«Da liegt alles auf dem Präsentierteller»
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 11.06.2010
Gut möglich, dass eine ausschweifende Party Nachwehen hat, die weit über den Kater am Tag darauf hinausgehen. Eine Studie in Österreich und Deutschland zeigt, dass jeder zweite Personalverantwortliche Bewerber erst im Social Web abcheckt, bevor ein Bewerbungsgespräch zustande kommt.
In der Schweiz wird Ende Juli die Studie «Trendreport Online Recruiting Schweiz» publiziert. «Konkrete Zahlen können wir noch keine nennen. Aber die Tendenz geht in dieselbe Richtung wie die Studien in Deutschland und Österreich», sagt Matthias Mäder, Geschäftsführer von Prospective Media Services AG und Herausgeber des Trendreports.
Bewerber werden gescreent
HR-Spezialist Mäder arbeitet bei Bewerbungsprozessen mit verschiedenen Schweizer Firmen zusammen. Bei allen ist die Tendenz zu beobachten, dass die Bewerber im Internet gescreent werden. «Auf Webseiten wie ‹123people.ch› liegt alles auf dem Präsentierteller, was im Netz über eine Person herumgeistert.» Partyfotos, Freunde aus der Schulzeit, Geschäftskontakte, Vereine und Facebook-Gruppen. Das Problem: Viele sind sich laut Mäder nicht bewusst, dass sie von Personalverantwortlichen im Internet durchleuchtet werden.
«Der Bewerber sollte sich im Klaren sein, was über ihn im Internet steht, damit er reagieren kann, falls er auf etwas Bestimmtes angesprochen wird», sagt Martin Geissmann, Leiter Recruiting Center ABB (ABBN 15.61 0.13%) Schweiz. Bei der ABB Schweiz werden weniger Seiten wie Facebook ( 31.91 -3.39%) überprüft, sondern hauptsächlich soziale Netzwerke wie Xing oder Linkedin genutzt. Beide Plattformen sind so etwas wie Facebook für Geschäftliches. Wer arbeitet mit wem zusammen? Wer hat welche Kontakte?
Wer hat welche Freunde?
Alles aufschlussreiche Informationen für die Personalchefs. Auch für diejenigen bei der Swisscom. (SCMN 352 0.09%) «Facebook kann von unseren Personalverantwortlichen auch eingesetzt werden. Aktiv nutzen wir aber Businessplattformen wie Xing», so Sepp Huber, Mediensprecher bei der Swisscom. Dies geht so weit, dass die Swisscom auf Xing Werbung betreibt, um neue Arbeitnehmer zu finden. Auch Headhunter nutzen diesen Weg je länger je mehr.
Was ist mit Facebook? Dem Sammelbecken für Peinlichkeiten, freizügige Bilder, Videos, private Informationen? HR-Spezialist Mäder weiss, worauf die meisten Personalchefs achten: «Auf Facebook ist man weniger auf der Suche nach Partyfotos. Eher wird überprüft, welche Kontakte eine Person hat, in welchen Gruppen sich jemand bewegt, welchen Freundeskreis er hat.» Dabei gehe es darum, ein gesamthafteres Bild über eine Person zu erhalten. Wie eine zusätzliche Referenz, ein Puzzleteilchen.
Auge auf Kandidaten für politisch heikle Positionen
Beim Eidgenössischen Personalamt ist die Spurensuche im Internet eher nebensächlich. Allenfalls Kandidaten für politisch heikle Positionen werden überprüft. «Wir können uns damit ein umfassenderes Bild einer Person machen», so Anand Jagtap, Leiter Stab und Kommunikation beim Eidgenössischen Personalamt. Mit der Art, wie sich eine Person im Internet präsentiere, mache sie eine gewisse Aussage darüber, wer sie sei.
Matthias Mäder von Prospective Media Services AG erachtet es als wichtig, das Ganze zu differenzieren, da bei solchen Kandidaten-Screenings auch viel Interpretation mitspiele. «Das Schwierige ist, dass es noch so gut wie keine Guidelines gibt, wie die Firmen mit den Informationen aus dem Internet umgehen sollen.»
Auch Arbeitgeber werden überprüft
Von den befragten Firmen distanziert sich einzig Kuoni (KUNN 293 1.21%) Schweiz vom Arbeitnehmer-Screening im Internet. «Wir schnüffeln unseren Bewerbern nicht im Social Web hinterher, sondern konzentrieren uns auf die Referenzen und die Bewerbungsunterlagen», so Kuoni-Sprecher Peter Brun. Die Inhalte auf Facebook erachte man als privat. Zudem seien diese häufig für Aussenstehende geschützt.
Dass Kuoni seine Bewerber nicht im Internet überprüft, heisst jedoch nicht, dass dies umgekehrt auch so ist. Gemäss der österreichisch-deutschen Studie informieren sich drei Viertel der Jobsuchenden im Internet über ihre potenziellen Arbeitgeber. In der Schweiz ist dies laut Matthias Mäder ebenfalls so. Nicht nur die Arbeitnehmer würden gescreent. Es gebe auch Arbeitgeber-Bewertungsplattformen wie kununu.com, die von Jobsuchenden konsultiert würden. Auch Martin Geissmann von der ABB ist sich dessen bewusst: «Die Transparenz gilt für alle Seiten: Es kann sein, dass auch wir Personaler von den Bewerbern überprüft werden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.06.2010, 13:48 Uhr
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