Wirtschaft
Amerikas Abschied von einer berechenbaren Geldpolitik
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 05.11.2010 41 Kommentare
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Der 3. November 2010 könnte als Schicksalsdatum in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Als Tag, an dem sich die amerikanische Notenbank von einer zielgerichteten, abgewogenen und berechenbaren Geldpolitik verabschiedet hat. Was die Federal Reserve (Fed) am Mittwochabend mitteilte – dass sie mit frisch gedrucktem Geld weitere 600 Milliarden Dollar an US-Staatsanleihen bis Mitte 2011 aufkauft –, ist eine Kombination aus tiefer Ratlosigkeit, frivoler Experimentierlust und Spiel mit dem Feuer.
Selbst führende Vertreter der US-Notenbank räumen ein, dass von der neuerlichen quantitativen Lockerung der Geldpolitik geringe Impulse auf die erlahmende amerikanische Wirtschaft ausgehen dürften. Als die Fed im Dezember 2008 erstmals zum Mittel des Gelddruckens griff, herrschten ganz andere Umstände. Damals nach dem Schock des Lehman-Desasters waren die Geld- und Kreditmärkte zugefroren. Mit ihrem entschlossenen Umschalten auf eine unkonventionelle Geldpolitik trugen Fed-Chef Ben Bernanke und seine Crew entscheidend dazu bei, dass die Weltwirtschaft vor dem Absturz in Depression und Chaos wie in den Dreissigerjahren bewahrt blieb.
Ratlosigkeit
Heute funktionieren die Märkte (weitgehend), die US-Banken verfügen über eine Überschussliquidität von schätzungsweise 1000 Milliarden Dollar, die US-Unternehmen über «Cash» in vergleichbarer Grössenordnung. Die Crux ist: Diese immensen Mittel werden weder für Konsum- noch für Investitionszwecke genutzt, weil die privaten Haushalte endlich daran gehen, Schulden abzubauen und ihre Ausgaben zu kürzen, und die Unternehmen in einem Umfeld grosser wirtschaftlicher und politischer Unwägbarkeiten nur auf Sicht fahren. Noch mehr und noch grössere Liquiditätsspritzen der Notenbank vermögen daran nichts zu ändern.
Sie sind im Gegenteil geeignet, das Vertrauen in eine stabilitätsorientierte Geldpolitik zu untergraben. Mit quantitativer Lockerung bewegen sich die Währungshüter auf unsicherem Fundament. Bislang hat noch keine Notenbank bewiesen, dass sie in der Lage ist, ihr druckfrisches Geld rechtzeitig – vor Ausbruch der Inflation – und friktionslos – ohne Marktturbulenzen – dem Wirtschaftskreislauf wieder zu entziehen.
Experimentierlust
Wenn sich die Federal Reserve nun anschickt, die Druckerpresse ins normale geldpolitische Rüstzeug aufzunehmen, ist das ein Alarmzeichen. Unter Experten gilt es als ausgemacht, dass sich Bernanke & Co. «zu spät» bewegen werden, zumal sie ihr Mandat nicht allein auf Preisstabilität, sondern auch auf Vollbeschäftigung verpflichtet. Der deutliche Renditeanstieg 30-jähriger US-Staatsanleihen auf über 4 Prozent unmittelbar nach Bekanntgabe des Notenbank-Entscheids kann man als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen.
So gering also die Wirkung dieses Entscheids auf die reale US-Wirtschaft sein wird, so unangenehm dürften die Folgen für viele aufstrebende Schwellenländer sein. Wird doch die vom Fed erzeugte Liquiditätsschwemme primär die renditegetriebenen Kapitalströme nach Asien und Lateinamerika anschwellen lassen. Die betreffenden Länder stehen vor der Wahl, «Pest» oder «Cholera» zu erdulden: Entweder steigt als Folge der Zuflüsse der Wechselkurs ihrer Währungen – was die Exportchancen mindert –, oder sie verhindern eine Aufwertung und nehmen eine Ausweitung ihrer Geldmenge in Kauf, was die Gefahr von Blasen und Inflation erhöht.
Spiel mit dem Feuer
In dieser vertrackten Lage ist die Versuchung gross, den Kapitalverkehr mittels einseitiger administrativer Hemmnisse wie Steuern und Kontrollen einzuschränken. Massnahmen, die in eklatantem Gegensatz zu einer multilateralen, marktorientierten Weltordnung stehen und den weltweit latenten Hang zu staatlichem Interventionismus fördern.
Die USA tragen diesbezüglich eine gewichtige Verantwortung. Der Vorwurf an die Notenbank, sie ziele mit ihrer extrem aggressiven Geldpolitik primär auf eine Schwächung des Dollars, greift zu kurz. Doch nimmt sie die erodierende US-Valuta als angenehmen Nebeneffekt nur zu gerne in Kauf – und damit auch die stabilitätspolitischen Nöte vieler Schwellenländer. Der G-20-Gipfel kommende Woche kommt gerade richtig, um diese Problematik zu diskutieren, bevor sich die Fronten vollends verhärten.
Unter dem Strich bleibt der Befund, dass sich die US-Notenbank auf ein gefährliches Spiel eingelassen hat, bei dem sie nur wenig gewinnen kann, dafür aber hohe Risiken inklusive einer neuen Destabilisierung der Weltwirtschaft eingeht. Ein Ende dieser Vabanque-Strategie ist nicht absehbar: Gelddrucken wird in den USA aller Voraussicht nach über Mitte 2011 hinaus en vogue sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.11.2010, 23:33 Uhr
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41 Kommentare
Die Arroganz der Fed kennt keine Grenzen. Die Erträge aus den geliehenen Moneten fliessen in die Fed Kassen zurück und mehren somit die Renditen dieser 11 Privat- Banken. Man müsse die Geschichte der Fed-Entstehung und ihrer effektiven Rolle und Position innerhalb der USA kennen um die Auswirkungen dieser Monetenpolitik weltweit anzuprangern. Eine neue Reservewährung ist unasweichlich. Antworten
Ben Bernanke spielt ein ähnliches Spiel wie sein Vorgänger, Alan Greenspan. Unter dessen Führung hat sich die Geldmenge M3 fast verdreifacht - damit wurde der spekulative Preisaufstieg "finanziert", welches zum Platzen der US-Immokrise und die Weltwirtschaft in eine Krise ungeheuren Ausmasses führte. Also eigentlich nichts Neues.... Antworten
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