3 Gründe, warum der Börsenorkan sich nicht verziehen wird

Nach dem spektakulären Fehlstart ins neue Jahr sind die Aktienmärkte weltweit angeschlagen. Der richtige Zeitpunkt, um einzusteigen?

Das Geschehen an den Aktienmärkten strapaziert mal wieder die Nerven: Die Börse Chinas beim Crash.

Das Geschehen an den Aktienmärkten strapaziert mal wieder die Nerven: Die Börse Chinas beim Crash. Bild: Keystone

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Im jetzigen Marktumfeld gehe es primär darum, das investierte Kapital zu schützen, und nicht ums Geldverdienen. «2016 schaut nicht allzu gut aus.» Die Worte stammen von einem der renommiertesten Fondsmanager in den USA: Jeffrey Gundlach, der mit seinem Anleihenfonds Doubleline Total Return im letzten Jahr eine Rendite von 2,3 Prozent erzielte und damit gemäss der Agentur Bloomberg weit über 90 Prozent seiner Mitbewerber übertraf.

Der seit Jahrzehnten miserabelste Start in ein neues Börsenjahr weckt noch andere ominöse Erinnerungen. Etwa an den 26. Februar 2007, als die Börse von Shanghai nach einem monatelangen Höhenflug einen Kurssturz um knapp 9 Prozent erlebte und die Aktienmärkte weltweit mit in die Tiefe riss. Wie sich im Rückblick zeigte, hatte dieses Börsengewitter wesentlichen Anteil daran, die Investoren aus ihrer sorglosen Stimmung herauszureissen, die sich nach Jahren relativ geringer Kursschwankungen breitgemacht hatte. Je mehr sich deren Aufmerksamkeit in der Folge auf die Überschuldung im amerikanischen Immobilienmarkt richtete, desto unruhiger wurde das Marktgeschehen – bis die Spekulationsblase mit einem Riesenknall platzte und die Welt in die grösste Finanzkrise seit den 30er-Jahren stürzte.

Chinas Börse mit beschränkter Wirkung

Auch jetzt wieder liegt das Epizentrum des weltumspannenden Börsenbebens in China. Doch wie kann es sein, dass die Turbulenzen in den chinesischen Aktienmärkten eine derart starke Ausstrahlungskraft haben? Für die Performance grosser, global agierender Investoren spielen diese Handelsplätze überhaupt keine Rolle. Die seit Jahresbeginn verzeichneten Kursverluste – gemessen am chinesischen Bluechip-Index CSI 300 betragen sie rund 13,5 Prozent – bekommen weit überwiegend Chinas Kleinanleger zu spüren. Selbst für die Realwirtschaft im Reich der Mitte hat das Geschehen im inländischen Aktienhandel, das öfter mehr an ein Spielkasino erinnert, nur eine beschränkte Wirkung.

Somit lassen die von Fernost ausgehenden Markttumulte wohl mehr Rückschlüsse zu auf die Grundstimmung an Amerikas und Europas Finanzmärkten als auf die gesundheitliche Verfassung der chinesischen Wirtschaft. Welches sind denn die wichtigsten Treiber für die derzeitige Börsenbaisse?

1. Vertrauensverlust

Immer mehr Investoren hegen Zweifel daran, wie verlässlich die Grundlagen sind, auf denen sie Anlageentscheidungen treffen. Das hat nun sehr viel mit China zu tun. Die Daten, die von der weltweit zweitgrössten Wirtschaft erhältlich sind, gelten hier vielerorts als geschönt bis regelrecht manipuliert. Wenn China nächste Woche die Zahlen zur Wirtschaftsleistung im vierten Quartal bekannt geben wird, dürfte ein Wachstum von um die 7 Prozent herauskommen. Westliche Wirtschaftsforscher gelangen bei ihren Erhebungen teils zu ganz anderen Werten. So beziffert die Londoner Fathom Consulting, ein renommierter Anbieter makroökonomischer Recherchen, die chinesische Wachstumsrate auf 2,4 Prozent. Bei so viel Ungewissheit gewinnen andere «harte» Daten wie chinesische Aktien- und Wechselkurse automatisch an Gewicht. Deren Verlauf kann durchaus zum Schluss verleiten, dass das Riesenreich auf eine starke Abkühlung zusteuert. Ein Worst-Case-Szenario, dem Investoren bislang eine eher geringe Wahrscheinlichkeit beigemessen haben.

2. Vergangene Gewissheiten

Wer hätte vor kurzem noch für möglich gehalten, dass Chinas riesiger Rohstoffhunger auf absehbare Zeit gestillt sein könnte oder dass Saudiarabien trotz einem Preis von weniger als 35 Dollar je Fass aus vollen Rohren Öl fördert? Im Herbst 2015 entfiel nach Expertenschätzungen etwa die Hälfte des globalen Verbrauchs an Aluminium, Kupfer, Nickel und Zink auf China, und noch 2012 hatte der Internationale Währungsfonds die durchschnittliche Wachstumsrate des Landes für den Zeitraum 2015 bis 2017 auf 8,6 Prozent veranschlagt. Darauf stützten sich Rohstoff-exportierende Länder und Bergbaukonzerne bei ihren damaligen Investitions- und Kapazitätsplanungen. Dass China nun ernst macht mit der Umstrukturierung der Wirtschaft und das Wachstum stärker in Konsum und Dienstleistungen sucht – statt in Investitionen und Export –, hatten sie schlicht nicht in ihrem Kalkül.

Wohl noch dramatischer ist die Wende auf dem Ölmarkt. Nachdem sich die Preise seit 2011 praktisch ununterbrochen über der 100-Dollar-Marke gehalten hatten, galt es bis in die erste Hälfte 2014 in der Branche als ausgemacht, dass die Notierungen nicht unter 90 Dollar sinken; andernfalls würden die Saudis als die grössten Exporteure preisstützend eingreifen. Basierend auf solchen Annahmen, bewerteten Banken und andere Kreditgeber in den USA die Ölvorräte von Energiekonzernen und letztere die Rentabilität von Investitionen in die Erschliessung neuer Vorkommen. Mit dieser vermeintlichen Sicherheit ist gemäss Experten zu erklären, dass der Kapazitätsausbau in der US-Wirtschaft zwischen 2009 und 2014 zu zwei Dritteln im Energiesektor erfolgte. Die kalte Dusche folgte im November 2014, als die Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) auf Betreiben Saudiarabiens beschloss, nicht mehr den Preis zu stützen und stattdessen die Marktanteile zu verteidigen. Heute fürchten etliche US-Banken um die Qualität ihrer ausstehenden Kredite bei Energiefirmen, und die von diesen emittierten Anleihen weisen drastisch gestiegene Risikozuschläge aus. Beides drückt empfindlich auf die Stimmung an den US-Finanzmärkten.

3. Zinswende in den USA

Mit ihrer Leitzinserhöhung im vergangenen Dezember hat die US-Notenbank unmissverständlich klargemacht, dass sich die Zeiten des billigen Geldes dem Ende zuneigen. Für Investoren haben sich die Rahmenbedingungen damit fundamental verändert. Sie können sich nicht mehr darauf verlassen, dass Notenbanken mit einer unerschöpflichen Geldflut alle Kursausschläge an den Märkten unterdrücken und für einen steten Anlagestrom in risikoreiche Investments sorgen. Stattdessen müssen sie wieder ihre Hausaufgaben machen und kritisch hinterfragen, ob sie für das von ihnen eingegangene Risiko eine hinreichende Rendite bekommen. Damit dürfte unweigerlich ein allgemeiner Anstieg der Risikoprämien bei Wertpapieren verbunden sein. Anders ausgedrückt: Die jetzigen, immer noch stolzen Kursniveaus bei Aktien – der US-Index S&P 500 liegt um rund 30 Prozent über seinem langfristigen Durchschnitt – lassen sich nur rechtfertigen, wenn die Unternehmen in der eben angelaufenen Berichtssaison für das vierte Quartal höhere Gewinne ausweisen und für die Zukunft weitere Steigerungen in Aussicht stellen. Gemessen an den meisten Analystenschätzungen, wäre ein solch günstiger Ausgang eher überraschend. Machen wir uns also auf weitere Börsenturbulenzen gefasst.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.01.2016, 19:44 Uhr)

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