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Anleitung für den Euro-Ausstieg

Verlässt Griechenland die Eurozone? Falls ja, wie verhindert man das totale Chaos? Ein britischer Unternehmer und Politiker vergibt einen hoch dotierten Preis für den besten Exit-Plan.

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Sparer in betroffenen Ländern würden die Banken stürmen, um ihre Euro-Guthaben in Sicherheit zu bringen, die Finanzinstitute kollabierten darob innert Kürze, und ganze Volkswirtschaften gerieten so in Schieflage. Dieses dramatische Szenario malten verschiedene Ökonomen bisher für den Fall, dass ein Euroland die Währungsunion verlassen würde.

Chaos und Untergang im Falle eines Euro-Ausstiegs muss allerdings nicht sein, wenn man sich denn auf einen solchen Schritt vorbereiten kann. Das sagte sich der britische Textilunternehmer (Next) und Oberhaus-Abgeordnete Lord Simon Wolfson. Er hob kurzerhand den Wolfson Economic Prize aus der Taufe. Dotiert ist er mit einer Viertelmillion Pfund, umgerechnet rund 350'000 Franken.

Erst so wird eine vernünftige Debatte möglich

Der Wolfson Economic Prize wird einmalig verliehen und ist nach Darstellung der Initiatoren nach dem Nobelpreis die höchstdotierte Auszeichnung, die weltweit an einen Wirtschaftswissenschaftler vergeben wird. Der Wettbewerb, organisiert über die Londoner Denkfabrik Policy Exchange, richte sich an internationale Spitzenakademiker. Für die Teilnehmer lautet die Leitfrage: «Wie kann ein geordneter Ausstieg aus der Europäischen Währungsunion von einem oder mehreren Mitgliedsländern abgewickelt werden?»

Der Preis würde helfen, einige der wichtigsten Fragen zu diesem Thema zu beantworten, gibt sich Lord Wolfson in der britischen «Financial Times» (Artikel online nicht verfügbar) optimistisch. «Während es viel Spekulation über mögliche Euro-Ausstiegsländer gab, haben wir viel zu wenig fundierte Forschung über die Probleme, welche dies nach sich ziehen würde», so der Preisgründer. Regierungen könnten wegen fehlender Exit-Pläne gar nicht vernünftig über Notfallpläne für die Währungsunion diskutieren, ohne dass sie ebendiese gefährden würden.

Denker vom Kaliber eines Stiglitz oder Krugman gesucht

Weil die Währungsunion schon jetzt in Schwierigkeiten steckt und täglich gegen den noch tieferen Fall kämpft, sind Lösungen dringend gefragt. Gerade mal bis Ende Januar nächsten Jahres bleibt den Bewerbern nun Zeit, um ihre Vorschläge einzureichen. 200 renommierte Wirtschaftsforschungsinstitute und Denkfabriken weltweit würden von Policy Exchange angeschrieben. Man hofft, Denker vom Kaliber der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, Paul Krugman oder Chris Pissarides anzusprechen, heisst es in dem «Financial Times»-Artikel.

Die zentrale Fragestellung eines geordneten Ausstiegs aus der Eurozone beinhaltet laut den Vorgaben des Wolfson-Preises die Behandlung von Aspekten wie die Sicherung von Spar- und Rentenguthaben, die Stabilisierung des internationalen Bankensystems und nicht zuletzt die ganze Arbeitsmarkt-Thematik.

Ausgerechnet die Briten

Dass mit Wolfson ausgerechnet ein Brite diesen Preis lanciert hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Das Königreich ist zwar EU-Mitglied, ein Beitritt in die Eurozone käme für die Briten überhaupt nicht infrage. Im Gegenteil, jüngst griff Aussenminister William Hague bezüglich des Euro zum verbalen Zweihänder: «Es war Wahnsinn, dieses System zu schaffen; jahrhundertelang wird darüber als eine Art historisches Monument kollektiven Wahnsinns geschrieben werden.»

Wolfson selber sieht es ganz ohne Schadenfreude: «Ich will nicht, dass der Euro zusammenbricht. Wenn das verhindert werden kann, wäre das für alle das Beste. Wie jeder in Europa hoffe auch ich, dass sich die Währungsunion durchkämpfen kann.» Das dürfte ganz im Sinne der Briten sein. Sie leben zu einem guten Teil vom zweitgrössten Finanzplatz der Welt, und ein Zusammenbruch des Euro würde auch das britische Bankensystem in die Tiefe reissen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.10.2011, 11:38 Uhr

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