Wirtschaft

Angst vor weltweitem Abwertungswettlauf

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 08.09.2011 51 Kommentare

Die Schweiz ist kein Einzelfall – Japan, Schweden und Norwegen leiden ebenfalls an ihren hoch bewerteten Landeswährungen. Was, wenn sie dasselbe tun wie die Schweizerische Nationalbank?

Viele besorgte Anleger flüchten in den Yen: Börsenkurse in einem Schaufenster in Tokio.

Viele besorgte Anleger flüchten in den Yen: Börsenkurse in einem Schaufenster in Tokio.
Bild: Keystone

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Der Irrtum mit der Notenpresse

Die Ausweitung der Geldmenge durch die SNB und andere Massnahmen der Nationalbank haben keine Auswirkung auf den Druckauftrag für die neuen Schweizer Banknoten, der mit aller Wahrscheinlichkeit Ende Jahr an die Zürcher Orell Füssli (OF) gehen wird. Das Geld, das zusätzlich in Umlauf kommt, wird also nicht gedruckt, wie es landläufig heisst; es ist reines Buchgeld. Anders wäre es laut OF, wenn aufgrund einer Krisensituation plötzlich das Vertrauen in elektronisches Geld und die Banken schwinden und die Nachfrage nach physischem Geld stark ansteigen würde. Dann müsste OF allenfalls tatsächlich die Notenpresse anwerfen, weil die Leute das Geld lieber unter dem Kopfkissen als auf einem Konto bei der Bank aufbewahren möchten. Nur wenn Noten gehortet werden, muss auch mehr Papiergeld in Umlauf kommen.

Nationalbank hat eigene Händler

Um die untere Kurslimite von 1.20 Franken pro Euro zu halten, operiert die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Devisenmarkt mit eigenen Devisenhändlern, wie UBSExperte Thomas Flury gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnetz erklärte. Die SNBHändler hätten Zugang zum sogenannten Electronic Brokerage System. Da kann sich die Bank auch erkennbar zeigen. Laut Flury ist es möglich, dass dadurch etwas Wirkung erzielt wird. Ganz nach dem Motto «Die ziehen das wirklich durch». Teilweise würden aber auch SNB-Aufträge von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel (BIZ) durchgeführt. Wie viele Euros die Bank pro Tag aufkauft, lässt sich laut Flury nicht abschätzen. Für die Händler seien einzelne Aufträge erkennbar, doch lasse sich das nicht aufaddieren. Laut Flury ist es denkbar, dass die SNB durch einen Dauerauftrag agiert.

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Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den Mindestkurs von 1.20 Franken je Euro zu verteidigen, hat im Ausland ein zwiespältiges Echo ausgelöst. Viele Kommentatoren zeigten zwar Verständnis für die Nöte der Schweizer Exportwirtschaft angesichts des starken Frankens – die Währung hat sich laut Berechnungen der Agentur Bloomberg in den letzten zwölf Monaten bis September gegenüber neun wichtigen Währungen um mehr als 16 Prozent aufgewertet.

Doch es klang auch deutliche Besorgnis mit. Wenn eine weithin geachtete Institution wie die SNB (SNBN 1089 2.06%) – so der Einwand – einseitig Massnahmen ergreift, um die eigene Währung zu schwächen, ermuntert sie damit nicht andere Länder, es ihr gleich zu tun? Davon abgesehen könnten China und andere asiatische Länder, die ihre Währungen mehr oder minder fest an den Dollar gebunden haben, um ihre Exporteure zu begünstigen, durch das Vorgehen der Nationalbank eine indirekte Bestätigung erhalten.

Nordische Währungen beflügelt

Damit steht die Frage eines internationalen Abwertungswettlauf mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft erneut im Raum. Dies zu einer Zeit, da die beiden wichtigsten Währungen, US-Dollar und Euro, unter dem Eindruck eines Politikversagens einen starken Vertrauensverlust erleiden und gleichzeitig neue Rezessionsängste aufkommen. Als Reaktion auf die Ankündigung der Nationalbank vom Dienstag haben die schwedische und norwegische Krone an Wert zugelegt, wobei Letztere gegenüber dem Euro auf den höchsten Stand seit Februar 2003 geklettert ist. Schweden und Norwegen gelten dank solider Wirtschafts- und Finanzlage wie die Schweiz als sichere Häfen für besorgte Anleger – beim Franken ist nun aber die Aussicht auf Aufwertung abhandengekommen. Norwegens Finanzminister und der Notenbankchef liessen gestern jedoch verlauten, sie würden sich gegen weitere Aufwertungen stemmen, wenn dadurch die Exporte beeinträchtigt würden.

Japan, das ebenfalls einen starken Zufluss an Anlagegeldern verzeichnet, hat allein im August Yen für umgerechnet 58 Milliarden Dollar in den Markt geschleust, den höchsten Betrag seit 2004, um den Höhenflug der eigenen Währung zu bremsen. Nach Ansicht von Experten kann die weltweit drittgrösste Volkswirtschaft aber nicht so weit gehen wie die Schweiz: Würden die Japaner eine Wechselkurslimite gegenüber dem Dollar setzen und dafür nötigenfalls unbegrenzte Mengen der US-Valuta aufkaufen, wäre eine Konfrontation mit der Regierung in Washington unvermeidlich.

Die Nationalbank wollte sich gestern nicht zu dem Thema äussern. Beobachter attestieren ihr, dass nicht alle «sicheren Häfen» dieser Welt in der gleichen Zwangslage stecken wie die Schweiz. So gilt die jüngste Frankenaufwertung in Bezug auf Schnelligkeit und Ausmass als historisch einmalig, und sie betrifft dazu noch eine kleine Volkswirtschaft, welche rund die Hälfte ihres «Einkommens» im Ausland verdient. Hingegen ist die japanische Währung heute inflationsbereinigt gegenüber dem Dollar um ein Drittel billiger als Mitte der 90er-Jahre, als sie ebenfalls um die 80 Yen je Dollar kostete, wie Experten errechnet haben.

Wechselkurs als letzte Hoffnung

Selbst Brasiliens Finanzminister Guido Mantega, der im letzten Jahr vor einem «Währungskrieg» gewarnt hatte, liess gegenüber der Nationalbank Milde walten: Es handle sich um eine «extreme Situation», in der die SNB «zum Äussersten entschlossen ist», sagte er zum «Wall Street Journal». Auch gab sich Mantega zuversichtlich, dass die neue Wechselkurspolitik der Schweiz auf längere Sicht keine grösseren internationalen Auswirkungen haben dürfte.

Marktkenner teilen diese Einschätzung nur bedingt. Nachdem die Notenbanken ihre geldpolitischen Möglichkeiten – die herkömmlichen und die unorthodoxen – weitgehend ausgeschöpft haben, dürften sie sich jetzt verstärkt der Wechselkurspolitik zuwenden mit dem Ziel, die eigene Wirtschaft anzukurbeln, heisst es etwa. So könnte sich die US-Notenbank Mitte September schon deshalb zu einer neuerlichen Dollarflutung der Märkte entschliessen, um die eigene Währung noch weiter zu schwächen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2011, 06:08 Uhr

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51 Kommentare

Andres Müller

08.09.2011, 08:33 Uhr
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Die Schweizer haben erst einen Vorgeschmack davon erhalten welche Auswirkungen der Vertrauensverlust in das Papiergeld zeitigt. Und lieber Tagi, erkläre uns Lesern doch einmal warum wir seit unserem IWF-Beitritt unsere Devise nicht mehr an Gold anbinden dürfen (der IWF verbietet das) und warum dieses Gesetz überhaupt besteht. Erklären sie uns doch mal die Änderungen in der Bundesverfassung 1999 Antworten


Ursi Brock

08.09.2011, 08:47 Uhr
Melden 30 Empfehlung

In den Ländern in denen es poltisch Möglich ist die Löhne zu drücken wird das durchgezogen. Ueblicherweise wird ganz unten angefangen bis schliesslich die untere und obere Mittelklasse erreicht wurde. Noch lacht man über die unfähigkeit der anderen Nationen und beschimpft diese übelst. Dabei haben die Länder, die Menschen dort bereits hinter sich und sind mittendrin was hier noch bevorsteht... Antworten



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