Achterbahn der Gefühle

Trotz Frankenstärke drohe der Schweiz keine Deindustrialisierung, sagt der Branchenverband Swissmem. Dies zeigt das Beispiel eines Automatenherstellers.

Afag-Chef Markus Werro (r.) und Swissmem-Direktor Peter Dietrich. Foto: Keystone

Afag-Chef Markus Werro (r.) und Swissmem-Direktor Peter Dietrich. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Frust begann mit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI) im Februar 2014. Die EU stoppte die Schweizer Berechtigung zur Teilnahme an EU-Forschungsprojekten unter dem Titel Horizon 2020. Dies traf nicht nur Universitäten – was überall in den Zeitungen stand –, sondern auch innovative Schweizer Maschinenbauer. «Wir fürchteten um Forschungsprojekte, die für uns ein wichtiger Innovationstreiber sind und zur internationalen Vernetzung führen», sagt Markus Werro, Chef des schweizerisch-deutschen Automatenherstellers Afag.

Afag mit seinem Werk im bernischen Huttwil (80 Mitarbeiter) und zwei Standorten in Deutschland (110 Mitarbeiter) ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, auf welcher Achterbahn Schweizer Maschinenbauer derzeit fahren. Im Fall von Horizon konnte der Bundesrat einen vorläufigen Wiederanschluss erwirken und die Nachteile für Schweizer Maschinenbauer vorerst abwenden. Afag erhielt den Entwicklungsauftrag für ein wichtiges energiesparendes Maschinenbauteil im Wert von 800 000 Euro.

«Unbezahlte Mehrarbeit»

Rasant hinunter ging es erneut, als die Nationalbank im Januar des letzten Jahres die Eurokurs-Untergrenze aufhob. Alle Schweizer Exportprodukte verteuerten sich schlagartig um 20 Prozent. Für das Werk Huttwil sah es schlimm aus – umso schlimmer, da Afag die Produktion relativ einfach in ihre deutsche Werke (ihres deutschen Eigentümers) hätte verschieben können. So trat Markus Werro vor die 80-köpfige Belegschaft. Er sprach nicht juristisch von GAV-konformer Arbeitszeitverlängerung bei gleichem Lohn, sondern von der Notwendigkeit, dass jeder «unbezahlte Mehrarbeit» zu leisten habe, damit Huttwil überlebe. Nur zwei Wochen nach dem Nationalbankentscheid stimmte die Betriebskommission zu, drei Stunden pro Woche länger zu arbeiten. Im Schnitt hat jeder Arbeiter der Firma 3600 Franken geschenkt. Dies sei «gelebte Sozialpartnerschaft» und die Chance für den Werkplatz Schweiz, sagt Werro.

Im Herbst des letzten Jahres gings plötzlich wieder bergauf. Der Franken schwächte sich ab, die Auftragslage blieb konstant hoch (wie bei fast allen Maschinenbauern). Afag senkte die Wochenarbeitszeit um eine Stunde auf 42. Der Jahresabschluss sah noch besser aus. Die Firma wollte diesen Effort belohnen, und so erhielten die Schweizer Mitarbeiter «dank gutem Resultat» eine Kompensation von 1200 Franken.

Den deutschen Werken ging es letztes Jahr so gut, dass sie einen Teil der Mehraufträge nicht mehr leisten konnten und diese dem Schweizer Werk Huttwil übergaben. So erlebte die dortige Belegschaft ebenso eine Achterbahn der Gefühle. Im Zuge der Frankenstärke wurden acht Stellen abgebaut. Dank dem deutschen Boom und Forschungsprojekten konnten acht Stellen wieder aufgestockt werden. «Wir sind in dauernder Bewegung.»

Werros grösste Sorge (sowie die vieler Maschinenbauer) ist, im ländlichen Huttwil Talente anzuziehen – Lehrlinge wie auch erfahrene Ingenieure. «Wir Maschinenbauer haben die Attraktivität von Berufen wie Polymechaniker oder Auto­matiker nicht genug gefördert.» Er plädiert dafür, die sogenannte Generation Y abzuholen. «Wir müssen die Wahrnehmung ändern, sodass den Jungen klar wird, dass sie sich in unserem Betrieb verwirklichen können.» Dass die Lust auf den Job nicht nur PR sein muss, zeigt die kleine Afag. Um vorwärtszukommen, bewirbt sie sich um EU-Forschungsaufträge, wo sie beispielsweise mit einem griechischen Bildverarbeitungsspezialisten und portugiesischen Uniforschern kooperiert, um ein weltweites Patent für ein Bauteil zu erreichen, das in Huttwil gefertigt werden könnte.

«Artikel 121a umformulieren»

Der Branchenverband Swissmem präsentierte gestern eine düstere Bilanz 2015, betonte aber die positiven Seiten für 2016. Insbesondere die digitale Vernetzung – Modebegriff Industrie 4.0 – sei für die gut gerüstete Schweiz ein bedeutender Standortvorteil. Was die MEI-Umsetzung betrifft, sprach Swissmem-Präsident Hans Hess von der Notwendigkeit, den Verfassungsartikel 121a «neu zu formulieren», sodass die bilateralen Verträge mit der EU nicht gefährdet würden.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.02.2016, 22:51 Uhr)

Artikel zum Thema

Schindler steigert Gewinn trotz Frankenstärke

Der Luzerner Lifthersteller weist gute Werte für das Geschäftsjahr 2015 aus und ist optimistisch für das laufende Jahr. Mehr...

Genf und seine Franzosen

Serie Die Schweizer UNO-Stadt und ihr Umland sind eng verbunden und ihre Beziehung angespannt. Der harte Franken verstärkt beides. Mehr...

Maurer kündigt neue Sparrunde an

Die wirtschaftlichen Folgen der Frankenstärke hinterlassen Spuren im Bundeshaushalt. Falls sich das Parlament nicht zügelt, wächst das Defizit bis 2019 auf über eine Milliarde Franken an. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Anzeigen

Werbung

Kommentare

Blogs

Blog Mag Der Trumpstil
Sweet Home So wohnen Französinnen

Werbung

Die Welt in Bildern

Der Morgen nach dem Brexit: Pendler sitzen in einem Bus, der über die Waterloo Bridge in London fährt. (24. Juni 2016)
(Bild: Toby Melville) Mehr...