Bullshit-Jobs auf dem Vormarsch

Die Wirtschaft wird immer produktiver. Das Resultat ist weder mehr Kreativität noch mehr Freizeit. Vielmehr entstehen überflüssige und unattraktive Jobs.

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Google rühmt sich, nicht nur ein innovatives Unternehmen zu sein, sondern auch ein innovativer Arbeitgeber. Deshalb gibt, genauer gab es für Google-Mitarbeiter etwas ganz Spezielles: Sie dürfen 20 Prozent ihrer Arbeitszeit dazu verwenden, zu tun, worauf sie Lust haben. Auf diese Weise erhoffen sich Larry Page und Sergey Brin eine Fülle von neuen Ideen. Doch die erhoffte Flut von Kreativität ist ausgeblieben, und Google zieht jetzt die Konsequenzen. Die 20-Prozent-Regel für ungeregelte Arbeit wird ausgemerzt.

«Diese Tätigkeiten sind wirtschaftlich gesehen eine Verschwendung»

Das Beispiel von Google ist typisch. In Aufsätzen und Reden betonen Topmanager und Betriebswirtschaftsprofessoren unermüdlich, wie wichtig Innovation sei, und fordern unablässig dazu auf, «out of the box» zu denken. In der Praxis geschieht das Gegenteil: Die Bullshit-Jobs sind auf dem Vormarsch. So bezeichnet der Anthropologe David Graeber Arbeitsplätze, die unproduktiv und daher eigentlich überflüssig sind. «Einige Ökonomen schätzen, dass rund ein Viertel aller amerikanischen Erwerbstätigen mit Überwachungsarbeiten beschäftigt ist – Eigentum bewachen, Arbeitnehmer kontrollieren oder sonst dafür sorgen, dass ihre Mitbürger keinen Unsinn anstellen», schreibt er in seinem neuen Buch «The Democracy Project». «Wirtschaftlich gesehen sind diese Tätigkeiten reine Verschwendung. Tatsächlich sind die meisten ökonomischen Innovationen der letzten 30 Jahre mehr politisch als wirtschaftlich sinnvoll.»

In einem Artikel des Onlinemagazins «Strike» hat Graeber diesen Gedanken noch weiter ausgeführt. Ausgehend von der Tatsache, dass immer mehr produktive Jobs von Maschinen ausgeführt werden, kommt er zum Schluss: «Die so gewonnene Zeit wird nicht zu einer Reduzierung der Arbeitszeit benützt oder dazu, dass die Menschen ihre eigenen Projekte, Visionen und Ideen verwirklichen können. Stattdessen sehen wir, wie der Dienstleistungssektor aufgebläht wird, sei es in der Verwaltung oder in der Schaffung von neuen Bereichen im Finanzwesen, Telemarketing oder der historisch einmaligen Ausdehnung von Unternehmensrecht, Gesundheitsadministration, Personalwesen und Public Relations. Das sind Tätigkeiten, die ich als ‹Bullshit-Jobs› bezeichne.»

Die Zahl der Aussteiger aus dem Erwerbsleben steigt

David Graeber hat mit seinem Buch «Schulden» weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt und ist einer der Vordenker der «Occupy Wall Street»-Bewegung. Seine Analyse wird durch die jüngsten Zahlen gestützt und von Mainstream-Ökonomen geteilt. So sinkt die Arbeitslosenquote zwar leicht, aber nicht, weil neue, attraktive Jobs entstehen, sondern weil die Zahl der Aussteiger aus dem Erwerbsleben steigt. Jared Bernstein, bis vor kurzem ökonomischer Berater des US-Vizepräsidenten Joseph Biden, führt folgende Gründe dafür an: Erstens sei die Steigerung der Produktivität nicht auf die realen Löhne übertragen worden, und zweitens sei es eine Illusion, zu glauben, eine bessere Ausbildung führe automatisch zu einem besseren Job. Die jüngsten Zahlen würden vielmehr zeigen, «dass die Einkommen der Hochschulabgänger in den letzten zehn Jahren stagniert hätten», stellt Bernstein fest.

Noch viel schlimmer geht es allerdings allen, die einen traditionellen Bullshit-Job ausüben. Bei McDonald's und Co. liegt der Stundenlohn bei durchschnittlich 9 Dollar. Der Minimallohn in den USA beträgt 7.25 Dollar. Die meisten Arbeitnehmer in den Junkfood-Läden sind heute nicht mehr Schüler oder Studenten, sondern Familienväter und Mütter. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren. Hätten ihre Stundenlöhne mit dem Wachstum der Produktivität Schritt gehalten, so lägen sie heute bei 17 Dollar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.08.2013, 10:43 Uhr)

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