Wirtschaft
«In kleinen Büros fühlen sich viele wie in Einzelhaft»
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 29.04.2010
Artikel zum Thema
Hansjörg Witzig ist Leiter Büroplanung und Büroarchitektur von Witzig The Office Company.
Hansjörg Witzig, weshalb schneiden Grossraumbüros in Studien so schlecht ab?
Erstens einmal: Das Wort Grossraumbüro gehört verboten. Das stammt noch aus der Zeit, in der man möglichst viel Leute in einen Raum gesteckt hat, um Quadratmeter und Kosten zu sparen. Das ist eine Sünde, die teilweise immer noch passiert. Deshalb ist der Ruf so schlecht.
Wie soll man Grossraumbüros denn nennen?
Das richtige Wort ist Teambüro. Ist es das Ziel, als Team zusammenarbeiten, miteinander kommunizieren und einander helfen zu können, ergibt ein offenes Raumkonzept Sinn.
Trotzdem mögen viele keine Teambüros.
Das ist verständlich, wenn man bloss quadratmeterbezogen denkt. Es gibt jedoch ein ganzes Paket von Massnahmen, um das Wohlbefinden der Menschen im Teambüro zu sichern.
Was ist denn nötig?
Der persönliche Arbeitsbereich muss erstens genügend gross sein und Bewegungsfreiheit bieten. Ausserdem braucht es eine gewisse Abschirmung, etwa im Rücken, um die Störfaktoren von hinten zu eliminieren.
Das läuft ja auf abgetrennte Einzelkammern hinaus.
Nein. In einem Teambüro sollte nichts höher sein als 1 Meter 50. Wenn man steht, muss man den Gesamtüberblick über den Raum haben. Nur so kann ein Wir-Gefühl entstehen. Wenn es lauter hohe mobile Wände hat, kann man genauso gut wieder Einzelbüros einrichten. Das Geheimnis besteht darin, mit Pflanzen oder Gestaltungselementen Transparenz und Privatsphäre zu erreichen.
In unserem Grossraumbüro gibt es Inseln à 4 Arbeitsplätze, ohne Trennelemente. Ist das gut?
Wenn zwei Arbeitende vis-à-vis voneinander sitzen, sind die sich psychisch und akustisch sehr nahe. Der Störfaktor beim Telefonieren ist gross. Entweder wird mit Privacy-Panels eine optische Trennung eingerichtet oder man wählt eine alternative Anordnung der Arbeitsplätze.
Was wäre die Lösung?
Besser wäre es, die Arbeitsplätze in der Côte-à-Côte-Anordnung hinzustellen, also zwei Pulte nebeneinander zu platzieren. Dabei schaut der eine Mitarbeitende in eine Richtung und der andere in die Gegenrichtung. Das ermöglicht die seitliche Kommunikation. Die richtige Anordnung der Arbeitsplätze ist ein wesentlicher Punkt, damit ein Teambüro funktioniert.
Was ist sonst wichtig?
Die Umgebungsqualität. Mitarbeitende in einem Teambüro müssen sich in separate Räume zurückziehen können. Auf 15 Personen sollte es ein bis zwei solcher Rückzugsräume geben, in denen man telefonieren oder besonders konzentriert arbeiten kann. Es muss jedoch klein sein, ansonsten entsteht sofort wieder ein Einzelbüro. Weiter braucht es Meeting Points für kurze Sitzungen, besser noch Stehungen, sowie abgeschlossene Sitzungszimmer, damit die übrigen Mitarbeitenden nicht gestört werden. Zentrale Service Points konzentrieren die Geräte und eine Lounge mit Getränken bietet Erholung.
Eins der Hauptprobleme, das Telefonieren, ist damit nicht gelöst.
Mit der richtigen Anordnung der Tische, also etwa Côte-à-Côte, kann man jedoch viel erreichen. Zudem könnte man vermehrt mit Headsets arbeiten und sich für längere Telefonate in einen separaten Raum zurückziehen. Je mehr jemand telefonieren muss, desto mehr muss er abgeschottet werden.
Wann macht ein Teambüro keinen Sinn?
Wenn das Unternehmen aus lauter Einzelkämpfern besteht, die alle ihre Ruhe haben müssen. Bei 90 Prozent der Firmen, mit denen wir zu tun haben, kommen die Wände jedoch weg. Das offene Raumkonzept setzt sich durch. Die negativen Studien vermitteln zwar einen anderen Eindruck, aber es gibt viele, die Teambüros vorziehen. Diese fühlen sich in kleinen Büros wie in Einzelhaft und abgeschottet vom Geschehen. Stimmt das Raumkonzept, gibt es viel weniger Reklamationen.
Wird es einen Wandel geben?
Ja. Das Problem ist jedoch, dass die meisten Arbeitgeber zwar etwas tun wollen, jedoch nur die eine oder andere Massnahme umsetzten. Andere sehen nur die Kosten und stellen noch mehr Arbeitsplätze ins Büro. Es wird immer noch viel falsch gemacht. Dabei kann in einem optimalen Teambüro die Gesamt-Arbeitsleistung sogar gesteigert werden.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.04.2010, 09:56 Uhr
Wirtschaft
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




