Arbeitslosen Männern ist mit Kursen nicht geholfen

550 Millionen Franken gibt der Bund jedes Jahr aus, um Arbeitslose in Berufspraktika und Kursen weiterzubilden. Eine neue Studie zeigt, wie viel diese Massnahmen wirklich bringen.

Kursbesuche für die Katz? Arbeitslose Absolventen einer arbeitsmarktlichen Massnahme. Foto: Getty

Kursbesuche für die Katz? Arbeitslose Absolventen einer arbeitsmarktlichen Massnahme. Foto: Getty

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Was nützen die staatlichen Massnahmen zur Wiedereingliederung Arbeitsloser? Antworten findet man in einer neuen Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Untersucht wurde das Verhalten von 15'000 Arbeitslosen in sechs Kantonen, die während zwölf Monaten 720'000 Bewerbungen verfassten. Die Aufsichtskommission der Arbeitslosenversicherung (ALV) wollte wissen, ob und wie Kurse und Berufspraktika, in die Arbeitslose geschickt werden, sich auf den Bewerbungserfolg auswirken. Zum Teil sind die Programme freiwillig, zum Teil müssen sie absolviert werden.

Die arbeitsmarktlichen Massnahmen – so ihr offizieller Name – kosten die Arbeitslosenkasse jährlich 550 Millionen Franken. Das entspricht einem Zehntel der gesamten Arbeitslosengelder. Deshalb hat neben den Arbeitslosen auch der Bund ein grosses Interesse, die Wirkung der Programme zu kennen. Das sind die Befunde:

  • Am Anfang nützen Kurse nichts. Personen, die in den ersten drei Monaten der Arbeitslosigkeit in Kurse geschickt wurden, hatten weniger Erfolg in der Bewerbung als solche, die keine Kurse besuchten. Unterstützend wirken die Massnahmen erst ab dem 4. Monat.

  • Frauen profitieren mehr. Kurse, Praktika und Beschäftigungsprogramme führen bei Frauen zu 14 Prozent mehr Vorstellungsgesprächen, als wenn sie nichts unternähmen. Bei Männern sind es bloss 6 Prozent mehr.

  • Ausländer profitieren eher. Die arbeitsmarktlichen Massnahmen führen bei Ausländern zu 13 Prozent mehr Vorstellungsgesprächen. Bei Schweizern sind es im Schnitt 7 Prozent.

  • Enttäuschende Berufspraktika. Praktika im sogenannten «geschützten Rahmen» (Ateliers und Werkstätten) führen zu einem grösseren Bewerbungserfolg als Berufspraktika in einem Betrieb. Für Arbeitslose, die in Betrieben arbeiteten, stellt die Studie sogar einen Nachteil bei den Bewerbungen fest.

  • Kaderleuten nützen Kurse wenig. Die sogenannten Basisprogramme – das sind Bewerbungskurse und Kurse zur beruflichen Standortbestimmung – sowie Fachkurse und Beschäftigungsprogramme wirken sich bei früheren Kaderleuten negativ aus. Sie haben weniger Bewerbungschancen.

Das Seco streicht aber das positive Ergebnis über alle Gruppen gesehen hervor: Arbeitslose, die Kurse und Programme absolvieren, verfassen weniger Bewerbungen und erhöhen trotzdem ihre Bewerbungschancen. Laut der Studie werden sie im Durchschnitt rund 10 Prozent mehr an Vorstellungsgespräche eingeladen. «Die Teilnahme an den arbeitsmarktlichen Massnahmen scheint somit entscheidenden Einfluss auf die Qualität und Auswahl der Bewerbungen zu haben», so das Seco.

Mehr auf Zielgruppen ausrichten

Am 3. Juli werden die Kantone die Resultate der Studie an einer Tagung mit dem Seco diskutieren. Sie sind für die Umsetzung der Kurse und Programme zuständig. Der Leiter des Bereichs Arbeitslosenversicherung beim Seco, Oliver Schärli, hält die unterschiedlichen Resultate zwischen Mann und Frau für «überraschend». Ob sie aber wirklich ­geschlechterbezogene Ursachen hätten, sei offen. «Zu prüfen ist beispielsweise, ob Männer in gewissen Branchen gehäuft arbeiten und für sie die Basiskurse deshalb weniger taugen.»

Auch dass Berufspraktika schlecht abschneiden, müsse vertieft geprüft werden. Zu hinterfragen sei auch, warum frühere Kaderleute weniger von Kursen profitieren. Möglicherweise sind sie rasch unterfordert. Ein Beispiel ist der Bewerbungskurs. Wer geübt sei im Auftreten und in der Darstellung eines Bewerbungsdossiers, werde einen solchen Basiskurs als verlorene Zeit empfinden. «In Kantonen, wo Basiskurse für alle obligatorisch sind, muss das Obligatorium möglicherweise überdacht werden», sagt Schärli. Klar sei jedenfalls, dass die arbeitsmarktlichen Massnahmen «noch zielgruppenspezifischer ausgerichtet» werden müssten.

Was die Studie nicht prüfte, ist der Einfluss der Berater der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). «Ein Personalberater hat sicher Einfluss auf die richtige oder falsche Wahl einer solchen Massnahme», sagt Schärli.

Die Kantone seien verpflichtet, dafür zu sorgen, dass alle RAV-Berater «innerhalb einer gewissen Frist» den eidgenössischen Fachausweis in Personalberatung erlangten. Heute sei dies bei «nahezu 80 Prozent» der RAV-Berater der Fall, sagt Ursula Kraft vom Verband Schweizerischer Arbeitsmarktbehörden. Dass es nicht 100 Prozent sind, sei fluktuationsbedingt, sagt Kraft. Anders gesagt: Jeder fünfte RAV-Berater ist nicht hinreichend ausgebildet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.06.2014, 07:34 Uhr)

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