Wirtschaft

Berater müssen alles geben – auch ihre Freizeit

Von Hannes Grassegger. Aktualisiert am 31.01.2011 16 Kommentare

Der Einstieg in die Unternehmensberatung nach dem Studium ist hart. Nicht wenige steigen wieder aus, weil sie mit Stress und Widerständen nicht klarkommen.

Es klingt wirklich toll, wenn Moritz* (29) am Telefon von seinem aktuellen Aufenthalt in New York erzählt. Seit ein paar Monaten weilt der studierte Philosoph und Ingenieur für ein zweijähriges Programm zum Master of Business Administration in der amerikanischen Metropole. Es sei intensiv, er habe viel zu lernen, aber es sei super hier, jubelt Moritz. Das alles bezahlt die Beratungsfirma.

Moritz hatte nach dem Diplom einen dreitägigen Recruiting Workshop besucht und danach als Junior Consultant in einer weltweit operierenden, amerikanischen Unternehmung gearbeitet. Dabei habe er gefühlte «zwei Dutzend verschiedene Industrien» durchwandert. Die drei Jahre seien kein Spass gewesen. Moritz kam als Fachfremder in die Beraterbranche. Er schätzt das Konzept, dass «schlaue Leute, wenn sie richtig kombiniert werden, gemeinsam fast jedes Problem lösen können». Anstrengend waren die Arbeitswochen mit 60, 70 Stunden. Ständig an der Grenze von Belastbarkeit und Fähigkeiten zu arbeiten, war für den fleissigen Topabsolventen mit Notenschnitt 5,75 nicht nur eine positive Erfahrung. Frustrierend sei auch gewesen, nicht selber im beratenen Unternehmen erleben zu dürfen, wie die vorgeschlagenen Lösungen wirkten. Jetzt ist der begeisterte Snowboarder froh, erst mal weg zu sein.

Am Anfang war es schrecklich

Nicht alle jungen Unternehmensberater klingen glücklich, wenn man sie hinter vorgehaltener Hand fragt. Da ist beispielsweise das Frauenthema. Nur 20 Prozent der Berater in der Schweiz sind Frauen (siehe Infotext). «Ich musste lernen, mit der Sprücheklopferei umzugehen», sagt Eva* (29). Sie hatte Medizin studiert und verbrachte dann fast ein Jahr im Postgraduiertenprogramm einer führenden deutschen Beratungsfirma. Im Viererteam war sie als Frau alleine, «andere Frauen im Office waren in Zuarbeiterfunktionen, Sekretärin oder Assistentin». Sich durchzusetzen, die nötige Dominanz aufzubringen, sei ein Zusatzaufwand. Ob Frau oder Mann, herausfordernd sei auch die anfängliche Ablehnung, wenn man als Berater in Unternehmen beginne nachzuforschen, Probleme aufzudecken. «Die ersten Monate habe ich mich schrecklich gefühlt», erzählt Eva.

Das Gefühl, in seiner Wirtschaftsberatung «zu verdorren», hatte Thomas*. Er arbeitete zwei Jahre lang an bester Zürcher Innenstadtlage im Controlling. Lohn- und Arbeitsbedingungen fand der nun 30-Jährige zwar sehr gut. Er schätzte auch die Flexibilität, für eine Projektvorlage in die Nacht hineinzuarbeiten, dann aber freizuhaben, wenn nichts anstand. «Doch um mich herum nur Abgelöschte, Langweiler, Gefrustete. Mir wurde klar, so will ich nicht werden.» Thomas vermisste eine Perspektive.

Motivation vor Zensuren

Simon Meier, Präsident der studentischen Unternehmensberatung der Universität Zürich «Impact Zürich», die Studierenden Einblicke ins Beraterbusiness liefern will, empfiehlt, sich vorab bei Recruiting-Anlässen mit den sehr verschiedenen Firmenkulturen der Beratungsunternehmen vertraut zu machen. So lerne man potenzielle Arbeitskollegen und Einsatzbereiche kennen, um abzuschätzen, ob man dort glücklich werden könne. Später gelte es, gut zu sich zu schauen: «Berufseinsteiger in diesem Bereich müssen echt auf die Work-LifeBalance achten.» Wichtiger noch als die überall geforderten Spitzennoten findet Meier zum Einstieg übrigens die Bereitschaft, sich immer wieder neu einzuarbeiten und zu motivieren.

Moritz erholt sich jetzt erst einmal beim Büffeln in New York. Die Energie wird er brauchen, als Gegenleistung zur Studienfinanzierung hat er sich für zwei weitere Jahre verpflichtet: «Die bieten immer grade so viel, dass man dabeibleibt.» Thomas und Eva gingen trotzdem. Doch das Kennenlernen der verschiedensten beratenen Firmen hat beide begeistert. Die Kontakte seien später nützlich, ebenso wie erlernt zu haben, Projekte zu leiten, sagt Eva. Auch eine kurze Zeit in der Beratung könne sich lohnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2011, 07:43 Uhr

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16 Kommentare

Roland Peter

14.05.2011, 19:01 Uhr
Melden 20 Empfehlung

„Berater müssen alles geben – auch ihre Freizeit“ Das ist ja was ganz neues! Ich habe mit sog. Beratern zu tun, die zockten 252000.- ab und rührten keinen einzigen Finger, schrieben ein lausiges Konzept und ich durfte ständig die das Projekt retten und deren Denkfehlern korrigieren! Unternehmen die Berater anheuern, tun m.E. 2 Dinge: a) Den eigenen MA misstrauen, b) ihre Inkompetenz offenbaren. Antworten


Marc Walder

31.01.2011, 09:52 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Als ausgebildeter Informatiker durfte ich in den letzten 11 Jahren gleich 3 grosse Umbrüche (Plattformwechsel) in 3 grossen CH Unternehmen miterleben. Und mein Fazit war/ist leider immer dasselbe: Wenn etwas schiefläuft, dann hast Du es im Allgemeinen externen Beratern zu verdanken, welche nur dank Beziehungen zum Mandat gekommen sind. Dafür kosten sie 4xmehr als interne MA's und tragen 0 Verantw. Antworten



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