Als die Griechen aus der Währungsunion flogen

Bereits vor über hundert Jahren schlossen sich europäische Staaten zu einer Währungsunion zusammen. Griechenland und Italien wirtschafteten aber derart ruinös, dass sie die gesamte Union in die Krise stürzten.

Die Lateinische Währungsunion beschränkte sich auf die Silber- und Goldmünzen der Mitgliedstaaten – Banknoten waren ausgeschlossen: Blick über Athen. (Archivbild)

Die Lateinische Währungsunion beschränkte sich auf die Silber- und Goldmünzen der Mitgliedstaaten – Banknoten waren ausgeschlossen: Blick über Athen. (Archivbild) Bild: Keystone

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Der Euro gilt gemeinhin als Experiment ohne Präzedenzfall. Dabei hat Europa durchaus Erfahrung mit einer Währungsunion – und zwar langjährige: Bereits vor weit mehr als hundert Jahren waren gemäss «Welt online» zehn europäische Staaten in der Lateinischen Münzunion vereint. Und schon damals litt das Bündnis unter den wirtschaftlichen Problemen notorischer Sorgenkinder: Besonders Griechenland und Italien destabilisierten mit einer rücksichtslosen Haushaltspolitik die Währungsunion.

Dabei hatte alles vielversprechend angefangen: Das Bündnis wurde am 23. Dezember 1865 von Frankreich, Belgien, Italien und der Schweiz gegründet. Bereits 1868 trat auch Griechenland bei. Anders als beim Euro behielten die Münzen der Staaten ihre alten Namen, hatten fortan jedoch einen fixen Wechselkurs von eins zu eins zueinander. Wie heute gegenüber dem Euro zeigte sich Grossbritannien bereits damals kritisch, und auch Deutschland lehnte einen Beitritt ab.

Staaten wollten souverän bleiben

Die Absicht hinter dem Projekt war der heutigen Intention ähnlich: Die Länder versprachen sich vor allem wirtschaftliche Vorteile – der internationale Handel würde einfacher, Währungsspekulation schwieriger werden, lautete die Begründung. Zudem sollte damit geldpolitische Glaubwürdigkeit erzielt und der Zugang zu globalen Finanzmärkten gewährt werden. Die Gründung der Union stand zudem im Kontext des sich verknappenden Bestandes an Silbermünzen; das Silber verteuerte sich damals aufgrund grosser Goldfunde in Kalifornien, wie Margrit Müller, Dozentin für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, vor einigen Jahren im «Tages-Anzeiger» erläuterte (Artikel online nicht verfügbar).

Und so zeigten sich die Gründerstaaten 1865 enthusiastisch, dass der Lateinischen Münzunion die Zukunft gehören würde, wurde in sie doch die Hoffnung auf ein weltweites Münzsystem gesetzt. Nur schon in den vier Gründerstaaten lebten damals 65 Millionen Einwohner, und man war gemäss Müller optimistisch, dass das Gebiet noch bedeutend zunehmen würde. Nach dem Beitritt Griechenlands prägten später denn auch zusätzlich Spanien, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Österreich-Ungarn Münzen nach demselben System.

Beim Bündnis lassen sich zahlreiche Parallelen zur heutigen Währungsunion erkennen: Schuldenstaaten waren schon damals Griechenland und Italien. Eine weitere Gemeinsamkeit war die mangelnde Bereitschaft der Staaten, ihre nationale Souveränität abzugeben – darüber sollte die Union letztlich stolpern. Jedes Land behielt seine eigene Zentralbank und konnte selbst entscheiden, wie viel Geld es in Umlauf brachte. Das wurde als unproblematisch erachtet, denn der Wert der Münzen in der Union basierte auf deren Gold- beziehungsweise Silbergehalt, der festgelegt war. Ein Staat konnte nur so viele Münzen pressen, wie Edelmetallvorräte vorhanden waren.

Das Papiergeld wurde zum Problem

Dabei hatten die Gründerväter nicht mit dem Papiergeld gerechnet. Banknoten waren vom fixen Wechselkurs ausgenommen, weil sie nicht als richtiges Geld betrachtet wurden. Die unabhängigen Zentralbanken konnten folglich so viele Noten drucken, wie sie wollten – ein gravierendes Problem, wie sich bald herausstellen sollte. So stieg etwa in der Schweiz im Laufe der Jahre die Nachfrage nach Banknoten, weil die Verwendung von mittlerweile günstiger gewordenen Silbermünzen für grössere Zahlungen unpraktisch war. Bis in die 1870er-Jahre war das Banknotenwesen in der Schweiz gemäss Müller vergleichsweise wenig verbreitet und Sache der Kantone. Den weitaus grössten Anteil des Geldumlaufs bildeten die Münzen, deshalb schien eine bundesstaatliche Regelung nur bei dieser Art von Zahlungsmittel nötig.

Und die Initianten hatten die Probleme der Südstaaten unterschätzt: Namentlich Italien und Griechenland wirtschafteten derart ruinös, dass sie mit chronischer Staatsverschuldung zu kämpfen hatten. Um nicht bankrottzugehen, druckte die italienische Zentralbank grosse Mengen an Banknoten. Das führte aber zur Inflation, und italienische Münzen flossen massenhaft in die anderen Mitgliedsländer. Dort waren sie aufgrund der niedrigeren Inflation mehr wert als in Italien. Der Geldfluss führte in der Folge jedoch bald auch bei den wirtschaftspolitischen Musterschülern Frankreich und Belgien zur Inflation – und zur wirtschaftlichen Destabilisierung der gesamten Währungsunion.

Kostspielige Infrastrukturprojekte

Griechenland verschärfte die Situation schliesslich noch. Das Land hatte sich mit kostspieligen Infrastrukturprojekten übernommen, und sein Steuersystem war ineffizient; 1893 wurde Hellas für bankrott erklärt. Nach einem Schuldenschnitt druckte Griechenland grosse Mengen an Papiergeld und sorgte für eine weitere Destabilisierung. Das führte 1908 zum Rauswurf aus der Union. Als die Schuldenprobleme jedoch gelöst waren, wurde das Land zwei Jahre später wieder aufgenommen.

Den südlichen Pleitestaaten standen also bereits damals die wirtschaftlich starken und fiskalisch disziplinierten Nordstaaten wie Frankreich und Belgien gegenüber. Dass die Union dennoch bestehen blieb, lag vor allem an den hohen Kosten eines Auseinanderbrechens. Frankreich und Belgien wären auf all den italienischen und griechischen Münzen sitzen geblieben, die Südstaaten wären bankrottgegangen, und die Finanzkrise hätte sich verschärft. Und so kam es, dass die Union – obwohl sie nie richtig funktioniert hatte – über 60 Jahre bestehen blieb und dabei zahlreiche Krisen überstand. Erst der Erste Weltkrieg und der darauf folgende wirtschaftliche Kollaps führten mit einer Verzögerung zu ihrer Auflösung im Jahr 1927.

Für Wirtschaftsgeschichte-Dozentin Müller sind indes die Voraussetzungen für die langfristige Stabilität der Europäischen Währungsunion besser als jene der Lateinischen Münzunion, weil sie mit politischer Integration einhergeht und damit den stabilen nationalen Währungsunionen gleicht. (rbi)

(Erstellt: 31.07.2012, 17:32 Uhr)

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