Wirtschaft
Ronaldo und die Bankenwelt
Nach diesem Deal muss man jubeln. (Bild: Keystone)
Der Knabe ist schüchterne 24. Alles andere als schüchtern ist sein Marktwert. Seit diesem Monat weiss man es genau. Umgerechnet über 140 Millionen Franken zahlt der spanische Fussballklub Real Madrid an Manchester United für den Transfer von Cristiano Ronaldo, dem Weltfussballer des Jahres 2008 – ein Rekordtransfer mitten in der grössten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Zu den Transferkosten für die Spanier gesellen sich noch die Lohnkosten des Spielers – eine zweistellige Millionensumme pro Jahr.
Die Zahlen klingen absurd: Aus wirtschaftlicher Sicht ist schwer vorstellbar, wie sich der Deal für die Spanier rechnen kann. Doch obwohl Fussball ein Mannschaftssport ist, können Einzelspieler eine grosse Differenz ausmachen: Ein paar Tore mehr oder weniger können über Qualifikation oder Ausscheiden, über Titel oder Mittelfeldplatz und damit über Dutzende von Millionen mehr oder weniger Einnahmen entscheiden. Von einem Namen wie Ronaldo erhofft sich sein Klub zusätzlich grosse PR-Wirkung – und damit Millionen von Zusatzeinnahmen via Fernsehgelder, Sponsoren und Trikotverkäufe. Es ist diese Hoffnung auf riesige Zusatzeinnahmen und Prestigegewinn, welche Klubchefs in ganz Europa immer wieder hohe Beträge für mutmassliche Stars aufwerfen lässt – selbst in einer Wirtschaftskrise. Aus der Sicht des einzelnen Bieters mag die Jagd nach Stars sinnvoll erscheinen, für die Branche als Ganzes ist die Sache oft wenig rentabel: Der Grossteil des Mehrwerts der Stars (oder sogar mehr als das) landet in deren eigenen Taschen.
In Teilen des internationalen Bankgeschäfts spielt eine ähnliche Mechanik. Zu den Stürmerstars der Bankbranche zählen sich vor allem «Investment-Banker». Zu den Bestbezahlten in dieser Berufsgruppe zählen zum Beispiel jene Einflüsterer, die milliardenschwere Firmenübernahmen oder Fusionen einfädeln und dabei riesige Kommissionseinnahmen garnieren – welche bei den grössten Deals zwei- bis dreistellige Millionensummen ausmachen können. Zu den hoch bezahlten Investment-Bankern zählen auch jene Spezialisten, welche Unternehmen an die Börse bringen – und damit nicht nur die Unternehmer, sondern dank happigen Kommissionseinnahmen auch die Bank reich machen. Vergoldet wurden oft auch jene schnellen Hände, die im Handel mit Wertpapieren für ihre Bank hohe Gewinne einspielen.
In den Boomjahren waren Boni für Investment-Banker von 10, 20 oder 30 Millionen US-Dollar keine Seltenheit. Aus Schweizer Sicht besonders bemerkenswert: Die Bezüge im Investmentbanking der beiden Schweizer Grossbanken lagen an der Spitze wie im Schnitt weit über dem Niveau der Vermögensverwaltung – obwohl die Vermögensverwaltung Jahr für Jahr nicht nur rentabler, sondern auch weniger risikoreich war (die Risiken der UBS-Delikte in den USA seien hier ausgenommen). Dieses Phänomen hat vor allem zwei Gründe: (1) Die Investment-Banking-Löhne werden schwergewichtig in New York und London gemacht – wo Zurückhaltung keine Tugend, sondern ein Laster ist. (2)Die Einnahmen aus grossen Deals im Investmentbanking sind stärker an Personen als an die Bank gebunden – wechselt der Star zur Konkurrenz, wechseln vermutlich auch viele Kunden und Einnahmen mit. Das gibt es zwar zum Teil auch in der Vermögensverwaltung, doch laut Schweizer Erfahrungswerten gehen in der Regel nicht mehr als 10bis 20 Prozent der vom abspringenden Berater verwalteten Kundenvermögen mit zur Konkurrenzbank.
Und die Krise? Die gibt es – auch und gerade im Investmentbanking. Mit Wertpapierspekulationen zum Beispiel haben die Banken seit 2007 eher hohe Verluste statt hohe Gewinne eingespielt. Das Credo diverser Institute – auch der beiden Schweizer Grossbanken – lautet jetzt jedenfalls: weniger risikoreiche Wertpapierspekulationen, mehr «kundenorientiertes» Investmentbanking. Der Wertpapierhandel soll schwergewichtig auf Auftrag und Rechnung der Kunden geschehen. Das Geschäft mit Kapitalmarktemissionen (zum Beispiel Börsengänge von Unternehmen) und die Fusionsberatung waren aber schon in den Boomjahren «kundenorientiert» – zumindest in dem Sinn, dass die Banken ihre Risiken beschränken und sich auf das Kassieren ihrer Beratungs- und Vermittlungsgebühr konzentrieren konnten. Solche Deals gibt es in der Krise zwar weniger, aber es gibt sie immer noch – und sie können immer noch sehr lukrativ sein, sofern man sie hereinholt. Und Leute, die solche Deals hereinholen, sind selbst in der Krise noch sehr gefragt.
Mit der Gesamtbranche in der Krise und einigen Instituten am staatlichen Tropf sind aber die Bonustöpfe zuletzt deutlich geschrumpft. Dafür steigen die Fixlöhne. Die amerikanische Citigroup wolle ihre Fixlöhne um bis zu 50 Prozent erhöhen, meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg diese Woche. Im Mai hatte auch die US-Bank Morgan Stanley eine deutliche Erhöhung gewisser Fixlöhne angekündigt. Auch die UBS hat im Investmentbanking die Fixlöhne zum Teil deutlich erhöht. All diese Massnahmen laufen unter dem Motto «Wir wollen unsere Schlüsselleute halten». Vor allem zwei Überlegungen stehen dahinter: (1)Die Boni konnten in guten Jahren 50 bis 90 Prozent der Gesamtbezüge ausmachen und hatten für die Betroffenen zum Teil den Geruch von Fixlöhnen. Die massive Schrumpfung der Boni wollen die Banken zum Teil durch die Erhöhung der Fixlöhne kompensieren – was den Sinn der «Boni» ad absurdum führt, aber die besten Kräfte bei Laune halten soll. (2) Hohe Boni sind derzeit politisch verpönt, wie die Schweizer UBS-Debatte besonders deutlich machte. Das fördert das Ausweichen der Banken auf Fixlöhne – macht die Institute aber weniger flexibel.
Vor allem das Investmentbanking ist stark angelsächsisch geprägt. Wie im Profifussball spielt dort das Söldnertum eine weit wichtigere Rolle als die Loyalität zum Arbeitgeber: Was zählt, sind vor allem Geld und Perspektiven (die Aussicht auf noch mehr Geld). Wenn die UBS immer wieder gesagt hat, dass sie lohnmässig konkurrenzfähig bleiben müsse, weil sonst viele Schlüsselleute abspringen, haben dies zwar auf der Schweizer Politbühne nicht viele wirklich geglaubt – denn schliesslich ist ja Krise, und alle müssen abbauen. Doch die UBS musste sich im Auslandgeschäft in den letzten zwölf Monaten manche Leute abwerben lassen. Häufig meldeten Konkurrenten in der angelsächsischen Fachpresse die Anwerbung erfahrener UBS-Spezialisten. Der neue UBS-Präsident Kaspar Villiger nannte die Situation in den USA jüngst gar «dramatisch».
Nun verliert die Bank erneut eine wichtige Figur, wie sie gestern mitteilte: Asien-Chef und Konzernleitungsmitglied Rory Tapner verlässt die UBS nach 25 Jahren und wird durch Chi-Won Yoon ersetzt, der seit 1997 für die UBS tätig ist. Der 50-jährige Tapner ist Brite und war 2007 mit über 10 Millionen Franken das bestbezahlte UBS-Konzernleitungsmitglied – von seinem Gesamtbezug entfielen rund 90 Prozent auf den Bonus. Unter seiner Führung sei die UBS «zu einem dominanten Marktteilnehmer» in der Region Asien/Pazifik aufgestiegen, erklärte die Bank damals. 2008 erhielt Tapner wie alle Konzernleitungsmitglieder keinen Bonus mehr – politisch wäre etwas anderes in der Schweiz kaum mehr vermittelbar gewesen. Weshalb er nun geht, ist unklar. Immerhin wechselt er nicht direkt zu einem Konkurrenten, wie die UBS sagt: Er wolle sich vorerst eine «Auszeit» nehmen. Ob diese allerdings länger dauern wird, als die vertragliche Konkurrenzverbotsklausel vorschreibt, ist noch eine offene Frage. Konzernleitungsmitglieder bei der UBS dürfen typischerweise während sechs bis zwölf Monaten nach ihrem Abgang nicht zu einem Konkurrenten wechseln.
Alles in allem sind einige Parallelen zwischen der Welt des Profifussballs und der «Hochfinanz» augenfällig. Das gilt in der Tendenz auch für das finanzielle Ergebnis: Von den Mehrwerten profitierten am meisten die Stars selbst – und bei Verlusten bluten vor allem die Arbeitgeber. Die Grossbanken sind den Fussballklubs allerdings in einem Punkt voraus, wie man nun wieder weiss: Im Krisenfall steht Väterchen Staat bereit. Selbst dies ist aber im Fussball nicht ganz unbekannt, wie der neue Arbeitgeber von Cristiano Ronaldo aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Als Real Madrid zu Beginn dieses Jahrzehnts finanziell in der Krise war, hat sich der Klub durch den Verkauf des Vereinsgeländes praktisch über Nacht saniert. Die Stadt Madrid hatte diese Sanierung durch die Umzonung des Geländes in die Bauzone ermöglicht. Faktisch läuft dies auf hohe Subventionen für Multimillionäre hinaus. Sogar dies gibt es also nicht nur in der Bankenwelt. (Der Bund)
Erstellt: 26.06.2009, 11:07 Uhr


