Wirtschaft
«Wenn einer kündigt, schaue ich mir als Erstes den Chef an»
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 04.03.2010 5 Kommentare
Herr De Maeseneire*, als Sie letzten Juni Chef von Adecco
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wurden, hatte die Krise den Konzern schon voll getroffen. Wie reagierten Sie?
Ich arbeitete von 1998 bis 2002 bereits einmal bei Adecco. So waren Branche und Unternehmen nicht neu, ich traf auch auf alte Bekannte. Das erleichterte den Einstieg in einer schwierigen Zeit. Aber ich bin von Natur aus Optimist und sagte, schlimmer kanns nicht kommen.
Adecco hatte damals bereits massiv Kosten gesenkt, 2009 wurden die Kosten nochmals um 19 Prozent runtergefahren und 20 Prozent des Personals abgebaut. War das für Sie eine völlig neue Erfahrung?
Nein, ich arbeite seit Jahren in einem zyklischen Umfeld, da gehören Krisen, Restrukturierungen und Personalabbau dazu. Wir mussten 9000 Leute entlassen, das ist für niemanden einfach, es stecken 9000 Gesichter dahinter. Doch ohne harte und proaktive Restrukturierungsmassnahmen stünde das Unternehmen heute nicht so solide und gut aufgestellt da. Wir konnten zwei grössere Übernahmen tätigen, weil wir ein grosses finanzielles Polster hatten.
Trotz massivem Umsatzrückgang blieb die Bruttogewinnmarge hoch. Wie haben Sie das geschafft?
Das ist eine Folge der Kostendisziplin, die bereits seit 2006 grossgeschrieben wird. Zudem bauen wir vor allem dort aus, wo die Margen höher sind, etwa in der Vermittlung von Fachkräften. Im vierten Quartal hat auch der Bereich Outplacement gut gearbeitet, wo wir im Auftrag von Firmen Entlassene auf der Stellensuche begleiten. Dieses diversifizierte Portefeuille hat uns ebenso geholfen wie unsere weltweite Präsenz.
Was lässt Sie glauben, dass Adecco das Schlimmste überstanden hat?
Die positive Entwicklung im letzten Quartal und zu Beginn dieses Jahres stimmt uns zuversichtlich. Das heisst nicht, dass die ganze Weltwirtschaft das Schlimmste überstanden hat, jedenfalls nicht in Westeuropa. Rascher werden sich die USA und vor allem Asien erholen. Dennoch bleiben wir vorsichtig und halten unsere Kosten vorerst sicher tief.
32 Prozent des weltweit vermittelten Personals sind Fachkräfte. Auch nach dem Kauf darauf spezialisierter Firmen erhöht sich dieser Anteil bei Adecco nur von 17 auf 25 Prozent. Weshalb liegt da nicht mehr drin?
2010 werden wir 28 Prozent erreichen. Der Markt für Fachkräfte ist in den USA und Grossbritannien am grössten, doch diese Märkte sind stark fragmentiert. Da ist man mit 10 Prozent bereits Marktführer. Deshalb sind wir mit 28 Prozent unserer Einnahmen mit Abstand am grössten und auch deutlich grösser als Unternehmen, die nur Fachkräfte vermitteln.
Adecco vermittelt auch Personal über die Grenzen hinweg. Ist das noch eine Nische oder schon mehr?
Noch ist es eine Nische, aber bald nicht mehr. Die Überalterung der westlichen Welt führt dazu, dass wir etwa für das Gesundheitswesen bald in Osteuropa oder Asien Personal suchen müssen. Schon heute vermitteln wir Bauarbeiter, Pflegepersonal, Ingenieure oder Apotheker von Ost- nach Westeuropa.
Wie ist Adecco in den Schwellen- ländern selbst aufgestellt?
Diese Märkte wachsen enorm, und wir sind vorne mit dabei. In Indien etwa, wo wir schon vor einem Jahr täglich 70 000 Leute beschäftigten, legten wir 40 Prozent zu und sind jetzt Marktführer.
Ihr Credo ist: Leute arbeiten nicht für ein Unternehmen, sie arbeiten für ihren Chef. Wie kommen Sie dazu?
Für mich zählen drei Dinge: Team, Vertrauen und Talent. Es braucht gegenseitigen Respekt, man muss zusammen arbeiten, aber auch Spass haben können. Wenn einer kündigt, schaue ich mir als Erstes den Chef an; er ist verantwortlich für die Fluktuation in seinem Bereich. Auch als Chef darf ich Fehler machen, aber ich muss daraus lernen und sie nicht wiederholen. Ein gutes Team ist komplementär. Nicht jeder muss überall stark sein, aber das Team muss überall seine Stärken haben. Auch ich habe Schwächen, und ich stehe dazu.
Wo liegen Ihre Schwächen denn?
Ich habe ein gutes Bauchgefühl, und so fälle ich Entscheide schnell und manchmal nur mit 20 oder 25 Prozent der Elemente, die man kennen müsste. Da ist es gut, Leute neben sich zu haben, die einem offen und direkt sagen: Patrick, schlaf mal drüber, wir können das morgen mit Ruhe angehen. Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch und brauche rationale Leute, die mich von Zeit zu Zeit dazu zwingen, Abstand zu gewinnen, auch emotional. Genauso benötige ich einen Finanzchef, der alle Zahlen im Schlaf kennt, und eine Assistentin, die Ordnung in die Agenda bringt.
Der Adecco-Chefsessel ist ein heisser Stuhl. Zwei Ihrer Vorgänger mussten unfreiwillig gehen. Keine Angst, dasselbe Schicksal zu erleiden?
Angst wäre ein schlechter Ratgeber. Wer Angst hat, versteckt sich und fällt keine Entscheide. Ich pflege eine offene Kommunikation mit dem Verwaltungsrat und sage auch da, dass wir gewisse Dinge besser machen könnten. Ich konzentriere mich voll und ganz auf meinen operativen Job und lehne Verwaltungsratsmandate ab. Sollte es eines Tages heissen, wir haben einen, der das besser macht als du, ist das zu akzeptieren. Aber glauben Sie mir, ich werde nicht warten, bis mir das jemand sagt. Als Chef trage ich die Verantwortung und ziehe selber die Konsequenzen. Aber Angst, nein, das habe ich wirklich nicht.
*Patrick De Maeseneire: Nach sieben Jahren als Chef des Schokoladeherstellers Barry Callebaut ist Patrick De Maeseneire zurück bei Adecco. Von 1998 bis 2002 leitete der 53-jährige Belgier beim Personalvermittler zuerst die Region Benelux und danach das Fachkräftegeschäft. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.03.2010, 08:07 Uhr
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5 Kommentare
schön, dass es noch solche Vorgesetzten gibt. Leider findet man Führungskräfte dieser Art immer seltener. In den vergangenen 8 Jahren habe ich auf einem Amt gearbeitet, wo man den Eindruck gewinnen musste, die Führung honoriere seine Zwischenkader anhand der Anzahl MitarbeiterInnen, die den Job quittieren. Antworten
Lieber Herr Maeseneire. Ich hoffe, dass Sie diesen Kommentar lesen, da ich an Sie ein ganz grosses Lob aussprechen möchte. Ihre Strategie, sich bei einer Kündigung zuerst den Chef anzuschauen, ist beispielhaft.Im D-Fernsehen habe ich eine Sendung gesehen,wo sogar Unternehmer selbst sagen,wenn eine Firma Leute entlassen muss, hat der Geschäftsführer versagt und nicht die Mitarbeiter.Speziell heute! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





