«Ab 55 sollten die Löhne nicht mehr steigen»

Swissmem-Präsident Hans Hess will die Kosten für ältere Arbeitnehmer senken – und sie länger beschäftigen.

Hans Hess: «Das Lehrlingsmodell ist absolut marktgesteuert.» Foto: Keystone

Hans Hess: «Das Lehrlingsmodell ist absolut marktgesteuert.» Foto: Keystone

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In der Maschinen-, Elektro- und Metallbranche gehen jedes Jahr 17'000 Mitarbeiter in Pension. Wie ersetzen Sie diese?
Ich schätze, dass etwa 6000 dieser Stellen mit Lehrabgängern besetzt werden können. Für die restlichen 11'000 Stellen muss rund die Hälfte der Mitarbeiter im Ausland rekrutiert werden.

Können die Unternehmen alle Lehrstellen besetzen?
Nein. 2011 fanden wir für 7 Prozent der Lehrstellen keine Jugendlichen, 2012 und 2013 waren es noch 5 Prozent. Die Situation hat sich noch nicht entspannt, aber stabilisiert. Als Verbandspräsident trete ich fast jede Woche irgendwo auf und werbe für die Berufslehre. Wir wollen auch Jugendliche mit guten Noten und deren Eltern davon überzeugen, dass die Berufslehre eine spannende ­Alternative ist. So hat man etwas in der Hand und kann dann immer noch eine Karriere darauf aufbauen.

Bieten die Industrieunternehmen denn genügend Lehrstellen an?
Ja. Das ist das Fantastische am Schweizer Lehrlingsmodell: Es ist absolut marktgesteuert. Die Unternehmen definieren, wie viele Polymechaniker oder Konstrukteure sie benötigen. Diese Zahl rechnen sie dann oft mal zwei, weil nicht alle Lehrlinge nach der Lehre in der Firma bleiben. So viele Lehrstellen werden dann ausgeschrieben.

Um den Fachkräftemangel zu ­bekämpfen, fordern Sie, dass ­Angestellte über das Pensionsalter hinaus weiterarbeiten können. Wollen die das überhaupt?
Es gibt einige Unternehmen, die solche Modelle haben. Sie machen relativ gute Erfahrungen damit. Es ist jedoch fast nie so, dass die 65-Jährigen mit gleichem Pen­sum weiterarbeiten wollen. Wir sehen das Modell so, dass man etwa bis 60 voll arbeitet, dann noch vier Tage pro Woche, ab 63 vielleicht noch drei Tage und ab 65 noch zwei Tage. Mit 68 Jahren dann nicht mehr oder noch einen Tag.

Sind die Unternehmen bereit, Ihr Vorhaben mitzutragen? Teilzeitjobs machen den Alltag für KMU doch komplizierter.
Wir haben in der Schweiz zu wenig Geburten, und gleichzeitig werden wir nun Probleme haben, Ausländer zu rekru­tieren. Das muss den Unternehmen bewusst werden.

Ein Wegfall der ­Personenfreizügigkeit könnte in diesen Bereichen Druck machen auf die Firmen . . .
Ja, wenn die ausländischen Fachkräfte knapp werden, wird es diesen Effekt haben. Aber wenn die Bilateralen gekündigt werden, hat dies leider auch noch viele negative Nebenwirkungen.

Welche?
Etwa, dass sich die Schweiz nicht am EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 beteiligen kann.

Gibt es Unternehmen, die nun ­Forschungsprojekte abblasen ­müssen?
Ja – oder sie führen sie in einer ausländischen Tochterfirma durch. Ich sehe das bei Comet, deren Verwaltungsratspräsident ich bin: Hier werden Forschungsprojekte an unseren Standort in Hamburg verlagert, weil man in Deutschland solche Fördergelder noch bekommt. Die Unternehmen werden sich schon zu helfen wissen – wenn sie hier Fördergelder oder die Fachkräfte nicht mehr finden, gehen sie halt ins Ausland. Aber der Werkplatz Schweiz und damit das Land wird leiden, das ist das Traurige daran.

Sie möchten die ­Möglichkeit zur ­Frühpensionierung «eher ­einschränken als ausbauen». Wollen Sie den Leuten verbieten, mit 62 auf Weltreise zu gehen?
Natürlich kann jeder tun, was er will. Der richtige Weg wäre, mit den Angestellten im Alter von 50 Jahren ein Karrieregespräch über die nächsten 15 Jahre zu führen. Wenn jemand eine Weltreise plant, dann ist das prima. Aber es könnte auch andere Lösungen geben. Bis 65 immer mehr Verantwortung übernehmen und dann gar nichts mehr tun, ist unnatürlich. Es sollte auch möglich sein, eine Führungsfunktion abzugeben und im Unternehmen weiterzuarbeiten.

Das könnte in der Praxis nicht ganz einfach sein . . .
Es gibt Firmen, die das bereits vorleben. Beim Liechtensteiner Werkzeughersteller Hilti scheidet man mit 55 Jahren aus der Geschäftsleitung aus. Diese Personen dürfen dann nicht zum alten Eisen geworfen werden. Sie sollen ihre Erfahrungen im Unternehmen weitergeben.

Sie sagen auch, man müsse von der kontinuierlichen Lohnsteigerung wegkommen – ja im Alter sogar Lohneinbussen in Kauf nehmen.
Das ist heute ein Tabu. Ich provoziere mit dieser Idee und erhalte viel Feedback dazu – nicht nur positives. Es ist eigentlich verrückt, wenn man bedenkt, dass der Leistungshöhepunkt bei 55 Jahren liegt, der Lohnhöhepunkt aber bei 65. Das hindert die Unternehmen daran, ältere Mitarbeiter zu behalten oder einzustellen. Ich denke, dass die Löhne ab 55 nicht mehr steigen sollten. Wenn Mitarbeitende für den letzten Abschnitt des Berufslebens eine Aufgabe mit weniger Verantwortung übernehmen, dürfen sie nicht noch Lohnerhöhungen erwarten. Dazu kommt, dass die meisten keine Kinder mehr versorgen müssen.

Und wie viel weniger würden Sie für zumutbar halten?
Wenn jemand 50'000 Franken verdient, wird er Mühe haben, wenn es plötzlich nur noch 40'000 sind. Aber bei einer Kaderperson, bei der Verpflichtungen wegfallen, halte ich einen Rückgang von beispielsweise einem Viertel für möglich.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.08.2014, 07:33 Uhr)

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Hans Hess

Kenner der Schweizer Industrie

Der ETH-Werkstoffingenieur Hans Hess ist 59 Jahre alt und seit November 2010 Präsident von Swissmem, dem Branchenverband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM). Zudem ist er Verwaltungsratspräsident des Röntgenröhrenherstellers Comet in Flamatt und des Kompressorenherstellers Burckhardt Compression in Winterthur.

Die Umsätze aller MEM-Unternehmen stiegen im ersten Halbjahr um 4,4 Prozent, beim Auftragseingang betrug das Wachstum gar 10,9 Prozent. Wegen der Krisen in der Ukraine und in Nahost befürchtet Swissmem jedoch eine Abschwächung. (sul)

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