10 Dollar? Ölpreis steuert auf historischen Absturz zu

Der erste Experte prophezeit ein Niveau von zehn Dollar je Fass. Dreieinhalb Gründe sprechen dafür, dass es wirklich bald so kommt.

Für die Analysten ist die Öl-Welt aus den Fugen geraten: Arbeiter auf den Ölfeldern von Sakhir, Bahrain. Foto: Hasan Jamali (AP)

Für die Analysten ist die Öl-Welt aus den Fugen geraten: Arbeiter auf den Ölfeldern von Sakhir, Bahrain. Foto: Hasan Jamali (AP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Paul Horsnell hat sich an die Spitze gesetzt. Er hat sie genannt, die tiefste Zahl. Zehn Dollar je Barrel, lautet seine Prognose für den Ölpreis. So weit wie der Rohstoffexperte von der Bank Standard Chartered ist bislang noch kein Analyst oder Ökonom gegangen.

Die Stimmung an den Energiemärkten ist so schlecht, dass zwischen den Strategen ein regelrechter Unterbietungswettbewerb ausgebrochen ist. Hatte die Investmentbank Goldman Sachs als erste einen Sturz auf 20 Dollar prognostiziert, hat zu Wochenbeginn Konkurrent Morgan Stanley nachgezogen und ebenfalls einen Barrelpreis von 20 Dollar ausgerufen.

Die britische Grossbank RBS wiederum mischte sich mit einer Prognose von 16 Dollar ein, bevor Standard Chartered den bisherigen Tiefpunkt mit zehn Dollar setzte. «Ich sehe die Marke von zehn Dollar pro Fass zwar nicht als gerechtfertigt an. Doch im Markt befinden sich so viele Spekulanten, die bereit sind, den Preis bis auf dieses Niveau zu drücken», erklärt Horsnell.

Preiskrieg innerhalb der Opec

Für die Analysten ist die Öl-Welt aus den Fugen geraten: Grund sind tektonische Verschiebungen sowohl auf der Nachfrage- als auch der Angebotsseite, die zu einer Ölschwemme geführt haben. Weltweit sind die Reservetanks so gut gefüllt wie noch nie. In den USA befinden sich die Lagerbestände mehr als 100 Millionen Barrel über dem langjährigen Durchschnitt.

Da sind die wirtschaftlichen Turbulenzen in China. Die Ökonomie im Reich der Mitte hat sich offenbar deutlicher als bislang angenommen abgeschwächt. China ist mit einer Nachfrage von täglich rund 11,5 Millionen Barrel der zweitgrösste Ölkonsument weltweit. Damit nicht genug. Der diesjährige Winter in der nördlichen Hemisphäre ist deutlich wärmer als normal, was zusätzlich den Verbrauch bremst.

Die niedrigere Nachfrage trifft auf ein Rekordangebot an Öl. Mit 32,9 Millionen Barrel am Tag stieg etwa die Opec-Förderung auf einen historischen Rekord. Anfang Dezember hatte das Ölkartell Opec formell die Förderlimits für einzelne Mitglieder ausser Kraft gesetzt. Der diplomatische Konflikt zwischen den beiden Opec-Mitgliedern Saudiarabien und Iran hat die Situation noch verschärft. Offensichtlich setzen die Saudis im Kampf mit dem Iran um die Vorherrschaft im Nahen Osten die Ölwaffe ein. Ein niedriger Preis soll verhindern, dass der Iran nach dem erwarteten Ende der Sanktionen sein grosses Comeback am Energiemarkt bekommt.

«Wir erleben einen Preiskrieg innerhalb der Opec», sagt Francisco Blanch, Analyst bei der Bank of America Merrill Lynch. Auch er hat seine Prognosen drastisch reduziert. Seines Erachtens können die Notierungen noch bis auf 25 Dollar fallen.

Einige Förderländer stehen am Rande des Kollapses

Seit Jahresanfang sind die Ölpreise um fast 15 Prozent eingebrochen. Am Dienstag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent vorübergehend nur noch 30,34 Dollar. Der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI fiel kurzzeitig sogar unter die Marke von 30 Dollar. Damit wurde eine weitere runde Marke geknackt. Am 2. April 2004 war das Brent zum letzten Mal für 30 Dollar zu haben, WTI im Dezember 2013.

Während die meisten Analysten mit einer Trendwende beim Öl spätestens im zweiten Halbjahr rechnen, sind die Terminmärkte, an denen die zukünftigen Kurse gehandelt werden, wesentlich pessimistischer. Diese erwarten langfristig niedrigere Preise. Zu Wochenbeginn sind die Ölkontrakte für das Jahr 2020 unter die Marke von 50 Dollar gefallen.

Im Klartext: Geht es nach den Händlern am Energiemarkt, wird das schwarze Gold in den kommenden vier Jahren weniger als 50 Dollar kosten. Die Analysten erwarten im Durchschnitt nach Daten des Finanzdienstes Bloomberg hingegen schon für das dritte Quartal Notierungen jenseits der 50 Dollar.

Einige Förderländer und Ölkonzerne stehen offenbar am Rande des Kollapses und brauchen dringend eine Trendwende. Darauf lassen Äusserungen des derzeitigen Vorsitzenden der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), Nigerias Ölminister Emmanuel Ibe Kachikwu, schliessen. Der hat wegen des dramatischen Ölpreisverfalls ein Sondertreffen des Kartells gefordert. Die Opec solle Anfang März zusammenkommen.

Vielen US-Förderfirmen droht die Pleite

«Wir haben gesagt, wenn der Preis die 35-Dollar-Marke erreicht, dann werden wir über ein Sondertreffen sprechen», sagte Kachikwu. In Nigeria ist die Währung Naira wegen des Ölpreisverfalls zuletzt auf den tiefsten Stand der Geschichte gefallen, die Währungsreserven sind auf 28 Milliarden Dollar zusammengeschmolzen. Ähnlich geht es auch Aserbeidschan.

Auch Russland muss den Gürtel enger schnallen. Der öffentliche Haushalt soll um weitere zehn Prozent gekürzt werden, um die Einnahmeausfälle zumindest teilweise zu kompensieren.

Noch prekärer ist die Situation für Ölförderfirmen. Insbesondere in den USA hat der Schieferboom viele Newcomer hervorgebracht, die für die Anfangsinvestitionen hohe Schulden aufgenommen haben. Einer Studie von Wolfe Research zufolge könnte bis Mitte 2017 ein Drittel der US-Öl- und Gasproduzenten pleite sein, sollte sich der Ölpreis nicht bald wieder deutlich erholt haben und über der Marke von 50 Dollar notiert sein.

Die Firmen würden bei den aktuellen Notierungen Woche für Woche Verluste in Höhe von zwei Milliarden Dollar schreiben. Einer Studie von Morgan Stanley zufolge ist das Umfeld für Ölförderfirmen derzeit schlechter als 1986. Damals kostete das Fass übrigens zehn Dollar. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2016, 16:17 Uhr)

Artikel zum Thema

Der Ölpreis erreicht ein Rekordtief

Seit 2008 war Erdöl nicht mehr so günstig. Grund dürfte das momentan vorherrschende Überangebot sein. Mehr...

Wer vom billigen Öl am stärksten profitiert

Der tiefe Ölpreis macht viele Güter günstiger. Doch nicht bei allen haben die Konsumenten gleich viel davon. Mehr...

Wie der tiefe Ölpreis ein Feuer entfacht

Der Ölpreis ist abgestürzt. Die Opec-Länder streiten. Und nun mischen auch noch die Russen mit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sch**** Kunst: Eine Mitarbeitern der Tate Britain bestaunt das Werk «Project for a door» von Anthea Hamilton. Die britische Künstlerin ist zusammen mit Michael Dean, Helen Marten und Josephine Pryde auf der Shortlist des Turner Prize 2016. (26. September 2016).
(Bild: Carl Court/Getty Images) Mehr...