Die Generation Demut ist unterwegs

Von Florian Leu. Aktualisiert am 11.11.2008 34 Kommentare

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt bewirkt, dass sich viele junge Menschen von ihren Vorgesetzten zu viel bieten lassen. Eine Haltung macht sich breit: die neue Demut.

A.s Studium der Politikwissenschaft ist zu Ende, und sie beginnt auf der Redaktion einer Berner Zeitung zu arbeiten, der Lohn: tausend Franken im Monat. Zusätzlich zahlt ihr der Verlag die Journalistenschule in Luzern, das sind 20'000 Franken für 90 Kurstage. Der Vertrag läuft über zwei Jahre, der Lohn bleibt gleich. Ihr Leben wäre unmöglich ohne die Hilfe der Eltern. Sie liebe den Job, sagt sie, die Erfüllung eines Traums. Klar, das Geld sei nicht gerade berauschend, doch fürs Geld arbeite sie ja auch nicht auf diesem Beruf. Sie hebt die Schultern und lächelt.

Solche Geschichten kenne sie, sagt Stephanie Vonarburg von Comedia, der Schweizer Mediengewerkschaft. Sie höre sie über Dritte - Volontäre und Praktikanten selbst blieben meist still, wollten es sich nicht verscherzen mit ihren Chefs. Juristisch könne man wenig machen in solchen Situationen, allenfalls liesse sich auf das Recht auf Gleichbehandlung pochen, doch vielversprechend sei das nicht. Der Lohn unterschreitet die Vorgaben des Gesamtarbeitsvertrages stark, doch das kümmert keinen - die Verleger haben den Vertrag vor vier Jahren aufgekündigt. «Solche Löhne», sagt Vonarburg, «grenzen an Ausnutzung.» Schliesslich würden die Volontäre sorgfältig ausgewählt, verfügten meist über Erfahrung im Zeitungsgeschäft. Darum sollten sie auch mehr verdienen, sagt sie, und mehr Wertschätzung erfahren.

Man sagt ihm zu, dann wieder ab

B., Germanistikstudent im zwölften Semester, will ein Praktikum mit Aussicht auf Festanstellung bei einem Zürcher Filmverleih machen. Er stellt ein Dossier zusammen, bewirbt sich damit und kommt eine Runde weiter. Er schreibt die Hausaufgabe, die sie ihm vom Filmverleih zu Selektionszwecken stellen, und kommt erneut weiter, wird zum Gespräch geladen. Man sagt ihm zu, dann wieder ab, dann wieder zu, dann wieder ab, schliesslich bekommt er sein Praktikum, seine 1500 Franken im Monat. Er sei glücklich, sagt er, vielleicht werde etwas draus, nachdem er sich durch diese sechs Monate gebissen habe.

Wenn sie nur nicht so erpicht wären auf diese Jobs und dafür auch schlechte Arbeitsbedingungen in Kauf nähmen. Wenn sie sich nur getrauten, vor der Vertragsunterzeichnung die wichtigen Fragen zu stellen - das sagt Karin Vollrath, die beim Schweizer Film- und Videosyndikat arbeitet und Geschichten wie diese andauernd hört. Noch nie habe jemand verlangt, dass das Syndikat eingreife. Die Leute riefen lediglich an, um zu fragen, ob solche Bedingungen üblich seien. Dann müsse sie sagen: Ja, sie sind es, leider. Ihre Hilfe erschöpfe sich darin, den Leuten Argumente zu geben, damit sie nicht versinken bei der Lohnverhandlung. Argumente wie: Auch ich muss das Essen zahlen, die Miete, den Strom, das Wasser. Das Gegenteil sei allerdings ebenso wahr: Viele verdienen erst keinen Franken, arbeiten zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche, steigen schnell auf, kometenhaft. Bald verdienen sie genug, um davon leben zu können. Und bald rollt ihr Name über die Leinwand, im Abspann eines Films.

Verständnis für Nöte der Arbeitgeber

C. arbeitet zweimal zehn Stunden zur Probe, erhält Trinkgeld, doch keinen Lohn. Sie ist Studentin der Kunstgeschichte, der Ort ein Zürcher Restaurant in der Altstadt, weiss gedeckte Tische, kleine Speisekarte. Eine Woche später kriegt sie ein Mail vom Chef, darin die Aufforderung, ihn anzurufen. Er sagt ihr ab, zahlt keinen Franken Entschädigung für die Arbeit, spart gar die Kosten für den Anruf. Das sei ihr schon mal passiert, sagt sie, auch Freundinnen von ihr hätten ähnliche Sachen erlebt. Sagt es so dahin, ohne den kleinsten Groll.

Plötzlich sei dieses Verständnis gekommen für die Nöte der Arbeitgeber. Das Verständnis, dass man ihnen helfen müsse in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Und darum auch mal kostenlos arbeiten müsse, zumindest zu Beginn. Doch das sei absurd, sagt Daniel Rice, Verantwortlicher für die Kantone Zürich und Schaffhausen bei der Gastrogewerkschaft Syna.

Zu arbeiten, ohne zu verdienen, das komme im Gastgewerbe seit zwei, drei Jahren immer öfter vor, manchmal arbeiteten die Leute auch eine Woche ohne Lohn, in der Hoffnung auf den Job. Bekommen sie ihn dann tatsächlich, fehlen in der Lohnabrechnung oft die ersten Tage. Die meisten akzeptieren es, wagen es nicht, dem Arbeitgeber Paroli zu bieten. Leider könne nicht jeder gleich gut verhandeln, sagt Rice. Doch man müsse mutiger auftreten, sonst werde das Verhalten der Arbeitgeber noch salonfähig.

Übermüdung - ein surrealer Spass

D. studiert im zehnten Semester Publizistik und arbeitet am Wochenende bei einer Berner Cateringfirma. Der Stundenlohn liegt unter 18 Franken. Manchmal arbeitet er 20 Stunden am Stück, so kommt eine ordentliche Summe zusammen. Beklagen würde er sich nie. Wenigstens, sagt er, sei er unabhängig von seinen Eltern. Und bis zur Übermüdung zu arbeiten, das werde manchmal zum surrealen Spass. Tja, sagt er, so sei das halt in der Branche.

Ein Tja, das klingt wie die Resignation in drei Buchstaben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2008, 09:01 Uhr

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34 Kommentare

Smarty Pants

11.11.2008, 09:54 Uhr
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Hurra. Mit etwas Verspätung ist Generation Praktikum jetzt auch bei uns angekommen. Erstaunlich wie die schweizer Bevölkerung tatenlos zusieht, wie die der eh schon schlechteste Arbeitnehmerschutz Europas noch weiter demontiert wird. Am besten gar keine Löhne mehr bezahlen. Schliesslich geben uns die Arbeitgeber ja etwas zu tun. Und jetzt bitte nicht mit Erfahrungs sammeln kommen. Danke. Antworten


Rosa Parks II

11.11.2008, 09:08 Uhr
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Als ich jung war, hat man uns noch von den Hochschulen geholt, um Stellen zu füllen. Es galt freie Berufswahl für Akademiker. Die Generation die jetzt ins Berufsleben tritt, hat ganz andere Hürden zu meistern, das sehe ich bei meinen Kindern, und Nichten/Neffen. Die Arbeitswelt ist sicher brutaler geworden, Arbeitgeber foutieren sich um Werte wie Fairness im Arbeitsprozess. Ach du schöne neue Welt Antworten



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