Wirtschaft

«Vor der Sitzung mit dem Bundesrat habe ich für die Kinder gekocht»

Von Nicole Tesar. Aktualisiert am 21.07.2011

Martin Flügel ist Präsident und Geschäftsführer von Travailsuisse. Daneben betreut er seine drei Töchter. Das bedingt Organisation: Flügel behandelt die Zeit zu Hause wie einen geschäftlichen Termin.

Um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, «muss man sich rasch auf einen neuen Kontext einstellen»: Martin Flügel.

Um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, «muss man sich rasch auf einen neuen Kontext einstellen»: Martin Flügel.
Bild: Keystone

Der Spagat zwischen Beruf und Familie

Mit diesem Interview startet der TA eine Serie zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Warum fällt es Männern schwerer als Frauen, im Beruf zugunsten der Familie Teilzeit zu arbeiten? Verbauen sich Frauen auf jeden Fall den Einzug in die Chefetage, wenn sie für das Kinderkriegen eine Auszeit nehmen? Wie reagiert das Umfeld, wenn Frauen trotz Kinder ihre Karriere vorantreiben? Auf diese und andere Fragen geben Frauen und Männer in Führungspositionen Auskunft. (TA)

Zur Person

Martin Flügel (43) ist seit 2008 Präsident und Geschäftsführer von Travailsuisse. Dem Dachverband gehören zwölf Arbeitnehmerorganisationen wie Syna, Angestellte Schweiz oder Hotel & Gastro Union an. Er vereint 170 000 Arbeitnehmende. Zuvor war Flügel seit Anfang 2000 bei Travailsuisse als Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter Sozialpolitik tätig.

Der begeisterte Fussballer absolvierte zuerst eine Berufslehre als Elektrozeichner. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er die Matura nach und studierte an der Universität Bern Philosophie und Volkswirtschaft. Nach dem Studium arbeitete er als Assistent am Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus des Volkswirtschaftlichen Departements der Universität Bern. Gleichzeitig promovierte er 1999 im Fach Philosophie mit der Dissertation «Umweltethik und Umweltpolitik».

Aufgewachsen ist Flügel in Thierachern bei Thun. Er ist verheiratet und Vater dreier Töchter im Alter von fünf, sieben und neun Jahren. Seine Frau arbeitet in einer Führungsposition bei der Stadt Bern. Martin Flügel lebt mit seiner Familie in Bern. (nt)

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Korrektur-Hinweis

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War Ihr gewünschtes Teilzeitpensum bei der Wahl zum Travailsuisse-Präsidenten ein Problem?
Das war nur kurz ein Thema. Mit meinem Verweis darauf, dass mein Vorgänger Hugo Fasel auch 80 Prozent bei Travailsuisse angestellt war und daneben noch ein Nationalratsmandat innehatte, war das vom Tisch.

Wieso arbeiten Sie trotz Kaderposition nur 80 Prozent?
Für meine Frau und mich war immer klar, dass wir beide im Beruf und in der Familie Verantwortung übernehmen wollen. Meine Frau arbeitet 60 Prozent. Bereits bevor ich Vater wurde, hatte ich Teilzeit gearbeitet. Ich wusste, dass es schwierig würde, das Arbeitspensum zu reduzieren, wenn man einmal zu 100 Prozent angestellt ist – und 120 Prozent arbeitet.

So weitsichtig hatten Sie geplant?
Ich arbeitete früher auch aus anderen Gründen Teilzeit. Als ich etwa meine Dissertation schrieb, war ich zwar zu mehr als 100 Prozent ausgelastet, aber angestellt war ich nur im Teilzeitpensum. Danach war es tatsächlich so, dass ich nicht Vollgas geben wollte, um dann nach zwei, drei Jahren das Pensum wieder reduzieren zu müssen. Man kann auch in Teilzeitstellen Verantwortung übernehmen.

Wie klappt das Nebeneinander von Beruf und Familie?
Ich behandle meine Zeit zu Hause wie geschäftliche Termine. Sie haben verbindlichen Charakter, aber ich bewahre mir eine gewisse Flexibilität. Ich muss im Büro manchmal Termine schieben, auch wenn sie wichtig sind. Und genau so muss ich mal mit der Familie etwas einrichten, damit es geht. Als ich jüngst eine Einladung von Bundesrat Schneider-Ammann zu den flankierenden Massnahmen erhielt, konnte ich ja nicht absagen mit der Begründung, das sei mein Familientag.

Wie sah dieser Tag schliesslich aus?
Am Morgen hatte ich mehrere Sitzungen bei Travailsuisse. Dann bin ich nach Hause gefahren, die Kinder kamen von der Schule, ich habe gekocht. Und nach dem Mittag war der Termin mit Schneider-Ammann. Dort musste ich erläutern, welche Vorstellungen der Dachverband zu den flankierenden Massnahmen im freien Personenverkehr hat. Da muss man sich rasch auf einen neuen Kontext einstellen.

Fällt Ihnen das schwer?
Mental ist das sehr herausfordernd. Es ist aber auch sehr erfüllend, denn so ein Tag bildet eine Gesamtheit. Ich merke dann, wo ich überall zu Hause bin. Das heisst auch: Man ist mit sehr unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert.

Wie sehen diese Anforderungen aus?
Kinder reagieren anders, es braucht mehr Geduld und Verständnis, gleichzeitig muss man konsequent sein. Zu Hause ist es hektischer als an der Arbeit. Bei den Kindern ist es ein Kommen und Gehen, man muss viele kleine kurzfristige Entscheidungen treffen.

Und bei der Arbeit?
Im Büro bin ich mehr mit «Tankern» konfrontiert, also mit Aufgaben, die zum Teil Jahre dauern. Ich muss auch Entscheidungen fällen, aber ich habe mehr Zeit. Die Arbeit ist intellektuell anspruchsvoller und die Interessenvertretung bedingt auch, dass ich taktisch und strategisch handle.

Wie organisieren Sie die Betreuung der Kinder?
Ich bin an zwei halben Tagen zu Hause: am Montagmorgen und am Dienstagnachmittag. Meine Frau und ich lösen uns jeweils ab. Am Montag koche ich für die ganze Familie das Mittagessen. Am Morgen sind die Kinder in der Schule und im Kindergarten. Das gibt Gelegenheit, die Wocheneinkäufe zu machen oder aufzuräumen. Verantwortung in der Familie zu übernehmen, heisst eben nicht nur, die Kinder zu betreuen. Der Haushalt gehört auch dazu. Meine Frau arbeitet in einer Leitungsfunktion zu 60 Prozent bei der Stadt Bern. Am Mittwoch ist sie bei den Kindern. An zwei Tagen gehen die Kinder nach dem Kindergarten oder der Schule in eine Tagesschule. Die familienexterne Betreuung kennen unsere Kinder, seit sie fünf Monate alt sind. Sie besuchten vor dem Kindergarten eine Kindertagesstätte.

Warum ist es Ihnen wichtig, mit den Kindern unter der Woche einen Tag zu Hause zu verbringen?
Man lernt einander anders kennen, und zwar gegenseitig. Es ist dann halt nicht immer Wochenende, wo alle entspannt sind. Ich habe manchmal auch Stress. Meine Kinder merken, wie es ist, wenn ich unter Druck stehe, sei es wegen Arbeiten im Haushalt oder weil ich noch etwas fürs Büro erledigen muss. Dann rufe ich auch mal: «Ruhe, jetzt muss ich ein dringendes Telefongespräch erledigen.»

Klappt das gut?
Ja, jetzt wo die Kinder etwas grösser sind, funktioniert das.

Können Sie sich da überhaupt abgrenzen?
Ich halte Beruf und Familie gar nicht so stark auseinander. Beides gehört ja auch zusammen. Meine Arbeit ist häufig geistige Arbeit. Diese kann ich ausserhalb des Büros fortsetzen. Bei manueller Arbeit geht das weniger.

Wie reagiert Ihr Umfeld, wenn Sie von Ihrer Familienorganisation erzählen?
Im privaten Umfeld kenne ich viele Familien, die ähnlich leben, wie wir das tun. Da ist das nichts Besonderes. Im beruflichen Umfeld gibt es verschiedene Reaktionen. Häufig finden es die Leute toll. Die Männer sagen dann im zweiten Satz, das sei bei ihnen nicht möglich gewesen. Ich frage nie, warum. Das muss jeder selber wissen. Seit ich Präsident bin bei Travailsuisse, stellt man mir öfter die Frage, ob das überhaupt gehe.

Was antworten Sie?
Ja, klar. Ich muss manchmal erklären, warum das geht. Abends gehe ich zwar in der Regel gegen 18 Uhr nach Hause. Mir ist es wichtig, mit der Familie zu Abend zu essen und sich noch auszutauschen, bevor die Kinder gegen 20 Uhr ins Bett gehen. Dafür arbeite ich dann manchmal am Abend . . .

Müssen Sie das oft?
Ja, das ist eigentlich sogar recht häufig der Fall. Trotzdem halte ich dieses Modell für viel besser für das Familienleben.

Bleibt Ihnen da noch Zeit für sich selbst?
Wenig. Ich spiele seit zwanzig Jahren jeweils am Donnerstagabend Fussball mit einigen Freunden. Wir haben eine Halle dafür gemietet.

Wie erklären Sie den Kindern, was Sie für eine Arbeit machen?
Danach fragen Sie mich nicht oft. Sie wissen vor allem, dass ich Präsident bin. Sie bekommen mit, dass ab und zu etwas über mich in der Zeitung steht oder dass mich jemand im Fernsehen gesehen hat. Wir besitzen selbst kein Fernsehgerät.

Und wenn sie dann doch fragen?
Dann versuche ich, zu erklären: Regeln gibt es nicht nur zu Hause, sondern auch ausserhalb der Familie. Man nennt sie dann Gesetze. Sie regeln zum Beispiel, wie viel Geld Grosspapi oder Grossmami erhalten, wenn sie altershalber nicht mehr arbeiten gehen. Ich setze mich ein, dass unsere Gesellschaft gute Gesetze bekommt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2011, 19:09 Uhr

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