Die Zukunft der fairen Arbeit

Alte werden entlassen, Junge kriegen keinen Job: Der Arbeitsmarkt der westlichen Gesellschaften befindet sich in einem tief greifenden Umbruch. Wo bleibt die hart erarbeitete Fairness?

Mensch und Maschine verschmelzen: Bild in einem Büro in Warschau. (24. Juni 2013)

Mensch und Maschine verschmelzen: Bild in einem Büro in Warschau. (24. Juni 2013) Bild: Kacper Pempel/Reuters

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«Über 50-Jährige finden kaum einen Job.» Unter diesem Titel berichtete die «NZZ am Sonntag», dass immer mehr Schweizer Firmen teure Alte auf die Strasse stellen und gegen billige Junge eintauschen. Von Letzteren gibt es mehr als genug: In Europa sind derzeit rund 15 Millionen Menschen unter 30 Jahren arbeitslos. Weltweit ist das Angebot an Arbeitskräften noch viel stärker aus dem Gleichgewicht geraten, nicht nur im Bereich der ungelernten Hilfskräfte. Rund um den Globus spucken Hochschulen viel mehr Absolventen aus, als die Arbeitsmärkte schlucken können.

Das massive Überangebot an Arbeitskräften stellt eine der wichtigsten Errungenschaften der Nachkriegszeit infrage: die Fairness auf dem Arbeitsmarkt. In den letzten 50 Jahren sind weltweit die Kinderarbeit verboten und Minimallöhne sowie maximale Arbeitszeiten eingeführt worden. Überstunden wurden bezahlt und Frauen arbeitsmässig den Männern gleichgestellt.

Der Preis der Flexibilität

Doch was inzwischen normal geworden scheint, gerät jetzt schleichend wieder in Gefahr. Wer nach Lehre oder Studium einen Job erhält, muss sich immer häufiger mit einem schlecht bezahlten Praktikum begnügen – verbunden mit dem vagen Versprechen, danach vielleicht eine Festanstellung zu erhalten.

In Deutschland greifen Unternehmen immer häufiger zum Trick, mit sogenannten Werkverträgen die Gewerkschaften auszuhebeln und Billigstarbeiter aus dem Osten einzuschleusen. Überstunden werden auch in Schweizer Firmen zwar gern entgegengenommen, aber immer weniger gern entlöhnt. Dass Arbeitnehmer rund um die Uhr und auch in den Ferien erreichbar sind, gilt im Namen der Flexibilität als selbstverständlich.

Das Rennen gegen die Maschinen

Nicht nur überfluten immer mehr und immer besser ausgebildete Erwerbstätige die Arbeitsmärkte, intelligente Software und leistungsfähige Roboter verschlimmern die Lage zusätzlich. Die Menschen sind im Begriff, das «Rennen gegen die Maschinen» zu verlieren, wie Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, zwei Ökonomen am Massachusetts Institute of Technology, in ihrem gleichnamigen Bestseller warnen.

Auch hier zeichnet sich ein neuer Trend ab. Roboter ersetzen nicht nur Arbeitskräfte in der Fabrikhalle, sondern auch im Gesundheits- und Bildungswesen. Ausgerechnet in diesen beiden Bereichen wurden in den vergangenen zehn Jahren die meisten neuen Arbeitsplätze geschaffen.

Eine soziale Zeitbombe und Roosevelts Ressourcen

Im Bildungssektor passiert folgendes: Viele US-Universitäten bieten ihre Dienste inzwischen online an, deutlich billiger, aber mit gleicher Leistung. Bereits spottet der Ökonom Tyler Cowen: «Die durchschnittliche amerikanische Universität hat keine Ahnung, was auf sie zukommt. Nur Harvard werden wir auch in Zukunft noch brauchen – als Partnervermittlungsinstitut.»

Die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt sind zur sozialen Zeitbombe geworden. Ausser leeren Versprechungen hat die Politik nichts anzubieten, obwohl die Symptome neuer sozialen Unruhen weltweit nicht zu übersehen sind. Die Erkenntnis von US-Präsident Franklin Roosevelt aus den 1930er-Jahren gilt nach wie vor: «Kein Land, wie reich es auch sein mag, kann es sich leisten, seine humanen Ressourcen zu verschwenden.»

Erstellt: 25.06.2013, 15:05 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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