Ruhestand? Lieber noch nicht!

Dem Fachkräftemangel könnte mit neuen Pensionierungsmodellen begegnet werden. Dies wäre im Interesse vieler Pensionierter, die weiterarbeiten wollen.

Über 65 hinaus noch zur Arbeit: Fachkräfte wünschen sich flexiblere Pensionierungsmodelle. Bild: Everett Kennedy Brown /Keystone

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«Mit 62 in die Pension und dann eine Gartenhacke als Abschiedsgeschenk? Das fehlt gerade noch!» Nils Gehrig, Direktionsmitglied bei der Axa-Winterthur, wollte keinesfalls derart abrupt aus der Arbeitswelt verschwinden. Er konnte sich mit seinem Arbeitgeber einigen: Er wird seine Führungsposition abgeben und nur noch Projektarbeit leisten – bei gleichzeitig schrittweiser Reduktion des Arbeitspensums bis zum AHV-Pensionierungsalter. Gehrig stünde auch die Möglichkeit offen, über diesen Zeitpunkt hinaus zu arbeiten – wie sein Axa-Kollege Markus Amstutz, der ­weiterhin einige Tage pro Monat beim Versicherer tätig ist.

Flexibilität bei der Pensionierung entspricht einem Bedürfnis, wie eine interne Befragung bei Axa-Winterthur ergeben hat: Mitarbeitende über 50 möchten je zu einem Drittel regulär, frühzeitig oder schrittweise in Rente gehen. Aber möchten sie auch über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeiten? Obwohl der Versicherer das anbietet, sagt er nicht, wie viele es sind. Es dürften ­wenige sein.

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Die meisten Arbeitgeber bieten heute Modelle für eine vorzeitige oder ordentliche Pensionierung an. Die Weiterbeschäftigung über das Pensionierungs­alter hinaus ist dagegen eher ein Randphänomen. So erklärt etwa Novartis, dass dieses Bedürfnis «deutlich geringer» sei als jenes nach einer vorzeitigen Pensionierung. Auch die ZKB spricht von ­einem geringen Interesse. Dabei spräche einiges dafür: «Ältere Mitarbeiter im Betrieb zu halten, die Produkte, Kunden und Lieferanten kennen, ist eine ‹low hanging fruit›, um Personal­engpässe zu entschärfen», umschreibt Jérôme Cosandey, Vorsorgespezialist bei Avenir Suisse, die Lage angesichts des aktuellen Fachkräftemangels. Die Lage werde sich durch die Pensionierungswelle der Babyboomer (Jahrgänge 1955 bis 1964) noch verschärfen.

Lösung nach Norweger Art

Warum es viel mehr Silver Worker ­geben sollte, wie über 65-jährige Berufstätige auch genannt werden, sagte der mittlerweile 69-jährige frühere SBB-Chef Benedikt Weibel in der «Schweiz am Sonntag»: «Die Silver Worker ver­bessern ihr Einkommen, sie haben Spass an der Arbeit, die Unternehmen profitierten von ihrer Erfahrung, und das Land sichert sich genügend Arbeitskräfte.» Und: «Je mehr Silver Worker tätig sind, desto mehr werden die Sozialwerke ­entlastet.» Genau aus diesem ­letzteren Grund möchten Politiker und ­Demografieexperten das Rentenalter lieber heute als morgen hinaufsetzen, beispielsweise auf 67 Jahre. Weil dies politisch höchst umstritten ist, plä­dieren andere für eine Lösung nach ­Nor­weger Art: Die Menschen wählen den Zeitpunkt ihres Ruhestandes ­zwischen 60 und 70 selber.

Einen Schritt in diese Richtung haben die Bundesverwaltung, die Berner Kantonalbank oder die Versicherer Mobiliar und Swisslife gemacht. Sie bieten ihren Angestellten die Möglichkeit, bis zum 70. Altersjahr zu arbeiten.

Und was halten die Werktätigen davon? 2012 ergab eine Studie von Infras, dass ein Fünftel der Arbeitnehmer über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeiten möchte. Ein Jahr später zeigte eine Umfrage an der Uni Zürich und der ETH Zürich, dass sich 80 Prozent der Befragten eine Weiterbeschäftigung vorstellen könnten. Als Motiv gaben sie an, dass sie sich gesund und aktiv fühlten und sich zu jung für ein Arbeitsende mit 65 fänden. Die Bundesverwaltung sondierte 2014 die Befindlichkeit unter ihren Angestellten. Knapp ein Fünftel möchte über das ordentliche Pensionierungsalter hinaus arbeiten. Je höher die Lohnklasse, desto mehr Befragte votierten für diese Alternative.

Keine Garantie für Weiterbeschäftigung

Gemäss Erwerbstätigenstatistik des Bundes ist der Anteil der 65-Jährigen und Älteren seit 2000 von 9 auf rund 12 Prozent im letzten Jahr angestiegen. Ob sich dieser Wert noch steigern lässt, hängt vorläufig von der Bereitschaft der Arbeitgeber ab. Die Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bei Firmen und bei der ­öffentlichen Hand macht klar: Eine Garantie für eine Weiterbeschäftigung gibt es nicht, die Lösung muss sich für den Arbeitgeber rechnen.

Der Kanton Zürich lässt eine Weiterbeschäftigung über das 65. Altersjahr nur in Ausnahmefällen und befristet auf höchstens ein Jahr zu. Von den rund 33'000 Angestellten arbeiteten Ende Jahr 233 Personen über die Alterslimite hinaus. In der Stadt Zürich kann die Pensionierung ausnahmsweise bis zum vollendeten 66. Altersjahr aufgeschoben werden. In den letzten Jahren betraf dies im Schnitt jährlich 7 Personen. Bei der Bundesverwaltung, wo das Rentenalter bis 70 hinausgeschoben werden kann, waren Ende 2014 74 Silver Worker tätig, wie der Bundesrat bei der Beantwortung eines Postulats Mitte 2015 bekannt gab.

«Rentner, seid willkommen», könnte das Motto bei der Post heissen. Derzeit arbeiten 877 Personen im Alterssegment 65 plus. Sie sind vor allem in der Frühzustellung von Zeitungen und beim Postautodienst tätig. Auch der Agrarkonzern Fenaco beschäftigt mit 143 Personen auf insgesamt rund 10'000 Angestellte relativ viele Pensionierte, meistens Fachspezialisten, die ihr Wissen an die Nachfolger weitergeben sollen. Viele von ihnen arbeiten als Teilzeiter.

Pensum vor 65 senken

Einen anderen Weg haben die SBB eingeschlagen. Seit letztem Mai können Mitarbeitende ab 60 das Modell Activa wählen. Es erlaubt ihnen, das Arbeitspensum vor dem ordentlichen Pensionierungsalter zu senken und dafür über die Pensionierung hinaus reduziert weiterzuarbeiten. Die Verlängerung ist auf drei Jahre ­limitiert. Laut SBB haben sich rund 10 Leute für das Modell entschieden, jedoch wird mit einem Anstieg gerechnet.

Die Eisenbahnergewerkschaften stehen diesen Verlängerungen skeptisch gegenüber, wittern sie doch dahinter einen Versuch, das Pensionierungsalter schleichend zu erhöhen. Die SBB weisen dies zurück. Mit zwei weiteren Programmen können Tieflöhner und Leute mit starker Belastung je nach Variante ohne oder nur mit geringen finanziellen Einbussen in den vorzeitigen Ruhestand treten.

Die SBB-Pensionierungsmodelle werden offenbar auch in anderen Unternehmen studiert. Darunter dürfte der Pharmakonzern Roche fallen. Auf Anfrage erklärte eine Roche-Sprecherin, dass derzeit ein umfassendes Programm in der Entwicklung sei, das in den nächsten Monaten abgeschlossen werde. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.02.2016, 23:43 Uhr)

Die Lösung

Über das Rentenalter hinaus arbeiten

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