nicht, da sowohl Militärs als auch Rebellengruppen in den Rohstoffhandel involviert sind. Sämtliches aus Shabunda stammendes Gold wird illegal ausgeführt.

Gefährliche Dämpfe

Plamedis Leute amalgamieren die kleinen Goldsplitter mit Quecksilber zu ­silbrigen Klumpen, welche sie erhitzen. Zurück bleibt das Rohgold. Das ist eine vielerorts übliche Praxis im Kleinbergbau, aber nach kongolesischer Gesetz­gebung illegal. Die meisten der Gold­sucher ­wissen nicht um die Gesundheits- und Umweltgefahren von Quecksilber, sie berühren das toxische Metall mit blossen Händen und atmen dessen Dämpfe ein. Über einer Tonne Quecksilber wird pro Monat von den Goldsuchern verbraucht, und es ist zu vermuten, dass einiges davon auch in den Fluss und so in die Nahrungskette der Anwohner gerät.

Eigentlich wäre die staatliche Behörde Saesscam dafür zuständig, die Bergarbeiter über solche Gefahren zu informieren und ganz allgemein den Kleinbergbau zu formalisieren. Doch die meisten Bergleute können sich nicht erinnern, dass sie schon einmal an einer Ausbildung von Saesscam teilgenommen oder gar Arbeitsgeräte erhalten haben. Trotzdem ist die Behörde allen ein Begriff, denn sie kriegen täglich Besuch von ihren Beamten. Zuverlässig kommt vor dem Eindunkeln ein Agent, um 10 Prozent der Produktion einzuheimsen, gerne in Begleitung von bewaffneten Soldaten, sodass sich langwierige Diskussionen erübrigen, die sich aus der Tatsache ergeben könnten, dass für die Steuerpraxis keine Gesetzesgrundlage besteht.

Was mit der happigen Summe passiert, ist im Detail nicht klar. Jedenfalls gelangt kein Cent davon in die Staatskasse, genauso wie auch die Abgaben an andere Staatsdienste und den traditionellen Häuptling keine Spuren von öffentlichen Investitionen in die rurale Infrastruktur hinterlassen haben.

Shabunda Centre gleicht einer Wildweststadt, wie man sie aus Sergio-Leone-Filmen kennt. Ein paar staubige Strassen formen den Ortskern. Der Goldhandel dominiert sichtlich das städtische Leben. Die Ankaufsstellen von Goldverkäufern und Buden mit Tauchanzügen und Schläuchen reihen sich aneinander.

Die Bevölkerung Shabundas hat auf die florierende Goldwirtschaft zunächst positiv reagiert. Seit Anfang des Jahres kamen immer mehr Goldsucher aus der Nachbarprovinz den Fluss mit motorbetriebenen Booten und Schwimmbaggern im Schlepptau hochgefahren. An Tagen mit guten Funden trinken sie gerne ein paar überteuerte Bier über den Durst, die mangels befahrbarer Strasse per Flugzeug aus der Provinzhauptstadt importiert werden.

Die kongolesische Bevölkerung kennt ihren Staat in erster Linie als Ausbeuter, vor dem es sich möglichst zu ducken gilt, wenn die gierige Classe politique wieder zugreifen will. Diese bereits von der belgischen Kolonialmacht ausgeübte Praxis haben der Diktator Mobutu und seine Nachfolger beibehalten. Einen Begriff von öffentlichen Gütern, die vom Staat für die Allgemeinheit erbracht werden, gibt es deshalb kaum.

Längst hat sich der Goldrausch in Shabunda auch in der Provinzhauptstadt Bukavu herumgesprochen. Eine Aufzählung der geschäftstüchtigen Persönlichkeiten, die in der Folge Mittelsmänner engagiert haben, um für sie nach Gold zu tauchen, liest sich wie ein Who’s who der bedeutendsten Politiker, Armeeangehörigen und Chefbeamten der Millionenstadt. Entsprechend haben die Entscheidungsträger wenig Interesse, an der Situation etwas zu ändern.

In Bukavu stellen sie sicher, dass das aus Shabunda ausgeflogene Gold über die östlichen Nachbarländer seinen Weg nach Dubai findet, wo die Kontrollen besonders lasch sind. Verschmolzen mit Gold anderer Herkunft, gilt es nunmehr als konfliktfrei und dürfte so auch in die Schweiz gelangen. Die Schweiz ist eines der wichtigsten Exportländer für Gold aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Hintermänner in Bukavu haben kaum Sanktionen zu fürchten, denn fast jeder in Bukavu, der dem illegalen Rohstoffhandel einen Riegel vorschieben könnte, ist selber beteiligt. Ausser ein paar politisch motivierten Bestrafungen wurde deswegen noch niemand hinter Gitter gebracht.

Auch eine chinesische Firma namens Kunhou Mining Group hat vom Goldrausch Wind bekommen und sich mit vier industriell betriebenen Schwimmbaggern, die viel potenter als die kongolesischen Konstruktionen sind, in einer besonders produktiven Zone nieder­gelassen. Dass die Rebellengruppe Raia Mutomboki das Gebiet kontrolliert, bedeutete für die Firma nur eine kleine Hürde. Die interkulturellen Kommunikationsprobleme konnten sie rasch überwinden dank der universell verständlichen Sprache von Schmiergeldern.

Konflikt um Rohstoffe

Die Raia Mutomboki ist eine von vielen ostkongolesischen Rebellengruppen, die sich als eine Art Bürgerwehr formiert haben, um die lokale Bevölkerung vor Übergriffen der kongolesischen Armee oder anderer bewaffneter Gruppen zu schützen. Zunächst fand die Raia Mutomboki grosse Unterstützung bei den traditionellen Chefs und der Bevölkerung, hat sich aber immer deutlicher zu einer brutalen Miliz gewandelt, die die lokale Bevölkerung terrorisiert und Hunderte von Zivilisten getötet hat.

Dies hinderte allerdings die Provinzregierung in Bukavu nicht daran, im September letzten Jahres eine hochrangige Delegation nach Shabunda zu schicken, um die chinesische Firma feierlich zu begrüssen und deren Extraktionsaktivitäten im Feindesland mit dem Zerschneiden des weissen Bandes offiziell zu eröffnen. Noch weniger Berührungsängste zur Rebellengruppe zeigt die lokale Vertretung des Minenministeriums in Shabunda, die mit der Raia Mutomboki aushandelt, wer wie viel Steuern erhebt, und der Staatsdienst Saesscam lässt die Rebellen im besetzten Gebiet gar für sich Steuern einziehen.

Bei vielen Konfliktherden im Osten des Kongo geht es schon seit langem zuallererst um den Zugang zu Rohstoffen. Das Beispiel Shabunda zeigt, dass sich nach Jahren des Blutvergiessens zwischen den Konfliktparteien Kooperationen eingestellt haben. Ob abgesprochen oder in unausgesprochener Übereinkunft teilen Militärs und Rebellengruppen Minen unter sich oder arbeiten gar Seite an Seite in der gleichen Mine. Rebellen, hohe Militärs sowie Politiker und Chefbeamte finden sich im gleichen mafiösen Netzwerk wieder, dessen Fraktionen sich je nach Interessen- und Machtkonstellation konkurrieren oder unterstützen. Dass sich so ein stabiles Gleichgewicht einstellt, ist zweifelhaft, bedenkt man, dass Konfliktursachen um ethnische Identität und Landnutzung weitgehend ungelöst und der Kauf von Waffen leicht bleiben. Klar ist jedoch, dass bei den Deals der Mächtigen das Gros der Bevölkerung auf der Strecke bleibt.

Eine Meute mit Macheten

Doch die Bewohner Shabundas schauen dem kriminellen Treiben um ihren Fluss nicht mehr unbeteiligt zu. Der Unmut der Bevölkerung ist übergeschwappt, als der Körper eines kongolesischen Angestellten der chinesischen Firma ohne Kopf und Geschlecht in einem Plastiksack aufgefunden wurde. Gerüchten zufolge, die schwer überprüfbar sind, liess die chinesische Firma den Mitarbeiter umbringen, weil er Gold gestohlen habe. Mit Macheten bewaffnet hat eine Meute das Gelände der Firma gestürmt, sodass die Angestellten bei der Armee Zuflucht suchen mussten. Ein paar Tage später haben die erbosten Bewohner den höchsten staatlichen Vertreter in Shabunda vertrieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2015, 20:17 Uhr

Schweiz ist wichtige Drehscheibe

Im weltweiten Goldhandel nimmt die Schweiz aufgrund zahlreicher Raffinerien eine bedeutende Drehscheibenfunktion ein. 2014 hat die Schweiz rund 2243 Tonnen Rohgold importiert. Dies entspricht etwa der Hälfte dessen, was gemäss der Branchenorganisation World Gold Council weltweit in den Goldminen gefördert oder durch Altgoldreycling gewonnen wurde. Direkt aus dem Kongo wird kaum Gold in die Schweiz importiert – 2014 wurde laut Aussenhandelsstatistik gar kein Gold von dort eingeführt, dieses Jahr waren es gerade einmal 2 Kilogramm.

Falls Gold aus dem Osten des Kongos in die Schweiz gelangt, tut es dies über andere Länder wie beispielsweise die Arabischen Emirate. Die Schweizer Goldraffinerien – zum Beispiel Metalor in Neuenburg oder Argor Heraeus in Mendrisio – stehen wegen der Intransparenz ihrer Bezugsquellen immer wieder in der Kritik diverser Menschenrechtsorganisationen. (rj)

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