Wirtschaft
Der Traum vom Arbeitsplatz zu Hause
Von Judith Wittwer. Aktualisiert am 17.05.2010 17 Kommentare
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Der Pendler ist ein gestresster, unglücklicher Mensch. Frühmorgens zwängt er seinen müden Körper in überfüllte Züge, schiebt sich mit den Massen durch Unterführungen und wartet vor roten Ampeln, um schliesslich im tristen Büroalltag anzukommen, wo ihn schlecht gelaunte Kollegen, endlose Sitzungen und Kleidervorschriften erwarten.
Wer weniger pendelt, ist zufriedener – den Schluss ziehen längst nicht nur die Schweizer Ökonomen Bruno Frey und Alois Stutzer aus ihren Untersuchungen. Manch ein Angestellter träumt ab und an vom Arbeitsplatz daheim. Im Freizeitlook vor dem Laptop sitzen und die Geschäfte vom Balkon aus erledigen – wer wünscht sich das nicht?
Morgen Dienstag kann der Traum in Erfüllung gehen. Bundesrat Moritz Leuenberger ruft zusammen mit Firmen wie Swisscom, Microsoft Schweiz oder der Gesundheitsorganisation Swica zum ersten nationalen «Home Office Day» auf. Der Aktionstag soll Betriebe und Beschäftigte dazu motivieren, öfter mal von zu Hause aus zu arbeiten.
Arbeiten statt pendeln
Profitieren würde davon nicht nur die Umwelt, die ohne tägliche Pendlerströme weniger stark verschmutzt würde. In der Wirtschaft verspricht man sich von regelmässiger Heimarbeit auch Produktivitätsgewinne. So spart der Schweizer Erwerbstätige laut HSG-Professor Oliver Gassmann mit einem «Home Office»-Tag im Schnitt nicht nur 40 Minuten Arbeitsweg – Zeit, die er für Mehrarbeit aufwenden könnte. Daheim sei auch die Konzentration höher, weil man nicht wie der durchschnittliche Bürolist alle 11 Minuten unterbrochen werde und dann wieder 8 Minuten brauche, um zurück bei der Sache zu sein. Das alles mache Erwerbstätige ausgeglichener und leistungsfähiger. Der Telecomkonzern Swisscom spricht von «zufriedeneren und produktiveren Mitarbeitenden».
Durch Heimarbeit entstehen den Unternehmen auch geringere Kosten. Da Bürofläche gespart und Schreibtische geteilt werden können, lassen sich laut Experten die Ausgaben pro Arbeitsplatz um bis zu 30 Prozent reduzieren. Auch deshalb macht Heimarbeit bei immer mehr modernen Arbeitgebern Schule – von IBM bis Swiss Re.
Ein Karrierekiller
Tatsächlich verliert die physische Präsenz am Arbeitsplatz im Informationszeitalter an Bedeutung. Im Werk steht die Produktion ohne Fabrikarbeiter still. Der Wissensarbeiter hingegen kann seine Leistung heute meist auch von zu Hause aus erbringen. Seine Anwesenheit im Büro ist nicht erforderlich. Bei Swisscom können beispielsweise rund zwei Drittel aller Mitarbeitenden in der Schweiz auch von daheim aus auf die nötigen Firmendaten zugreifen.
Grenzen gibt es dennoch. So kann zu viel Heimarbeit nicht nur zur sozialen Isolation führen. Eine Umfrage des Personalberaters Korn/Ferry unter 1320 Führungskräfte weltweit legt auch nahe, dass man zu Hause schlechtere Karrierechancen hat, wie wenn man ständig im Büro präsent ist. Es fehlt der Smalltalk mit den Arbeitskollegen. Es fehlt ein funktionierendes Netzwerk. Wer nicht vor Ort ist, wird demnach eher übergangen. Vergessen.
Im Team aber wird der motivierte Mitarbeiter registriert, gar gebraucht, wie die Ökonomen Armin Falk und Andrea Ichino erforscht haben. Die beiden Professoren schwören auf einen «Kollegeneffekt», wonach Teams zusammen klar produktiver sind, wie wenn jeder für sich werkelt. Die Starken ziehen die Schwächeren mit. Man spornt sich an und setzt sich gegenseitig unter Leistungsdruck. Die soziale Kontrolle funktioniert.
Somit bleibt die Heimarbeit auch unter den Experten umstritten. Vielleicht pendeln auch deshalb noch immer Millionen von Beschäftigten jeden Tag in ihre Büros. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.05.2010, 13:34 Uhr
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17 Kommentare
Als "Karrierekiller" wird heutzutage vieles bezeichnet. Wenn die Starken die Schwachen hochziehen müssen, sind die Schwachen fehl am Platz. Leider steht TEAM oft für "toll, ein anderer macht's". Gut funktionierende Teams sind die Ausnahme. produktive Teamarbeit muss erlernt werden. Antworten
Es geht beim Home Office auch nicht darum, immer von zu Hause zu arbeiten, sondern ca 1-2 Tage bei einem Vollzeitpensum. Dies tut man an Tagen, an denen man keine Termine hat und so oder so keinen grossen Kontakt im Büro hätte. Wenn im Schnitt pro Tag 20-40 % weniger Pendler unterwegs wären (gerechnet, dass jeder 1-2 Tage heimarbeitet), würde das den ÖV und die Strassen wesentlich entlasten. Antworten
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