Vaterschaftsurlaub wird zur Selbstverständlichkeit

Ein Grossteil der Unternehmen gibt seinen Mitarbeitern nach einer Geburt ein bis zwei Wochen frei. Der Bundesrat erwägt nun sogar eine gesetzliche Regelung.

Auch Väter wollen heute eine Beziehung zu ihrem Nachwuchs aufbauen: Vater mit seinem Kind.

Auch Väter wollen heute eine Beziehung zu ihrem Nachwuchs aufbauen: Vater mit seinem Kind. Bild: Keystone

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Für seine eigenen Mitarbeiter hat der Bundesrat bereits gesorgt: Ab dem 1. Juli erhalten sie bei der Geburt eines Kindes zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Das hat die Landesregierung Anfang Mai entschieden. Die Bundesverwaltung folgt damit einem Trend, der in den letzten Jahren einen Grossteil der Schweizer Arbeitgeber erfasst hat. Wie eine Umfrage des «Tages-Anzeigers» bei rund 50 Unternehmen zeigt, haben viele einen Vaterschaftsurlaub von ein bis zwei Wochen eingeführt. Gar 15 Tage oder mehr offerieren Mobility, die Alternative Bank, Clariant, die Stadt Bern und Raiffeisen – bei vollem Lohn (siehe Tabelle).

Die Unternehmen unterstützen damit ihre Mitarbeiter und deren Partnerinnen in einer Zeit, die für Eltern besonders streng ist. Vor allem wenn nebst dem Neugeborenen auch ältere Kinder zu betreuen sind, ist eine hohe Präsenz gefordert. Lange war dies in erster Linie das Problem der Frau. Manch ein Mann war dagegen vielleicht nicht unglücklich, wenn er nach der Geburt rasch an seinen Arbeitsplatz zurückkehren musste. Heute hingegen sorgen viele Paare partnerschaftlich für ihre Kinder. Väter helfen beim Windelnwechseln und Schöppeln und möchten von Anfang an eine Beziehung zum Kind aufbauen.

Gesetz sieht nur einen Tag vor

Entsprechend gross ist das Bedürfnis nach einem Vaterschaftsurlaub. In einer repräsentativen Umfrage der Westschweizer Zeitschrift «L’Hebdo» haben sich bereits vor sechs Jahren 79 Prozent der Befragten für einen bezahlten Urlaub für Väter nach einer Geburt ausgesprochen.

Gesetzlich vorgeschrieben ist ein solcher aber – im Gegensatz zum Mutterschaftsurlaub – nicht. Im Obligationenrecht steht lediglich, die Arbeitgeber müssten «die üblichen freien Stunden und Tage» gewähren. Und für üblich erachtet der Bundesrat bei der Geburt eines Kindes ein bis zwei Tage. Was darüber hinausgeht, gewähren die Unternehmen freiwillig.

Bis zur Jahrtausendwende taten dies nur sehr wenige Betriebe. Inzwischen ist jedoch ein bezahlter Vaterschaftsurlaub von einer Woche oder mehr selbstverständlich geworden für Arbeitgeber, die sich als familienfreundlich verstehen. Verglichen mit den bis zu anderthalb Jahren Elternurlaub in skandinavischen Ländern ist dies zwar nicht viel. Aber die allermeisten Unternehmen haben ein offenes Ohr, wenn ein Vater zusätzlich zum bezahlten noch unbezahlten Urlaub nehmen will.

Post und Denner unter Druck

Wer den Trend zum freiwillig zugestandenen Vaterschaftsurlaub nicht mitgemacht hat, gerät jetzt unter Druck. Zum Beispiel die Post, eine der grössten Schweizer Arbeitgeberinnen. Sie gewährt nur 2 bezahlte Tage, während die Bundesverwaltung und die Swisscom 10 Tage zugestehen. Das könnte sich schon bald ändern. Laut Postsprecher Bernhard Bürki ist der Vaterschaftsurlaub ein Thema bei den Gesamtarbeitsvertragsverhandlungen, die im August beginnen. Dann wird sich zeigen, ob die Post den Rückstand wettmacht. Noch nichts entschieden ist auch beim Ringier-Verlag. Die Personalabteilung beabsichtigt aber, die heute geltende Regelung zu überdenken und nach oben anzupassen.

Über die Bücher muss wohl auch Denner. Heute gewährt die Migros-Tochter ihren Mitarbeitern lediglich 2 freie Tage, während die Migros selbst 10 Tage Vaterschaftsurlaub offeriert. Bessere Konditionen bieten auch die Discount-Konkurrenten Aldi und Lidl mit je 5 Tagen. Denner kann sich daher eine Anpassung «durchaus vorstellen, spruchreife Änderungspläne gibt es heute aber noch nicht», wie Mediensprecherin Paloma Martino mitteilt.

Schliesslich macht man sich auch bei der Berner Kantonsverwaltung Gedanken. Deren 2 Tage Vaterschaftsurlaub sind etwas wenig im Vergleich zu den 15 Tagen der Berner Stadtverwaltung und den neu 10 Tagen der Bundesverwaltung. Gemäss Personalamtsleiter Jean-Paul Weiler wird der kürzlich gefällte Entscheid des Bundesrats den Druck auf den Kanton Bern erhöhen. Doch: «Aufgrund der bekannten finanzpolitischen Ausgangslage des Kantons Bern können zurzeit nur bedingt solche personalpolitische Anliegen umgesetzt werden.»

«Die beiden Veränderungen sollten sich die Waage halten»

Der Bund hat diesbezüglich offenbar weniger Probleme. In nur wenigen Jahren hat er den Vaterschaftsurlaub für das Bundespersonal von 2 auf 10 Tage erhöht. Den Anstoss dazu gab 2007 Doris Leuthard (CVP), die im eigenen Departement 5 Tage gewähren wollte. Der Bundesrat stoppte den Sololauf, erhöhte aber wenig später den Vaterschaftsurlaub in allen Departementen von 2 auf 5 Tage.

Nun stockt er ihn wie erwähnt auf 10 Tage auf. Die Mehrkosten des jüngsten Anstiegs will die Landesregierung kompensieren, indem sie den Hochzeitsurlaub kürzt. Bis anhin schenkte sie heiratenden Bundesangestellten sechs freie Tage. Neu müssen sich diese mit einem Tag begnügen. «Die beiden Veränderungen sollten sich in etwa die Waage halten», sagt Thomas Wettstein vom Eidgenössischen Personalamt. Er räumt aber ein, dass Geburten etwas häufiger sind als Heiraten.

Über Lohnabzüge finanzieren?

Voraussichtlich nach den Sommerferien diskutiert der Bundesrat darüber, ob er einen Schritt weitergehen soll. Dann steht ein staatlich vorgeschriebener Vaterschaftsurlaub für alle Arbeitnehmer zur Debatte. Das Bundesamt für Sozialversicherungen erarbeitet derzeit einen Bericht, der verschiedene Modelle von Elternurlauben aufzeigen soll.

Die Palette reicht von einer sogenannten Säule 3e, in der Paare steuerbefreit für eine Auszeit sparen könnten, über eine gesetzliche Mindestvorgabe für einen bezahlten oder unbezahlten Vaterschaftsurlaub bis zu einer Versicherungslösung, die aus dem Topf der Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert würde – wie der Mutterschaftsurlaub. Letzteres ist aber wohl nur mit einer leichten Erhöhung der Lohnabzüge finanzierbar. Der Bundesrat rechnet bei einem Vaterschaftsurlaub von drei Wochen mit Mehrkosten von rund 200 Millionen Franken pro Jahr.

Bis anhin hat sich die Landesregierung stets gegen einen staatlich verordneten Vaterschaftsurlaub ausgesprochen – ebenso das Parlament. Es ist aber gut möglich, dass Sozialminister Alain Berset (SP) einen solchen beantragen wird. Ob er sich damit durchsetzen kann, ist dagegen eher fraglich. Das sei auch nicht nötig, findet eine Mehrheit der vom TA befragten Unternehmen. Viele Betriebe hätten ja bereits heute auf freiwilliger Basis einen Vaterschaftsurlaub eingeführt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.05.2013, 06:21 Uhr)

Wer den Eltern wie viel Urlaub gewährt

Zum Vergrössern auf das Bild klicken. (Bild: TA-Grafik/Quelle: Unternehmen)

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